Weltweiter Vergleich Welche Länder am besten auf die Coronakrise vorbereitet waren

Die Coronakrise offenbart die Schwächen von Gesundheitssystemen. Wie viel geben die Länder für die Vorsorge aus? Wo werden Notfallpläne gut greifen? Und was kann Deutschland daraus lernen? Der Überblick.
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DER SPIEGEL

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Hinweis zum Text: Wir wurden in Zuschriften und Kommentaren darauf aufmerksam gemacht, dass eine Grafik zur Anzahl an Intensivbetten pro tausend Einwohner nicht mit der tatsächlichen Anzahl an Intensivbetten übereinstimmt. Entsprechende Daten bezogen sich in der Tat nicht auf Intensiv-, sondern auf Akutbetten. Daher haben wir die entsprechende Stelle aus diesem Text entfernt. Vielen Dank für Ihre Hinweise!

Es fehlt an Masken, Beatmungsgeräten, Fachpersonal: Die Coronakrise entlarvt weltweit auf dramatische Weise die Schwächen der Gesundheitssysteme.

Berichte von Ärztinnen und Klinikpersonal in chinesischen, spanischen  oder italienischen Krankenhäusern gingen um die Welt, sie alle sind durch die große Zahl von Covid-19-Patienten an ihre Leistungsgrenze gelangt . Gleichzeitig sorgen sich Mediziner und Experten um Länder, in denen die medizinische Versorgung ohnehin mangelhaft ist.

Wie gut Gesundheitssysteme weltweit für den Ernstfall einer Pandemie aufgestellt sind, zeigen die folgenden Daten und Grafiken.

Entwicklung der Fallzahlen weltweit

Bei der Gesamtzahl der bestätigten Infektionen weisen die USA mittlerweile mit großem Abstand die höchsten Werte auf. Fast 280.000 Fälle zählt das Land, gefolgt von Italien, Spanien und Deutschland. China, wo die Corona-Pandemie ihren ersten Höhepunkt erreichte, reiht sich inzwischen nur mehr auf Position fünf ein. Dort liegt die tägliche Wachstumsrate der Neuinfektionen beinahe bei null, während die Zahl der bestätigten Fälle in den USA nach wie vor rasant wächst und sich aktuell alle fünf Tage verdoppelt.

In Italien konnte die Zahl der Neuinfektionen zuletzt deutlich gebremst werden, ebenso in Spanien. Die Zahl der bekannten Infektionen verdoppelt sich hier aber noch immer alle 17 beziehungsweise 9 Tage.

Im internationalen Vergleich besonders besorgniserregend sind die Entwicklungen in Russland, Indien, der Türkei und der Ukraine. In der Türkei und in Russland hatten die Regierungen die Gefahr durch das Coronavirus lange heruntergespielt. In der Ukraine reagierte Präsident Wolodymyr Selenskyj zwar schnell und fuhr das öffentliche Leben nach den ersten Corona-Fällen im Land auf ein Minimum zurück. Jedoch ist das Gesundheitssystem der Ukraine unterfinanziert und in einem schlechten Zustand.

Wichtig ist: Man kann die Zahl der Infizierten zwischen den Ländern nur bedingt vergleichen. Auch wenn die WHO möglichst flächendeckende Tests fordert, sind die Testkapazitäten von Land zu Land unterschiedlich - genauso die Testpraxis. Wer getestet wird, ist nicht einheitlich geregelt. Wer nicht getestet wird, kann in keiner Statistik auftauchen. Es muss davon ausgegangen werden, dass eine große Dunkelziffer Infizierter besteht. (Fortlaufend aktualisierte Zahlen finden Sie in diesem Artikel.)

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Belastbarkeit der Gesundheitssysteme weltweit

2019 bot der Global Health Security Index GHSI erstmals einen Überblick zur weltweiten Gesundheitsversorgung. Der GHSI speist sich aus sechs Kategorien, eine davon: Wie belastbar sind die Gesundheitssysteme?

