Österreichisch-ungarische Grenze "Wie geht es euch da drüben?"

Wegen des Coronavirus ist die österreichische Gemeinde Bildein hermetisch von ihrem ungarischen Nachbarort getrennt. Zwei Lokalpolitiker debattieren über das Virus und Viktor Orbán - in gebührendem Abstand.
Aus Bildein berichtet Walter Mayr
Österreichisch-ungarische Grenze: Gipfeltreffen an der Betonbarriere

Österreichisch-ungarische Grenze: Gipfeltreffen an der Betonbarriere

Foto: Walter Mayr

Wenn Walter Temmel sein Büro verlässt, sieht er Stacheldrahtverhau mitten im Ort. Dahinter verborgen ist ein improvisiertes Mahnmal, das an die Opfer des Kommunismus erinnern soll. Auf einem fünfzackigen roten Stern ausgestellt sind da feuerrot lackierte Büsten von Lenin, Stalin und Marx. 

Temmel ist Bürgermeister von Bildein, einem Dorf im Osten Österreichs, direkt an der Grenze zu Ungarn. Bis 1989 trennte hier der Eiserne Vorhang den Westen vom Osten. Lebensgefahr war Teil des Alltags in dieser Gegend, ein Verwandter Temmels wurde durch eine versteckte ungarische Mine getötet.

Der Bürgermeister, seit mittlerweile 27 Jahren im Amt, hat nach der Wende einen "Grenzerfahrungsweg" mit Zeugnissen aus der Zeit des Kalten Kriegs anlegen lassen - und seine Gemeinde zum "Dorf ohne Grenzen" ausgerufen. 

Jetzt aber steht Temmel am Grenzstein, der den Verlauf der Demarkationslinie zwischen Österreich und Ungarn anzeigt, zwischen dem burgenländischen Dorf Bildein und der gegenüberliegenden Gemeinde Pornóapati. Direkt vor ihm ist die Asphaltstraße auf ganzer Breite mit Betonblöcken versperrt. Dahinter, in acht Metern Entfernung steht sein Freund Walter Purker, ausgerüstet mit Anti-Coronavirus-Maske.

Alleinherrschaft des Regierungschefs

Walter, der Ungar, war mal Amtskollege von Walter, dem Österreicher - Bürgermeister drüben in Pornóapati. Beide sprechen Hianzisch miteinander, einen ursprünglich mittelbairischen Dialekt, der dies- wie jenseits der Grenze verstanden wird. 

Walter, der Ungar, hat seine Nachfolgerin Orsolya Fülöp mitgebracht zum Gipfeltreffen an der Betonbarriere, die den Verkehr zwischen beiden Dörfern unterbindet, seit die Ungarn sich zum Schutz vor dem Coronavirus zunehmend von der Außenwelt abriegeln.

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"Wie geht es euch da drüben?", brüllt Walter, der Österreicher, über die Absperrung hinweg gegen den Wind an. Er hat mitbekommen, dass wenige Stunden zuvor Premier Viktor Orbán sich in Budapest per Dekret eine Notstandsverordnung auf unbestimmte Dauer hat genehmigen lassen - ein dramatischer Schritt hin zur Entmachtung des Parlaments und zur Alleinherrschaft des Regierungschefs von der Fidesz-Partei. 

"Fast alle hier sind einverstanden mit den Maßnahmen", brüllt Walter, der Ungar, zurück, und die Bürgermeisterin fügt hinzu: "Viele hier haben durch Corona ihre Arbeit verloren, viele haben Angst, aber sie vertrauen der Regierung."

"Na ja, ein paar werden schon dagegen sein", murmelt auf österreichischer Seite der Barriere der Bürgermeister. Laut aber sagt er: "Wie sind denn bei euch die letzten Parlamentswahlen ausgegangen?"

Walter, der Ungar, tuschelt mit der Bürgermeisterin, dann übersetzt er: "An die 90 Prozent stimmten für Fidesz und die Koalition mit den Christdemokraten." Auf Hianzisch fügt er noch hinzu, dass die Zustimmungsraten zu Orbáns Politik trotz drastischer Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus hoch seien: "Durchschnittlich san bei uns olle auf aaner Schnur, außer die, denen jetzt die Gurgl trocken bleibt, weil de Gasthäuser g'schlossen sind."

Seid ihr Ungarn schlauer als alle anderen in Europa?

Aber bedeutet die Popularität Orbáns beim Wahlvolk, dass die Kritiker in ganz Europa unrecht haben, die ihm den Marsch in eine Quasi-Diktatur unterstellen? Ist der ungarische Weg in der Coronakrise der richtige?

"Mir sagt das der reine Bauernverstand", brüllt Purker, von Diktatur könne keine Rede sein: "Der Orbán hat ja seine Berater, Professoren, Experten, der entscheidet doch nicht allein. Allein kann der Mensch vielleicht schön sein, aber nicht gescheit."

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Seid ihr Ungarn schlauer als alle anderen in Europa?

"Die Zahlen besagen das momentan", schallt es zurück: "Wir haben im ganzen Land nur 15 Tote." Im bevölkerungsärmeren Österreich sind zu diesem Zeitpunkt bereits fast zehnmal so viele Todesopfer zu verzeichnen.

"Wie ist's bei euch in Ungarn drüben mit der Kurzarbeit, Walter?", fragt der Bürgermeister von Bildein.

"Die gibt's, heißt bei uns aber anders, nämlich unbezahlter Urlaub", antwortet der Ungar nach kurzer Rücksprache: "Die Bürgermeisterin kann jetzt dank dem neuen Dekret allein entscheiden, ohne den Gemeinderat zu fragen, ob jemand, der seinen Job verlor, Sozialhilfe bekommen soll." Bis zu 40.000 Arbeitslose gebe es jetzt im ganzen Land mehr.

"Bei uns sind's viel mehr, und bei euch wahrscheinlich auch", sagt halblaut der Österreicher, der sich Zweifel an der ungarischen Version nicht anmerken lassen will. Er ahnt, dass die Bürgermeisterin hinter der Betonabsperrung, Daunenjacke, pinke Schuhe, Sonnenbrille im Haar, nicht daran denkt, Kritik am System Orbán zu äußern. Auf das Verbreiten von falschen oder auch von "wahren, aber verzerrt dargestellten Nachrichten" mit Bezug zur Coronakrise stehen seit Mitternacht bis zu dreijährige Haftstrafen in Ungarn.

Offenkundig plane Orbán seine Selbstinthronisierung und die Errichtung eines "Königreichs", spottete noch vor Verabschiedung des Notfalldekrets die Opposition in Budapest, woraufhin der Premier erwiderte, die Verfassung erlaube leider noch keine "Krönung". Das ungarische Wort für "Krone" heißt "korona". Regimekritiker sprechen inzwischen von einer "koronadiktatúra.

Das sei Unsinn, brüllt Walter über die Betonbarriere hinüber nach Österreich: "Das Prinzip ,Ein Mann, ein Reich, ein Eigentümer' gibt es bei Orbán nicht." Auch werde die Straße hier ganz sicher wieder geöffnet, sobald die Coronakrise ausgestanden sei.

"Na dann", ruft Walter, der Österreicher, "minden jot" - alles Gute. "Servus", antworten die Ungarn. Dann steigen alle in ihre Autos und fahren ab. Jeder in seine Richtung.

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