Coronakrise in Großbritannien »Ostern eine neue Welt«

Eine neue Variante des Coronavirus legt das Land still – und in wenigen Tagen droht der No-Deal-Brexit. Trotzdem versucht Premier Boris Johnson, die Lage schönzureden. Doch immer weniger Briten vertrauen ihm.
Aus London berichtet Julia Smirnova
Premier Boris Johnson (am 21. Dezember): Kehrtwenden, Fehleinschätzungen, falsche Versprechen

Premier Boris Johnson (am 21. Dezember): Kehrtwenden, Fehleinschätzungen, falsche Versprechen

Foto: TOLGA AKMEN / AFP

Boris Johnson, der sonst so wortgewandte Premier, bemühte sich verkrampft um Zuversicht: Es sei ja »nur« ein Fünftel des Warenverkehrs mit dem Kontinent, das durch die aktuellen Verkehrsbeschränkungen mit Frankreich ausgebremst werde, sagte er am Montag. »Das Gros an Lebensmitteln, Medikamenten und Versorgungsgütern« würde das Land wie immer erreichen und verlassen können. Auch habe er ein »gutes Gespräch« mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron geführt und hoffe auf eine Lösung, sogar »in den nächsten Stunden«.

Doch in Wirklichkeit war manches sogar schlimmer, als Johnson es darstellte: Statt, wie er sagte, standen nicht »nur noch rund 170 Lkw« vor dem Hafen von Dover auf der Autobahn M20, sondern bis zu 1500. Im Gespräch ist, alle Fahrer auf das Virus zu testen, bevor sie den Ärmelkanal queren dürfen.

Stau, Chaos, ein vermasseltes Weihnachtsfest – so sieht das dramatische Ende eines Jahres aus, das für Johnson eigentlich ganz gut begonnen hatte. Im Dezember 2019 hat er mit seinem Versprechen, den Brexit über die Bühne zu bringen, eine deutliche Mehrheit im Parlament gewonnen, darunter viele Sitze im Norden Englands, in den Hochburgen der Labourpartei. Doch dann traf die Pandemie das Land – und ausgerechnet jetzt noch eine neue, besonders ansteckende Variante des Coronavirus.

Mehr als 40 Länder haben den Verkehr mit Großbritannien bereits vorübergehend eingestellt. Nun wird das Vereinigte Königreich sogar noch vor Ablauf der Brexit-Übergangsfrist vom Rest Europas abgeschottet. Johnson steht unter Druck. Die neue Corona-Variante hat sich in allen Teilen des Landes verbreitet, sagte am Montag Patrick Vallance, der wissenschaftliche Berater der Regierung. Er deutete an, dass auch in weiteren Regionen bald so harte Lockdown-Maßnahmen erforderlich sein werden, wie sie schon in London und dem Südosten England gelten.

Falsche Versprechen enttäuschen viele Briten

»Wir können uns ab Ostern auf eine ganz neue Welt freuen«, versuchte der Premier seine Landsleute zu beruhigen. Schließlich sei ja bereits einer halben Million Menschen die erste von zwei Dosen des Coronavirus-Impfstoffes verabreicht worden.

Doch ob die Briten ihm noch glauben? Viel zu oft hatte Johnson in diesem Jahr fantastische Versprechen gemacht – und nicht einhalten können. Noch Mitte März, als die Pandemie gerade begann, sagte er: »Wir können das Blatt innerhalb von zwölf Wochen wenden«. Auch vor Weihnachten hielt er bis zum letzten Moment trotz steigender Zahlen an der Illusion fest, die Familien können mehrere Tage in einer »Christmas bubble« zusammen feiern.

Umfragen zeigen, dass viele Briten die Leistung von Johnsons Kabinett negativ bewerten. So fand das Meinungsforschungsfirma Ipsos MORI heraus, dass 63 Prozent glauben, die Regierung habe den Brexit schlecht gemanagt. Auch das Management in der Coronakrise bewertet eine Mehrheit negativ – dabei hatte Johnson das »weltbeste« System der Test- und Kontaktverfolgung versprochen.

Druck sogar aus der eigenen Partei

Sogar innerhalb der Konservativen Partei wächst die Unzufriedenheit. Gerade die harten Brexiteers fürchten, Johnson könnte an vielen Fronten gleichzeitig in Bedrängnis geraten und im letzten Moment doch zu viele Kompromisse in den Verhandlungen mit der EU eingehen.

Dennoch könnte eine Einigung mit Brüssel auf ein Handelsabkommen, wie dünn es auch immer ausfallen würde, die Stimmung wieder etwas beruhigen. In den britischen Zeitungen wird spekuliert, das Parlament könnte nächste Woche zusammenkommen, um am 30. Dezember noch rasch über einen Deal abzustimmen – es wäre der allerletzte Moment, um ein fatales No-Deal-Szenario zu verhindern.

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