Coronakrise in Florida "Die Läden sind voll, und die Leute tragen keine Masken"

In Florida explodieren die Corona-Zahlen. Dale Holness, der Bürgermeister des Kreises Broward, zu dem Fort Lauderdale gehört, erklärt, woran das liegt - und was seine größte Sorge ist.
Ein Interview von Marc Pitzke, Fort Lauderdale
Sonnen auf eigene Gefahr: Corona-Warnung in Miami Beach

Sonnen auf eigene Gefahr: Corona-Warnung in Miami Beach

Foto: Wilfredo Lee/ AP

SPIEGEL: Mr. Holness, in Florida steigen die Corona-Zahlen dramatisch an, auch in Broward mit zuletzt fast 1000 neuen Fällen  am Tag. Trotzdem ignorieren viele Leute die Auflagen. Sie haben an diesem Wochenende, an dem die USA ihren Unabhängigkeitstag feiern, sogar die neulich geöffneten Strände wieder geschlossen. Was ist Ihre größte Sorge?

Holness: Alle Trends gehen in die falsche Richtung. Unsere größte Sorge? Die steigende Anzahl der positiven Corona-Tests. Aber auch die sogenannte Positivitätsrate - der Prozentsatz der infizierten Personen im Vergleich zu den getesteten. Die ist viel höher, als wir das wollen. Das Einzige, was uns trösten könnte, ist, dass die Sterblichkeitsrate nicht so hoch ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es jetzt eher jüngere Menschen sind, die positiv getestet wurden, und die haben keine Vorerkrankungen. Aber sie können trotzdem noch andere infizieren, die anfälliger sind.

SPIEGEL: Es scheinen aber gerade diese jungen Leute zu sein, die besonders leichtsinnig sind.

Holness: Genau das ist das Problem. Wir hatten diese Woche eine Konferenzschaltung mit den anderen Bürgermeistern der Region, und einer berichtete von einer Schulabschlussfeier mit 36 Personen in einem Haus, hauptsächlich Kinder und Jugendliche. 26 davon erkrankten bei dieser Party und trugen das Virus dann weiter zu ihren eigenen Familien, die ebenfalls krank wurden. Wir versuchen den Leuten also Folgendes einzubläuen: Geht nicht raus, versammelt euch nicht, vor allem nicht ohne Maske, in einem Restaurant oder einem Klub. Doch die Läden sind voll, und die Leute tragen keine Masken.

SPIEGEL: Was lässt sich dagegen tun?

Holness: Wir müssen unsere Corona-Auflagen  strenger kontrollieren. Wir müssen dafür mehr Leute einsetzen. Wir müssen die Polizei einsetzen, wenn Geschäfte und Restaurants dagegen verstoßen. Wir kennen sie ja, diese Hotspots, die Klubs und die Restaurants, die die Schutzvorschriften nicht einhalten. Die müssen wir schließen. Also fangen wir jetzt damit an.

Keine Angst vor Corona: Sonnenanbeter in Hollywood Beach in Broward, vor der Schließung der Strände zum Wochenende

Keine Angst vor Corona: Sonnenanbeter in Hollywood Beach in Broward, vor der Schließung der Strände zum Wochenende

Foto: Lynne Sladky/ AP

SPIEGEL: Der laxe Umgang mit den Corona-Vorschriften in Restaurants fällt Besuchern schnell auf.

Holness: Wir müssen sicherstellen, dass das nicht so weitergeht. Bars und Klubs dürfen bei uns ja eigentlich gar nicht geöffnet sein. Einige haben aber widerrechtlich offen, indem sie so tun, als seien sie Restaurants: Sie servieren ein bisschen was zu essen, aber in Wahrheit sind sie eine Bar. Auch Restaurants schummeln, sie dürfen nicht zu mehr als 50 Prozent belegt sein, sind sie aber, und sie achten auch nicht auf den Abstand. Die Gäste tragen keinen Mundschutz, in einigen Fällen auch die Mitarbeiter nicht.

SPIEGEL: Macht Sie das nicht wütend? In New York City standen wir 100 Tage unter Lockdown. Ihr Gouverneur Ron DeSantis hat sich über die New Yorker lustig gemacht. Und jetzt geht das hier los. Es ist ja nicht so, dass Florida nicht gewarnt worden sei. Was ist da los?

