Coronakrise in Argentinien "Ich vermisse es, mit den Lehrern zusammen zu sein"

In Argentinien sind die meisten Schulen seit Monaten geschlossen. Doch dem Fernunterricht können nicht alle Schüler folgen, weil Computer und Internetzugang fehlen. Hilfsorganisationen kämpfen, damit die Kluft nicht zu groß wird.
Von Florencia Tuchin und Sonja Peteranderl
Viele Schüler müssen in der Pandemie zu Hause bleiben - auch in Argentinien

Viele Schüler müssen in der Pandemie zu Hause bleiben - auch in Argentinien

Foto: Rebecca Nelson / Cultura / Getty Images
Globale Gesellschaft

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"Ich war in den vergangenen Monaten oft wütend, weil ich meine Hausaufgaben nicht machen konnte", sagt María Paz Bassi, eine 17-jährige Schülerin, die in San Lorenzo in der argentinischen Provinz Santa Fe lebt. Sie besucht eine technische Schule, die seit Beginn der Corona-Pandemie nur noch virtuell unterrichtet - doch Bassi hat zu Hause keinen Computer und kein Internet.

Einige Aufgaben kann die Schülerin mit dem Handy erledigen, aber es ist mühsam. "Manchmal teilt meine Mutter mobile Daten von ihrem Telefon mit mir, damit ich meine Klassenkameraden kontaktieren und ihnen über soziale Netzwerke Fragen stellen kann", sagt sie. "Ein paar Mal bin ich auch zum Haus meiner Tante gegangen, die WLAN hat."

In Argentinien wurde Mitte März der Präsenzunterricht ausgesetzt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Mehr als zehn Millionen Schüler und fast 900.000 Lehrer mussten die Klassenzimmer verlassen. Doch das Bildungssystem war nicht auf virtuelles Lernen und Lehren vorbereitet - und nicht alle Schüler haben zu Hause die notwendigen digitalen Ressourcen und angemessene Räumlichkeiten.

Jazmin Islas empfindet den Fernunterricht als anstrengend. Sie hat aber zumindest einen Laptop und Internet

Jazmin Islas empfindet den Fernunterricht als anstrengend. Sie hat aber zumindest einen Laptop und Internet

Foto: JUAN MABROMATA / AFP

Die drei argentinischen Provinzen San Juan, Formosa and Catamarca lassen daher seit der vergangenen Woche wieder Präsenzunterricht zu: Rund 30.000 Schüler aus ländlichen Gegenden und Kleinstädten dürfen nun wieder in die Klassenzimmer kommen.

Auch die Hauptstadt Buenos Aires will zumindest die Computerräume an mehreren Hundert Schulen  bald öffnen, damit Schüler ohne eigene Geräte und Internetverbindung am virtuellen Unterricht teilnehmen können. Der Plan muss allerdings noch vom Gesundheitsministerium abgesegnet werden und ist aufgrund des Ansteckungsrisikos umstritten. Bislang wird die Mehrheit der argentinischen Schüler weiter online unterrichtet - und viele kämpfen dabei mit eingeschränkter Internetverbindung und fehlenden Arbeitsgeräten.

San Juan war die erste Provinz, die den Präsenzunterricht wieder zugelassen hat

San Juan war die erste Provinz, die den Präsenzunterricht wieder zugelassen hat

Foto: RUBEN PARATORE / TELAM / AFP

18 Prozent der 13- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler in Argentinien haben einer Unicef-Umfrage  zufolge zu Hause keinen Internetzugang. 37 Prozent müssen ohne elektronische Geräte wie Computer, Laptops oder Tablets auskommen, die sie für den Unterricht bräuchten - an öffentlichen Schulen sind es mit 44 Prozent sogar fast die Hälfte. Ohne die Technik haben sie größere Schwierigkeiten, Hausaufgaben zu erledigen, den Kontakt mit den Lehrern aufrechtzuerhalten und Rückmeldungen zu ihrer Arbeit zu erhalten.

Die wohlhabenderen Schüler haben meist regelmäßigen Unterricht über digitale Plattformen, auf denen sie sich mit ihren Lehrern und Klassenkameraden treffen. Weniger privilegierte Kinder und Jugendliche versuchen, ihre Kurse mit der Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Organisationen zu bewältigen. Eine dritte Gruppe wird dagegen völlig abgehängt, weil sie dem Unterricht derzeit so gut wie gar nicht folgen können.

Das Coronavirus hat sich auch außerhalb der Hauptstadt Buenos Aires ausgebreitet: Argentinien verzeichnet bisher rund 350.000 Infektionen und 7.300 Todesfälle

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Foto: Juan Ignacio Roncoroni/EPA-EFE/Shutterstock

Hausarbeit statt Schule

"Die Pandemie macht es schwieriger für uns zu lernen", sagt María Paz Bassi. "Ich vermisse es, mit den Lehrern zusammen zu sein, und dass sie mir etwas erklären. In den vergangenen Monaten haben sie mich nie gefragt, wie es mir mit meinen Hausaufgaben geht." Bassi googelt nach Informationen, wenn sie etwas nicht versteht - oder sie fragt ihre Tutorin von Cimientos um Hilfe.