20 Indikatoren werden ausgewertet, darunter: Wie viel Personal arbeitet im Gesundheitssektor? Wie gut ist das Personal geschützt? Wie sind Krankenhäuser ausgestattet? Wie viele Menschen haben Zugang zum Gesundheitssystem?

Die Zahlen stammen aus dem vergangenen Jahr, seitdem ist in vielen Ländern - als Reaktion auf die Coronakrise - das Gesundheitswesen ausgebaut worden. Dennoch gibt der Index eine Orientierung, wo die Länder im Vergleich stehen.

  • Auffallend schlecht sieht es demnach im Nahen Osten und auf dem gesamten afrikanischen Kontinent aus. Im Kongo beispielsweise liegt der Index nur bei 6,3 von 100, ähnlich im Bürgerkriegsland Libyen.

  • Deutschland schneidet im Vergleich zu den USA, Kanada oder Frankreich nur mäßig ab, mit einem Index unter 50. Bemängelt werden unter anderem die Kommunikation im Gesundheitssektor im Krisenfall, die Versorgung mit medizinischer Schutzausrüstung und dass eine Strategie fehlt, wie im Notfall Gesundheitspersonal medizinisch behandelt wird.

  • Russland (Index bei 37,6) garantiert seit Sowjetzeiten jedem Russen Zugang zum Gesundheitssystem. Allerdings hängt die Qualität der Versorgung von der Klinik und vom Wohnort ab. Sind etwa die Krankenhäuser in den beiden großen Metropolen Moskau und Sankt Petersburg laut offiziellen Statistiken gut mit Beatmungsgeräten ausgestattet, sieht es in den Gebieten Leningrad (die Region umschließt Sank Petersburg und trägt bis heute im Gegensatz zur Stadt ihren aus sowjetischer Zeit stammenden Namen) oder Kaluga sehr viel schlechter aus, dort gibt es pro 100.000 Einwohner sehr wenige Apparate .

  • Großbritannien schneidet mit einem Index von 59 überdurchschnittlich gut ab. Durchaus überraschend, gilt doch das britische Gesundheitssystem NHS seit Jahren als marode. Über 100.000 Ärzte- und Pflegestellen sind unbesetzt, das Land hat weniger Krankenhausbetten pro Einwohner als vergleichbare Staaten. Das Land investiert 9,1 Prozent seines BIP ins Gesundheitssystem - und liegt damit knapp unter dem Durchschnitt vergleichbarer Industriestaaten. Im Zuge der Coronakrise kündigte der britische Finanzminister aber Investitionen von 5 Milliarden Pfund für das Gesundheitswesen an. Im Londoner Messezentrum wurde eine Corona-Station mit 4000 Betten eingerichtet.

Wie viel geben die Länder für ihre Gesundheitsversorgung aus?

Wie leistungsfähig ein Gesundheitssystem ist, hängt meist eng mit den jeweiligen Ausgaben für das System zusammen.

Mit Abstand am meisten Geld fließt in den USA ins Gesundheitssystem, mit 9870 US-Dollar pro Kopf und Jahr. Dazu muss man wissen: Das US-Gesundheitssystem ist im Grunde das beste System der Welt, leider aber nur für jene Bürger, die es sich leisten können. Wohlhabende Amerikaner mit der entsprechenden privaten Versicherung bekommen die besten Ärzte und die beste Behandlung, die überhaupt denkbar ist. Viele andere Teile der Bevölkerung müssen derweil versuchen, irgendwie genug Geld für die hohen Preise aufzubringen - oder sie dürfen eben möglichst nicht krank werden.

