Corona-Experten Die Berater der Macht

Ein Immunologe, der die Regierung wachrüttelt. Ein Staatssekretär, der dem Präsidenten die Show stiehlt. Nicht nur in Deutschland zählen Politiker und Bürger in der Coronakrise auf Experten. Ein Überblick.
Informiert durch die Krise mit Christian Drosten

Informiert durch die Krise mit Christian Drosten

Foto: Janine Schmitz/photothek.net/ imago images/photothek

Bis vor wenigen Monaten war sein Name allenfalls Expertinnen und Experten ein Begriff: Christian Drosten genoss als Chef der Virologie an der Berliner Charité in Fachkreisen großes Ansehen. Aber erst seit dem Ausbruch des Coronavirus ist er deutschlandweit bekannt.

"Kann Drosten Kanzler?", fragten Zeitungen. Zugleich wurde er von Wissenschaftsfeinden angegriffen, erhielt Morddrohungen. Vergangene Woche empfing Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Virologen im Schloss Bellevue. "Ich bin froh, dass Politik in unserem Land auf der Basis von Vernunft und wissenschaftlichen Erkenntnissen gemacht wird", sagte er.

Es ist nicht nur Drosten, der in der Coronakrise zu einer öffentlichen Figur, zu einem Stichwortgeber für die Politik aufgestiegen ist. Weltweit zählen Regierende auf den Rat von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

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Frankreich

Er steht noch nicht lange im Dienst des Präsidenten. Jean-François Delfraissy, 71, Arzt und anerkannter Immunologe, wurde erst im März dieses Jahres von Emmanuel Macron an die Spitze des Wissenschaftlichen Rats berufen, der die Regierung im Umgang mit dem Coronavirus unterstützt.

Delfraissy kann für sich in Anspruch nehmen, Macron als Erster über die wahre Dimension dieser Krise informiert zu haben: Wenn Frankreich nicht handeln werde, so erklärte er am 12. März bei einem Krisentreffen im Élysée, sei mit 300.000 Toten und mehr zu rechnen.

Jean-François Delfraissy

Jean-François Delfraissy

Foto: Joel Saget/ AFP

Niemand war bis zu diesem Zeitpunkt von solchen Dimensionen ausgegangen. Erst Delfraissy sorgte dafür, dass Macron und seinen Beratern "an diesem Tag der Himmel auf den Kopf fiel", wie "Le Monde" schrieb.  "Herr Präsident, Frankreich schläft, aber es muss nun aufwachen", soll Delfraissy im Élysée gerufen haben.

Anschließend empfahl der 71-Jährige die sofortige Schließung der Schulen, die Isolierung von Kranken, das Verbot von Massenveranstaltungen und die Arbeit im Homeoffice. Am nächsten Tag wird Macron all dies verkünden.

Delfraissy ist ein anerkannter Wissenschaftler, jahrelang hat er zu Aids geforscht; 2014 wurde er vom damaligen Premierminister Manuel Valls mit der Koordination im Kampf gegen Ebola beauftragt; seit 2016 war er Vorsitzender des nationalen Ethikrats.

Die Franzosen haben diese ruhige und rationale Stimme, diesen Mann, der ihnen immer wieder die neuesten Infizierten- und Totenzahlen geduldig analysiert,  in den vergangenen Wochen schätzen gelernt. Auch nach Ende der Ausgangssperre rät der Immunologe weiterhin zu Vorsicht. Am liebsten hätte er Alte, Übergewichtige und andere Risikogruppen von den Lockerungen, die seit 11. Mai gelten, ausgenommen. In diesem Punkt aber wollte Emmanuel Macron ihm dann doch nicht folgen.

Großbritannien

Die Briten kennen Chris Whitty als ruhigen Mann - ein Eindruck, der nach Auftritten neben Boris Johnson nicht verwundert. Als medizinischer Chefberater der Regierung ist er die unaufgeregte Stimme neben dem polternden Premier. Seine Worte seien "flüssige Intelligenz", begeistern sich britische Medien, neben ihm verkomme der Premier zu einer "lästigen Ablenkung".

Chris Whitty

Chris Whitty

Foto: Henry Nicholls/ REUTERS

Es war Whitty, der den Briten ab dem 19. März die Notwendigkeit der strengen Ausgangssperre erklärte. Die neueste Lockerung von "stay home" zu "stay alert" - die Briten sollen nun wachsam sein, statt zu Hause zu bleiben - war angeblich nicht von ihm abgesegnet. In Interviews hatte er zuvor angekündigt, dass die Menschen noch bis mindestens Ende des Jahres auf Abstand gehen müssten. Großbritannien hat mit über 32.000 europaweit die meisten Covid-19-Toten zu beklagen.

