Grenzbürgermeister verzweifeln an der Coronakrise Drüben und herüben

Oberndorf in Österreich und Laufen in Bayern waren jahrhundertelang eins. Nun stehen wegen der Coronakrise wieder Grenzposten zwischen den beiden Städten, die Bürgermeister kämpfen gegen Willkür und Hysterie.
Aus Oberndorf berichtet Walter Mayr
Die Bürgermeisterkollegen Georg Djundja (l.) und Hans Feil: Treffen an der Absperrung

Die Bürgermeisterkollegen Georg Djundja (l.) und Hans Feil: Treffen an der Absperrung

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Stadtgemeinde Oberndorf

Ein Corona-Gipfeltreffen an der deutsch-österreichischen Grenze, am Vorabend des 1. Mai. Es treten auf: Georg Djundja, Bürgermeister aus Oberndorf im Salzburger Land, nach eigenen Angaben "Hardcore"-Linker, offen schwul, Organist im örtlichen Gotteshaus; dazu der Kollege Hans Feil aus der bayrischen Nachbarstadt Laufen, CSU-Mitglied, Brilli im Ohr, verliebt in eine Frau auf der österreichischen Seite der Grenze. Und das bei weltweiter Reisewarnung.

Spätestens beim Thema Liebe fängt das Problem an. Am Telefon hat der Bayer gerade die Bundespolizei: "Wie ist denn das jetzt mit den eheähnlichen Lebensgemeinschaften, kommt da heute eine neue Regelung raus?", fragt Hans Feil.

Es herrsche im Moment "komplette Verwirrung", klagt Georg Djundja, der Österreicher: "Es kann doch nicht sein, dass man zu seiner Geliebten reisen darf, während einer Tochter, die auf österreichischem Gebiet lebt, erklärt wird, dass sie ihre 80-jährige Mutter drüben in Laufen nicht besuchen darf, obwohl die nach dem Schlaganfall ihres Mannes allein lebt?" Es habe schon Schreiduelle an der Grenze gegeben.

"Wos is, wos ham'mer denn scho' wieder für Fragen"

Der Traum vom grenzenlosen Europa - bis zum Ausbruch der Coronakrise wurde er kaum irgendwo sichtbarer gelebt als hier, in der Zwillingsstadt an der Salzach. Laufen und Oberndorf waren mehr als tausend Jahre lang eins. Erst nach den napoleonischen Kriegen wurde die Laufener Vorstadt den Österreichern, der Rest hingegen dem Königreich Bayern zugeschlagen.

Seitdem verläuft die Grenze exakt in der Mitte einer aus 715 Tonnen Stein und Stahl gefügten Brücke über die Salzach. Als Österreich 1998 dem Schengenraum beitrat, wurde hier symbolträchtig der Grenzbalken durchgesägt.

Nun aber stehen an beiden Enden der Länderbrücke in Behelfsunterständen neben alten Zollhäuschen wieder Angehörige der Grenzpolizei. Sie lassen nur den durch, der eine "dringende Notwendigkeit" nachweisen kann.

Die Tonlage der Staatsdiener changiert bisweilen ins Zackige. "Wos is, wos ham'mer denn scho' wieder für Fragen", herrscht ein junger Rekrut aus den weiten Österreichs die beiden Ortsvorsteher an, die sich dem Übergang nähern. Erst als er versteht, wen er vor sich hat, mäßigt er sich.

Das Essen für Senioren muss nicht mehr händisch über die Absperrung gereicht werden

"Teilweise sehe ich Parallelen zum Jahr 1816", sagt Feil, der Bayer. "Damals, nach der Einrichtung der Grenze, mussten die Oberndorfer ihre Verstorbenen im Sarg bis zur Mitte des Stegs über die Salzach bringen und dort übergeben, weil es nur in Laufen einen Friedhof gab." Was kaum einer für möglich hielt, sei nun infolge der Corona-Pandemie eingetreten: Zwischen Laufen und Oberndorf, wo sogar die Feuerwehren gemeinsame Einsatzpläne haben, kommt es zu Szenen wie im Kalten Krieg.

Das Essen für die Senioren auf der bayrischen Seite, die von Österreich aus mit warmen Mittagsmahlzeiten versorgt werden, musste vorübergehend händisch über die Absperrung gereicht werden. Proteste der beiden Bürgermeister hatten zumindest in diesem Punkt Erfolg. Auch kam es vor, dass Unverheiratete die Belastbarkeit ihrer Beziehung zum geliebten Partner am anderen Ufer der Salzach mithilfe von Fotos oder Meldezetteln zu beweisen hatten.