Die hohen Preise für Medikamente oder Arztbehandlungen wiederum entstehen durch die mangelnde staatliche Regulierung der gigantischen Gesundheitsindustrie. Sowohl die Pharmabranche als auch Krankenhäuser oder Ärzte sind bei der Preisgestaltung in den USA weitaus freier als in anderen Ländern. So kann ein beliebiges Medikament aus der Apotheke in den USA doppelt so teuer sein wie in Deutschland. Die saftigen Profite streichen die großen Konzerne ein.

In afrikanischen und südasiatischen Staaten investieren viele Länder weniger als 100 Dollar pro Einwohner in ihr Gesundheitssystem. In diesen Staaten wird es schwer werden, der Coronakrise etwas entgegenzusetzen.

  • Selbst in vergleichsweise gut entwickelten afrikanischen Ländern wie Ghana fehlt es an Fachpersonal, Krankenhäusern, Intensivstationen. Gerade auf dem Land hat die Bevölkerung fast keine Möglichkeit, einen Arzt aufzusuchen, weil die Medizinzentren meist in den Städten liegen. Selbst gut vorbereitete und mit speziellen Corona-Notfall-Stationen ausgestattete Länder wie Nigeria, das 2014 bereits die Ebola-Epidemie in den Griff bekam, könnten kaum einem Massenansturm von Schwererkrankten gerecht werden.

  • Die indische Regierung hat dem Land aus Angst vor dem neuen Coronavirus eine Ausgangssperre riesigen Ausmaßes verordnet. Indiens 1,37 Milliarden Bürger sollen drei Wochen lang zu Hause bleiben. Premier Modi sprach von Italien und den USA als "beste Gesundheitssysteme der Welt" - und implizierte, dass es Indien ungleich härter treffen würde als diese Länder.

Wie schnell kann ein Gesundheitssystem auf eine Pandemie reagieren?

Auch das wird im GHSI gemessen. Der Index vergleicht dabei nationale Notfallpläne. Interessant: Explizit wird berücksichtigt, wie viele Frauen Zugang zu einem Mobiltelefon und zum Internet haben. Denn Frauen sind in vielen Ländern benachteiligt gegenüber Männern, was den Zugang zu Informationen betrifft.

Im Vergleich schneiden die USA, Australien und südamerikanische Länder wie Chile und Brasilien relativ gut ab.

  • Brasiliens öffentliches Gesundheitssystem, das Sistema Único de Saúde (SUS), ist besser als sein Ruf. Jeder Kranke muss behandelt werden, und zwar kostenlos. Die öffentlichen Krankenhäuser verfügen bei Notfällen oft über bessere - weil erfahrenere - Ärzte als private Kliniken. Bei der Corona-Bekämpfung gilt das staatliche Forschungsinstitut Fiocruz international als Referenz, wird oft mit dem Max-Planck-Institut oder dem Institut Pasteur in Paris verglichen. Probleme des SUS sind jedoch Überlastung und Korruption in der Beschaffung von Ausrüstung und Medikamenten.

  • Das sozialistische Kuba entsandte vor Kurzem Ärzte nach Italien, um dort in der Coronakrise zu unterstützen.

  • In Europa sind Spanien, Portugal und Frankreich mit einem Wert über 60 demnach recht gut aufgestellt, auf eine Pandemie zu reagieren.

  • China, Russland, Deutschland oder Japan erreichen mittelmäßige Indizes. Und auch in dieser Kategorie stehen der afrikanische Kontinent und Teile Zentral- und Südasiens eher schlecht gerüstet da.

Hinweis: Dieser Artikel gibt die Situation zum Stand 2. April 2020 wieder. Laufend aktualisierte Zahlen finden Sie in diesem Artikel.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels war von einem Ebola-Ausbruch im Kongo die Rede. Tatsächlich gab es Ebola nur in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo. Wir haben die Stelle angepasst. Außerdem haben wir den Namen des brasilianischen Gesundheitssystems Sistema Único de Saúde korrigiert.

Mitarbeit: Anne Backhaus, Jens Glüsing, Christina Hebel, Roland Nelles, Isabella Reichert

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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