Karte

Holness: Wir kämpfen um das Gleichgewicht zwischen dem gesundheitlichen und dem wirtschaftlichen Wohlbefinden der Menschen. Wir kämpfen um den Verlust von Arbeitsplätzen und Einkommen ganzer Familien. Es herrscht enormer Druck, Geschäfte und Restaurants wieder zu öffnen. Wir dachten, zumindest auf lokaler Ebene umsichtig gehandelt zu haben, weil die Infektionsrate unter zwei Prozent fiel. Wir müssen den Leuten klarmachen, dass für jeden ein Risiko besteht. Dass es Menschen gibt, die das Virus weiterverbreiten, man sie aber nicht erkennt, weil sie selbst keine Symptome haben. Wir müssen erkennen, dass wir alle gemeinsam in dieser Sache stecken und dass wir zusammenarbeiten müssen, um die Verbreitung dieses Virus zu bremsen. Wir werden uns vielleicht nicht alle infizieren, aber die Krise wird sich auf die Wirtschaft auswirken, und das wird ziemlich jeden betreffen.

SPIEGEL: Broward lebt vom Tourismus. Was macht das Virus mit der Wirtschaft hier?

Holness: Die Tourismuseinnahmen in Broward sind um mehr als 90 Prozent eingebrochen. Der internationale Flughafen von Fort Lauderdale hat enorme Umsatzverluste, weil das Passagieraufkommen zeitweise auf fünf Prozent sank, inzwischen sind wir immerhin wieder bei etwa 15 Prozent. Doch auch das ist für den Flughafen und die Menschen, die dort arbeiten, natürlich immer noch nicht genug. Und in der Regel sind es Minderheiten, die darunter am meisten leiden, Schwarze und Latinos, da sie die meisten Dienstleistungsjobs haben. Außerdem leiden sie mehr am Coronavirus, da sie zu einem höheren Prozentsatz infiziert sind, ins Krankenhaus kommen und sterben.

SPIEGEL: Und Sie fallen oft durchs US-Gesundheitssystem.

Holness: Oft haben sie keine Krankenversicherung. Oft warten sie zu lange, um zum Arzt zu gehen, aus Angst vor den Kosten. Oft gibt es keine Krankenhäuser in ihrer Nähe. Auch verdienen sie oft weniger, können sich nicht so gesund ernähren, sind oft arbeitslos und leben oft in Armut. Das ist ein Problem, mit dem wir als Nation konfrontiert sind. Wir brauchen gemeinsame Lösungen, um diese Dynamik zu ändern.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Sie sagen "als Nation", aber es scheint so, als seien die Gemeinden in der Coronakrise auf sich allein gestellt, gerade in Florida.

Holness: Viele wünschen sich, und darunter bin ich auch, dass wir von der Regierung in Washington mehr Geld, Engagement, Koordination und Unterstützung erhalten würden. Die Landesregierung von Florida dagegen war ziemlich zugänglich. Aber auch deren Hilfsmittel reichen nicht, um uns durch die nächsten Monate zu helfen, bis wir die Infektionsrate auf einen Punkt senken können, an dem wir wirklich mit der Öffnung der Wirtschaft beginnen können.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass sich diese Krise noch bis in die Präsidentschafts- und Kongresswahlen im November auswirken wird? Florida ist ja ein Swing State: Wer Florida verliert, verliert das Weiße Haus, heißt es.

Holness: Wie sich das auswirkt, sehen Sie ja bereits in den Umfragen . Wobei eine Umfrage immer nur eine Momentaufnahme ist, wo sich die Menschen gerade gedanklich befinden, und was sie zwischen jetzt und November zu tun glauben. Aber ich bezweifle sehr, dass sich das noch ändern könnte. Ich denke, die Leute werden sich noch lange an die chaotische Art und Weise erinnern, wie Washington mit dieser Situation umging.

Essen mit Auflagen: Restaurant-Terrasse in Miami Beach

Essen mit Auflagen: Restaurant-Terrasse in Miami Beach

Foto: CHANDAN KHANNA/ AFP

SPIEGEL: Das ist sehr diplomatisch gesagt.

Holness: Ich stehe ja selbst auch zur Wiederwahl. Erst bei den kommunalen Vorwahlen im August und dann im November. Ich mache sogar an diesem Feiertagswochenende Wahlkampf.

SPIEGEL: Mitten in der Pandemie.

Holness: Ich diene weiter. Ich muss. Am Samstag, unserem Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, treffen wir uns am Rathaus von Fort Lauderdale - und zwar am Parkhaus. Wir bleiben in unseren Autos sitzen, fahren dann durch die Straßen und hupen und winken aus dem Autofenster mit Schildern und Plakaten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.