"Einen Zustand wie diese Trennung hat es seit 1945 nicht gegeben"

Georg Djundja, Bürgermeister von Oberndorf bei Salzburg

Am 2006 symbolträchtig eröffneten Europasteg, einer zweiten Brücke über die Salzach, glitzern im Sonnenschein die von Liebespaaren hinterlassenen Vorhängeschlösser. Hier spielten sich zuletzt Szenen ab wie in Berlin entlang der Bernauer Straße während des Mauerbaus.

Noch in den Ostertagen wagten sich Bürger von der österreichischen Seite her bis an die Absperrung vor, um an Angelschnüren befestigte Körbe mit Osterspeisen, Zeitungen aus dem Grenzgebiet und anderen Kostbarkeiten ans bayrische Ufer zu bringen. Ein Viertel der Einwohner dort sind österreichische Staatsbürger, hinzu kommen Verwandte, Freunde und Geliebte der Oberndorfer, die es nach Bayern verschlagen hat.

Szenen wie im Kalten Krieg

Auch gegrüßt und getratscht wurde über die Barriere hinweg. Selbst das ist nun nicht mehr möglich, weil der Zugang zum Steg bereits auf österreichischer Seite mit einem Eisengitter versperrt wurde. "Die Möglichkeit, auf Distanz von acht Metern mit Freunden zu kommunizieren und per Seilzug Sachen auszutauschen, war die ideale Maßnahme", beklagt ein Oberndorfer in seiner Mail an den Bürgermeister die zusätzliche Einschränkung. Der Ortsvorsteher wiederum verweist in seiner Verzweiflung schon mal auf die Einzigartigkeit der Situation: "Einen Zustand wie diese Trennung hat es seit 1945 nicht gegeben", sagt Georg Djundja.

Zwei Orte, Teil ein und derselben Kulturlandschaft inmitten schneebedeckter Gipfel und sattgrüner Wiesen - von Staats wegen aus Gründen vorgeblicher Fürsorge getrennt?

Begreift man die Corona-Pandemie als das große Bild, auf das die Welt derzeit gebannt starrt, so wirkt das Ganze, in Nahaufnahme betrachtet, grotesk. Die rührend anmutende Wahnvorstellung, das unsichtbare Virus lasse sich durch Barrikaden und Eisengitter an der Grenzüberschreitung hindern, ist zwischen Laufen und Oberndorf mit Händen zu greifen.

Eben erst hat Innenminister Horst Seehofer die Gültigkeit der Kontrollen an der Grenze zu Österreich um weitere zwei Wochen verlängert. Dabei wäre es hoch an der Zeit, "die Sinnhaftigkeit des Ganzen zu hinterfragen", sagt der Oberndorfer Bürgermeister Djundja, "es kennt sich ja kaaner mehr aus." Der Bayer Feil wiederum hat bei seinem Parteifreund, Ex-Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, Protest hinterlegt und sagt: "Wenn ich hör', zwischen Belgien und den Niederlanden gibt's praktisch keine Kontrollen, aber von Laufen kummt'ma net nach Oberndorf, do haut's mir den Vogel ausse."

Die deutsche Hotline ist vom österreichischen Ufer nicht zu erreichen

Nicht genug damit, dass die Burschen vom Trachtenverein auf bayrischer Seite das für den heutigen Freitag geplante, traditionelle Maibaum-Aufstellen haben absagen müssen. Nicht genug damit, dass der österreichische Bürgermeister den revolutionären 1. Mai diesmal nicht mit befreundeten Gewerkschaftern in Salzburg begehen kann.

"Drent und herent", also "drüben und herüben" in der Sprache der Salzach-Anrainer, wächst der Unmut über staatliche Anmaßung und bürokratisches Versagen. "Ein kleines Beispiel?", fragt Feil, der Bayer. "Für Fragen zum Grenzübertritt gibt es nicht nur eine, sondern sogar zwei Hotlines - das Problem ist nur, dass du die deutsche Nummer vom österreichischen Ufer aus gar nicht erreichen kannst, wir haben's ausprobiert."

Sagt's, lacht und fährt zurück über die Salzach nach Bayern.

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