2018 wurde der 54-Jährige erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als er die Regierung als Chefwissenschaftler bei der Aufklärung der russischen Novitschok-Giftmorde in Salisbury beriet. Der Epidemiologe lehrt und forscht an der Londoner Universität für Hygiene und Tropenmedizin. Unter anderem leitet er ein großes Malaria-Forschungsprojekt. Einen Großteil seiner Jugend verbrachte Whitty in Nigeria. In seiner Freizeit machte er einen Jura- und einen Wirtschaftsabschluss.

Whitty verkörpert die Rückkehr des Sachverstands in die Debatten im Königreich. Während der letzten großen Krise rund um das Brexit-Referendum hieß es noch von oberster Stelle: "Dieses Land hat genug von Experten."

Spanien

Fernando Simón, 56 Jahre alt, Spitzname Doc, leitet das Zentrum für die Koordinierung von Gesundheitsnotfällen in Spanien, aber das ist nur der Titel. In Wahrheit führt der Epidemiologe die Spanier durch die größte Krise seit Jahrzehnten.

Fernando Simón

Fernando Simón

Foto: Moncloa/ Europa Press/ DPA

Die Pandemie hat Spanien besonders hart getroffen . Jeden Vormittag steht Simón auf einem Podium und liest die neuesten Zahlen vor. Inzwischen werden sie jeden Tag besser. Seine Auftritte sind zum Ritual geworden, er ist eine Mischung aus spanischem "Tagesschau"-Sprecher und Popikone.

Wenn Simón neben entschlossen auftretenden Männern in Uniform steht, wirkt er bescheiden, fast fragil. Er spricht mit gebrochener Stimme, trägt Pullover und die Frisur wie Albert Einstein. "Allen einen wunderschönen guten Morgen", sagt er dann. Nur Ende März fehlte er, da kämpfte er selbst mit Covid-19.

Anfangs hat auch Simón die Gefahr des Virus unterschätzt, inzwischen hat er sich das Vertrauen der Spanier erarbeitet. Er spricht sachlich und ohne Pathos, seine Sätze sind nicht auf Effekt ausgelegt. Ihm hilft, dass er seinen Job den Konservativen zu verdanken hat. Sie brauchten in der Ebola-Krise einen Fachmann, jetzt dient er einer linken Regierung. Der politische Streit tobt in Spanien heftiger als in den meisten anderen Ländern, aber Simón erfasst er nicht.

Italien

Für Angelo Borrelli war die Trendwende schon am 30. April erreicht. Zum vorerst letzten Mal trat der Chef der italienischen Zivilschutzbehörde um 18 Uhr vor die Kameras. Seit dem 24. Februar hatte er die Italiener täglich und zuletzt zweimal pro Woche im Livestream über die jüngsten Infiziertenzahlen unterrichtet. Damit war es nun vorbei.

"Es tut mir ein bisschen leid, nun keinen direkten Kontakt mehr mit Ihnen zu haben", sagte Borrelli. Aber ein schriftliches tägliches Update reiche ab sofort aus. Die Zahlen sinken schließlich konstant und brauchen kaum noch Interpretation.

Angelo Borrelli

Angelo Borrelli

Foto: Remo Casilli/ REUTERS

Kompetent und ruhig hat Borrelli auch in den härtesten Tagen seine Daten präsentiert. Je nach Lage hatte er Regierungschef Giuseppe Conte oder Virologen an seiner Seite. Irre Tipps wie bei den Pressebriefings im Weißen Haus oder missverständliche Empfehlungen und verwirrendes Datenmaterial wie in Berlin gab es bei Borrelli nie. Seine Zahlen sind präzise, aktuell und verständlich auf einer eigenen Website fürs große Publikum aufbereitet - und nicht wie beim Robert Koch-Institut als "Informationen für die Fachöffentlichkeit" versteckt.

Der 55-Jährige ist einer der erfahrensten Katastrophenmanager Italiens. Er hatte mit schweren Erdbeben zu tun, mit Vulkanausbrüchen und Überschwemmungen. "In 18 Jahren beim Zivilschutz habe ich noch nie einen solchen Notstand erlebt", sagt Borrelli. "Unser System hat gut funktioniert."