Die zivilgesellschaftliche Organisation führt seit 20 Jahren Bildungsprojekte durch, um die Bedingungen für Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen zu verbessern. Der Direktor der Organisation, Marcelo Miniati, betont, wie wichtig es sei, dass sie eine Bezugsperson haben, an die sie sich wenden können. "Viele Eltern können sie nicht unterstützen, und ein Tutor hilft ihnen, die Verbindung mit der Schule aufrechtzuerhalten", sagt er. Etwas, das die Kinder am meisten während der Quarantäne vermissen, sei der Kontakt mit dem Lehrer.

Miniati ist auch darüber besorgt, dass viele Kinder und Jugendliche in der Pandemie den Kontakt zur Schule verloren haben, weil sie zu Hause Gelegenheitsjobs erledigen oder sich um die Hausarbeit kümmern müssen. "Wenn der Unterricht wieder aufgenommen wird, werden wir Maßnahmen ergreifen müssen, damit diese Kinder wieder den Anschluss finden", sagt er.

Armenviertel ohne digitalen Anschluss

Petronila Yanayaco lebt in der Armensiedlung El Playón de Chacarita in Buenos Aires. Sie sitzt neben ihrem 15-jährigen Sohn Daniel, wenn er lernt. Aber sie weiß, dass sie ihm nicht viel helfen kann. Mit den Lehrern hat ihr Sohn keinen direkten Kontakt, Aufgaben und Lernmaterial senden sie ihm per E-Mail oder WhatsApp zu. "Wir sind zu Hause keine Lehrer", sagt Yanayaco. "Bei Problemen helfen ihm meine älteren Kinder per Videokonferenz."

Ihre Nichte hat der Familie einen Computer geliehen. Daniel muss ihn sich mit seiner Schwester teilen, die im ersten Studienjahr ist. Auch das Internet fällt in ihrem Viertel oft aus.

Spielplatz in Buenos Aires

Spielplatz in Buenos Aires

Foto: AGUSTIN MARCARIAN / REUTERS

Die gemeinnützige Organisation Asociación Civil por la Igualdad y la Justicia (ACIJ) kritisiert, dass die Stadtverwaltung von Buenos Aires keine Strategie habe, um die digitale Integration von Kindern zu verbessern.

"Wir haben eine Klage eingereicht, weil wir beobachtet haben, dass in Armensiedlungen und anderen Vierteln kein Internetzugang vorhanden ist", sagt Francisco Rodríguez Abinal vom ACIJ. "Die Unternehmen wollen nicht in diese Dienstleistungen investieren und die Stadtregierung plant keine öffentliche Politik, um Vereinbarungen mit diesen Unternehmen zu treffen." Es gebe zwar lokale Initiativen, die Internetzugang anbieten würden, sie würden aber nicht die ganze Nachbarschaft abdecken oder das Angebot sei sehr teuer.

"Schulbildung ist eher ein Luxus als ein Recht."

Magdalena Fernández Lemos von "Enseñá x Argentina"

Der Direktorin der Organisation "Enseñá x Argentina", Magdalena Fernández Lemos, zufolge würden Schulen normalerweise versuchen, die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen der Schüler auszugleichen - beim Fernunterricht geschehe dies aber nicht mehr. "Es gibt Kinder, die sich um ihre kleinen Geschwister kümmern müssen, sie haben keinen Platz zum Sitzen und Schreiben und niemanden, der sie unterstützt", sagt Magdalena Fernández Lemos. "Schulbildung ist eher ein Luxus als ein Recht."

Die "Germinare"-Stiftung, die ebenfalls Schüler unterstützt und ihnen etwa Laptops zur Verfügung stellt, hatte aber erst noch ein anderes Problem zu bewältigen: Rund 80 Prozent der staatlichen Schulen in Argentinien bieten den Kindern einem Uno-Bericht zufolge  normalerweise Frühstück, Mittagessen oder Snacks an - mit der Umstellung auf den virtuellen Unterricht fiel für bedürftige Schüler auch das Essen aus.

Die Stiftung vernetzt die Familien der Schülerinnen und Schüler mit lokalen Wohlfahrtsorganisationen und stattet sie mit Computern aus, damit die Jugendlichen alle Herausforderungen in der Coronakrise meistern können. So schaffen es viele bis an die Universität. Wie Mara Ferreyra. Die 18-Jährige hat in diesem Jahr ihr Psychologiestudium begonnen. Sie hatte sich darauf gefreut - einige der anderen Studenten kennt sie aber bisher nur von WhatsApp.

Eine längere Fassung dieses Berichts ist auf spanisch bereits hier  in dem Projekt "Planeta Futuro" von "El Pais" erschienen. Übersetzung: Sonja Peteranderl

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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