Coronakrise und Propaganda Europa verliert den Kampf der Bilder

Im Kampf gegen das Coronavirus läuft die europäische Solidarität nur zögerlich an. China und Russland stoßen in diese Lücke - und schlachten das propagandistisch aus.
Wladimir Putin (r.) und Xi Jinping bei einem gemeinsamen Essen in Wladiwostok (2018)

Wladimir Putin (r.) und Xi Jinping bei einem gemeinsamen Essen in Wladiwostok (2018)

Foto: Sergei Bobylev/ dpa

Rund 64.000 Infektionen, mehr als 6000 Tote, ein kollabierendes Gesundheitswesen: Im Kampf gegen das Coronavirus kann Italien jede Hilfe gebrauchen. Und bekommt sie - aus Russland: neun Militärflugzeuge mit Masken, Beatmungsgeräten und medizinischem Material, Dutzende Spezialisten und öffentlichkeitswirksamen Kitsch.

Aufkleber mit Herzen zieren die jüngst eingetroffenen Lieferungen: eins in russischen, das andere in italienischen Nationalfarben, dazu die Aufschrift "Aus Russland mit Liebe". Italiens Außenminister Luigi Di Maio, der die Hilfsgüter mitten in der Nacht auf der Landebahn des Militärflugplatzes Patrica di Mare persönlich in Empfang nahm, dankte dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. "Italien ist nicht allein, es hat viele Freunde in der Welt."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Von ihren europäischen Freunden fühlte sich die italienische Regierung zuletzt hingegen ziemlich alleingelassen. Schon Ende Februar forderte das Land über den EU-Zivilschutzmechanismus Mundschutzmasken an . Die EU-Kommission rief die Mitgliedstaaten daraufhin auf, medizinische Ausrüstung nach Italien zu senden.

"Kein gutes Zeichen europäischer Solidarität"

Leider habe kein einziges EU-Land auf den Aufruf reagiert, schrieb Italiens EU-Botschafter Maurizio Massari vor zwei Wochen in einem Gastbeitrag für das Portal "Politico" . "Das ist kein gutes Zeichen europäischer Solidarität." Nur ein Land hatte zu diesem Zeitpunkt den italienischen Appell erhört: China. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des Artikels landete ein chinesisches Frachtflugzeug mit medizinischen Hilfsgütern und Experten an Bord in Rom. Vergangene Woche folgten rund 300 Mediziner.

Inzwischen kommt auch von den europäischen Partnern Unterstützung. Deutschland lieferte jüngst unter anderem 300 Beatmungsgeräte. Sachsen hat acht italienische Corona-Patienten aufgenommen. Doch in Italien hat sich längst der Eindruck breitgemacht, dass das Land in der Krise nicht auf seine europäischen Verbündeten zählen könne.

In auffälligem Gegensatz dazu steht die von Pathos und Propaganda ummantelte Unterstützung aus China, Russland und anderen Ländern. Seit dem Wochenende sind auch 52 kubanische Mediziner in Norditalien im Einsatz. Bei ihrer Ankunft in der Lombardei wedelten die Ärzte mit kubanischen und italienischen Fähnchen in die Kameras.

Russische Hilfslieferungen für Italien: Ausrüstung, Experten und Kitsch

Russische Hilfslieferungen für Italien: Ausrüstung, Experten und Kitsch

Foto: Alexei Yereshko/ AP

Russland und China hätten frühe Fehler der Europäer im Umgang mit der Coronakrise - wie die von mehreren Mitgliedstaaten erlassenen Exportbeschränkungen für Ausrüstung - ausgenutzt, sagte Nathalie Tocci vom Institute of International Affairs in Rom der "Financial Times" . Vor allem in Italien hätten diese Fehler die Europaskepsis, die sich bereits im Zuge der Eurokrise und beim Thema Migration breitgemacht habe, weiter genährt. Tocci sprach von einem Gefühl, dass Italien nun die dritte Krise durchlebe, in der es an europäischer Solidarität fehle.