Schweden

Seit Wochen gibt Anders Tegnell fast täglich Pressekonferenzen, die live übertragen werden. So wurde der 64-Jährige, der als Abteilungsleiter der Behörde für Volksgesundheit den Titel "Staatsepidemiologe" trägt, zum Gesicht der schwedischen Pandemie-Bekämpfung. Durch sein kantiges Auftreten in legerer Kleidung brachte er es zur Kultfigur, ein Fan ließ sich sein Porträt auf den Arm tätowieren.

Anders Tegnell

Anders Tegnell

Foto: Claudio Bresciani/ TT News Agency/ REUTERS

Der schwedische Weg ist ein anderer als in den meisten Ländern: Kindergärten und Schulen (ausgenommen die Oberstufe) blieben durchgehend geöffnet, ebenso Cafés und Restaurants. Für einen Lockdown, davon ist Tegnell überzeugt, gebe es "keine wissenschaftliche Grundlage". Eine weitere Besonderheit: Nicht die Regierung des Landes bestimmt, was zur Corona-Bekämpfung getan wird, sondern die Gesundheitsbehörde.

Da die Schweden großes Vertrauen in ihre staatlichen Experten haben, halten sich die meisten an Tegnells Empfehlungen: Abstand halten, auf Reisen verzichten, möglichst im Homeoffice arbeiten, bei Covid-19-Symptomen zu Hause bleiben. Dennoch zahlt das Land einen hohen Preis: Sehr viele, vor allem alte Menschen, sind durch das Virus gestorben, die Todesrate liegt ein Vielfaches höher als in den Nachbarländern. Tegnell sieht allerdings Vorteile für sein Land im Herbst, wenn die von ihm erwartete zweite Welle kommt: "Schweden wird dann eine hohes Maß an Immunität erreicht haben."

Mexiko

Mexikaner fluten das Internet mit Memes von Dr. Hugo López-Gatell, er hat fast eine Million Follower auf Twitter, WhatsApp-Nutzer verschicken Sticker mit seinem Konterfei. In der Coronakrise hat sich der Staatssekretär im Gesundheitsministerium in einen der bekanntesten und beliebtesten Politiker des Landes verwandelt.

Hugo López-Gatell

Hugo López-Gatell

Foto: Henry Romero/ REUTERS

Der 51-jährige Epidemiologe arbeitet für die Taskforce, die die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen soll, leitet aber auch die tägliche Pressekonferenz zur Krise. Millionen Mexikaner sehen zu, wenn López-Gatell jeden Abend die aktuellen Daten und Maßnahmen der Regierung erklärt. In Mexiko steigen die Corona-Zahlen, der Höhepunkt der Krise ist aber noch nicht erreicht: Die Regierung zählt bisher mehr als 38.000 Corona-Fälle und rund 4000 Tote.

Als Präsident Andrés Manuel López Obrador anfangs noch Hände schüttelte und die Gesundheitskrise verharmloste, trat López-Gatell als professioneller Krisenmanager auf. Mantraartig ermahnt er die Bevölkerung seit Wochen zu Hause zu bleiben und vermittelt eloquent, sachlich und unaufgeregt, wie es um das Coronavirus steht. Mexikos Corona-Erklärer ist vermutlich auch deswegen so beliebt, weil er ein Politiker ist, der nicht wie einer wirkt.

Südafrika

Seit mehr als sechs Wochen befindet sich Südafrika im Lockdown. Am 1. Mai wurden die Einschränkungen leicht gelockert, aber noch immer gilt die Ausgangssperre hier als eine der striktesten weltweit. Und immer größer werden die Ängste vor Hunger und einem massiven Anstieg der Armut. Wie die graduelle Lockerung der Einschränkungen nun vonstattengehen soll, hängt auch von der Einschätzung von Prof. Salim Abdool Karim ab.

Salim Abdool Karim

Salim Abdool Karim

Foto: Rajesh Jantilal/ AFP

Karim ist der Covid-19-Chefberater der Regierung. Sachlich und nüchtern erklärt er den Südafrikanern das Virus und berät die Regierung, deren Reaktion auf die Pandemie viel Lob erfuhr. In seiner mehr als 30-jährigen Karriere hat der Wissenschaftler erst zu Masern geforscht, bevor er den Vorsitz im Polio-Expertenausschuss der Regierung übernahm. Danach konzentrierte er sich auf Hepatitis-B und HIV. "Ich habe die meiste Zeit meines Lebens damit verbracht, Viren zu studieren. In gewisser Weise ist es nur logisch, dass ich mich jetzt dieser Herausforderung stelle", sagte er kürzlich.

Frank Hornig, Steffen Lüdke, Sonja Peteranderl, Dietmar Pieper, Isabella Reichert, Britta Sandberg, Fritz Schaap

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