Corona-Verfehlungen von Dominic Cummings Der gefährliche Berater

Der Chefberater von Boris Johnson entschuldigt sich nicht für den Bruch der Lockdown-Regeln, er bedauert ihn nicht mal - und zurücktreten wird er auch nicht. Der Skandal wird nun auch für den Premierminister gefährlich.
Cummings (l.) und Johnson (r.): Stolpert der Premierminister über den Skandal seines Beraters? (Archivbild)

Cummings (l.) und Johnson (r.): Stolpert der Premierminister über den Skandal seines Beraters? (Archivbild)

Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS/ AFP

Dass Dominic Cummings, der Chefberater des britischen Premierministers Boris Johnson, am Montag eine eigene Pressekonferenz gab, war für den britischen Politikbetrieb ein äußerst ungewöhnlicher Schritt. Regierungsberater bleiben in der Regel im Hintergrund - im Gegensatz zu gewählten Politikern. Doch der exzentrische Cummings ist schon lange dafür bekannt, Regeln und Konventionen zu brechen, ob mit seiner lässigen Kleidung oder mit Äußerungen über die politischen Eliten.

Nun steht er seit Tagen selbst im Zentrum eines Skandals und versucht zu erklären, warum er die Regeln des Coronavirus-Lockdowns nicht beachtet hat. Nachdem bekannt wurde, dass er Ende März mit seiner Frau und seinem Sohn 430 Kilometer durch England zum Haus seiner Eltern in die nordenglische Grafschaft Durham gefahren war, wurden Rufe nach seinem Rücktritt in den letzten Tagen immer lauter.

Am Montagnachmittag erschien Cummings vor Journalisten im Garten neben dem Regierungssitz eine halbe Stunde später als geplant, ohne Krawatte, die Hemdsärmel hochgekrempelt. Er machte klar, dass er nicht zurücktreten wird. Auch eine Entschuldigung oder Bedauern seiner Handlungen hat er nicht angeboten. "Ich bedauere nicht, was ich getan oder gesagt habe", erklärte Cummings. "Ich glaube, was ich getan habe, war vernünftig." Der einzige Fehler, den er eingestand, war, vor der Reise nach Durham nicht mit dem Premierminister darüber gesprochen zu haben. Er warf den britischen Medien vor, falsche Berichte über ihn verbreitet zu haben, was zu öffentlichem Groll geführt habe.

Cummings bei der Pressekonferenz: Ärmel hoch, Visier runter

Cummings bei der Pressekonferenz: Ärmel hoch, Visier runter

Foto: POOL/ REUTERS

Kinderbetreuung und ein Augentest

Länger als eine Stunde lang trug Cummings seine Version der Ereignisse vor und bestand darauf, keine Regeln gebrochen zu haben. Am 27. März zeigte seine Frau, die Journalistin Mary Wakefield, Symptome des Coronavirus. Ein Video von diesem Tag zeigte, wie Cummings eilig den Regierungssitz verlässt. Die offizielle Richtlinie der Regierung in dieser Zeit war, dass Menschen mit Corona-Symptomen sich für sieben Tage und ihre Familienangehörige für 14 Tage in Hausquarantäne begeben sollen. Trotzdem entschied Cummings, am selben Tag zum Hof seiner Eltern in die Grafschaft Durham zu fahren.

Er erklärte, seine Umstände seien eine Ausnahme gewesen, denn er habe Betreuung für den vierjährigen Sohn gebraucht für den Fall, dass er und seine Frau beide erkrankt seien. Seine Schwester und Nichten hatten ihre Hilfe dabei angeboten. Kinderbetreuung in London sei keine Option gewesen. Cummings sagte, er habe während der gesamten Fahrt nicht mal zum Tanken angehalten, er habe seine Eltern nur auf Distanz gesehen und sei mit seiner Familie in einem separaten Haus geblieben. Auch er selbst habe Corona-Symptome entwickelt, allerdings erst nach der Ankunft in Durham. 

Der zweite Teil seiner Geschichte klang deutlich weniger überzeugend. Am Ostersonntag, dem 12. April, wurde Cummings Familie neben dem mittelalterlichen Schloss Barnard Castle gesehen, das rund 45 Kilometer vom Haus seiner Eltern entfernt ist. Ein pensionierter Lehrer hatte den Vorfall bei der Polizei gemeldet. Vor dem Osterwochenende waren die Briten explizit dazu aufgerufen worden, trotz des guten Wetters die Lockdown-Regeln nicht zu brechen und keine Reisen zu Touristenorten oder in ihre Zeitwohnsitze zu unternehmen. Nun behauptete Cummings, die Reise zum Schloss sei lediglich ein Test gewesen, ob er lange genug fahren könne und ob seine Sehkraft gut genug sei.

Am Ostermontag kehrte Cummings mit der ganzen Familie nach London zurück und begann wieder zu arbeiten. Danach habe er die Hauptstadt nicht verlassen. Die Berichte der Zeitungen "Guardian" und "Daily Mirror", dass er auch am 19. April in einem Wald in Durham gesehen wurden, seien falsch.

Johnson setzt sich für Cummings ein

Der Skandal um Cummings entwickelt sich allerdings jetzt schon zu einer politischen Krise und brachte Premierminister Johnson in Erklärungsnot. Am Montagabend wiederholte Johnson während seiner Pressekonferenz, was er schon am Sonntag sagte: sein Berater habe "verantwortungsvoll, legal und mit Integrität" gehandelt. Er stehe weiter zu Cummings und halte dessen Erklärungen für plausibel. Allerdings bedauere er die "Verwirrung, die Wut und den Schmerz, den die Menschen spüren". Nachfragen ließ Johnson dieses Mal nicht zu.

Protest vor Cummings Zuhause: "Eine Regel für die Elite"

Protest vor Cummings Zuhause: "Eine Regel für die Elite"

Foto: FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/Shutterstock

Damit machte er deutlich, wie wichtig ihm der umstrittene Berater ist. Cummings hat maßgeblich zum Aufstieg Johnsons beigetragen und genießt seitdem immenses Vertrauen bei ihm. Der Wahlkampfexperte hat die berühmten Slogans "Take back control" ("Die Kontrolle zurückgewinnen") und "Get Brexit done" ("Den Brexit liefern") formuliert, die im Zentrum der Brexit-Kampagne vor dem Referendum und Johnsons Wahlkampagne vor den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr standen. Die beispiellose Loyalität Johnsons seinem Berater gegenüber wurde bereits im Februar offensichtlich, als der Finanzminister Sajid Javid nach einem Konflikt mit Cummings die Regierung verlassen musste.

Doch nach Pressekonferenzen von Johnson und Cummings hat sich der Skandal nicht beruhigt. Mehrere Abgeordnete der Konservativen Partei haben am Montag den Rücktritt von Cummings gefordert. Keir Starmer, der Chef der Labourpartei, sagte, Johnson habe die Öffentlichkeit "mit Verachtung" behandelt und erinnerte daran, dass Millionen Menschen im Lockdown darauf verzichten mussten, ihre Verwandten zu sehen oder zu Beerdigungen zu fahren. "Eine Regel gilt für die Berater des Premierministers, andere Regeln für alle anderen." Wissenschaftler und Bischöfe der anglikanischen Kirche sprachen von einem Vertrauensbruch.

Auch wenn Johnson versucht, diese Krise durchzustehen, färbt das Verhalten seines Beraters negativ auf ihn ab und könnte auch für ihn gefährlich werden. Cummings, der dafür bekannt war, die politische Stimmung im Land so gut zu spüren, scheint sich diesmal verschätzt zu haben.

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