Während Europa zum Epizentrum der Coronakrise geworden ist und die Regierungen der Mitgliedstaaten mit ihrer Bewältigung im eigenen Land mehr als ausgelastet sind, stellt sich die Lage in China und Russland - jedenfalls nach offiziellen Angaben - anders dar. In China gab es demnach zuletzt kaum noch neue Corona-Fälle; die wenigen Infektionen, die es gab, seien auf Reisende aus dem Ausland zurückzuführen. In Russland gibt es laut der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität derzeit knapp 500 Fälle, auch wenn Experten inzwischen an der Zuverlässigkeit der in dem Land durchgeführten Tests und den offiziell präsentierten Zahlen zweifeln.

Das ermöglicht es den beiden Ländern, nach außen hin als solidarische Wohltäter aufzutreten. Russischen Medienberichten zufolge dürfte der Einsatz der Militärärzte in Italien auch dazu dienen, Erfahrung für den Fall zu sammeln, dass die Coronakrise in wenigen Wochen auch Russland mit größerer Wucht trifft als bis jetzt. Kritiker argwöhnen, dass Moskau auch über den Umgang mit der Krise hinaus andere Interessen verfolgt. Die Aufbesserung des eigenen Images soll demnach dazu dienen, die Sanktionen aus der Welt zu schaffen, die die EU 2014 wegen der Ukrainekrise verhängte. Putins Sprecher Dmitrij Peskow stritt ab, dass die Unterstützung an irgendwelche Bedingungen geknüpft sei. Italien brauche in großem Maßstab Hilfe, und Russland helfe, wo es könne.

Die Bewältigung der Wirtschaftskrise wird Sache der Europäer sein

China unterstützt nun Länder auf der ganzen Welt mit Ärzten und Ausrüstung. Unter anderem schickt Peking Zehntausende Atemschutzmasken und Coronatests in die EU. Der chinesische Milliardär Jack Ma spendete eine Million Masken und Hunderttausende Tests an die USA. Bei der PR-Kampagne gerät schnell in den Hintergrund, dass staatliche Stellen in China die vom Virus ausgehende Gefahr über Wochen vertuschten. Auch beschränkte sich die Propaganda nicht auf das In-Szene-Setzen von Hilfslieferungen: So leisteten chinesische Offizielle zuletzt noch einer Verschwörungstheorie Vorschub, wonach das Coronavirus vom US-Militär entwickelt und nach Wuhan eingeschleppt worden sei.

So krude die Propaganda auch sein mag, die gegensätzlichen Bilder, die sie in manchen Köpfen entstehen lässt, könnten verfangen: hier die handelnden, helfenden Chinesen und Russen, dort die zögernden, unverlässlichen Europäer mit ihren Ausfuhrbeschränkungen und Grenzschließungen.

Die Wirtschaftskrise, die mit der Gesundheitskrise einhergeht, jedenfalls wird Sache der Europäer sein. Die Europäische Zentralbank hat ein Notfallprogramm über 750 Milliarden Euro aufgesetzt, die EU-Kommission die Haushaltsregeln gelockert. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) fordert bereits ein Rettungspaket für Italien. Jedem, der an der EU festhalte, müsse klar sein, dass Italien die Hilfe der Gemeinschaft brauche, sagte Hans dem SPIEGEL.

Zeichen der Solidarität dürften in den nächsten Wochen und Monaten immer wichtiger werden. Denn aktuell verliert Europa den Kampf der Bilder und Gesten. Mittelfristig dürfte das auch sicherheitspolitische Folgen haben. "Italiens Zuwendung zu China und Russland erfolgt auch, da sich die EU und deren Mitgliedstaaten aus italienischer Sicht als nur bedingt verlässlich in der Lage zeigen", heißt es in einem Lagebericht des Bundesverteidigungsministeriums, der dem SPIEGEL vorliegt. Italiens Rückgriff auf Hilfen aus China und nunmehr auch auf medizinisches Material und Personal aus Russland führe infolge der Belieferung mit russischen Militärmaschinen quasi zu Kontakten auf militärischer Ebene. Im Papier ist von einem "zunehmenden Einfluss der Gesundheitsversorgung und -politik" die Rede. In absehbarer Zeit sei mit "kontroversen Debatten zum Umgang mit Russland und China" in der EU und der Nato zu rechnen.

Mitarbeit: Matthias Gebauer