Grenze zwischen Guinea und Senegal "Auf den Lastern verrottet das Gemüse"

Der Grenzübergang zwischen Guinea und dem Senegal ist eine der Hauptschlagadern des Handels in der Region. Hier berichtet ein Mitarbeiter der Uno-Organisation für Migration, wie es dort jetzt aussieht.
Aufgezeichnet von Benjamin Moscovici
Grenzposten in Seleki zwischen dem Senegal und Gambia (Archivbild)

Grenzposten in Seleki zwischen dem Senegal und Gambia (Archivbild)

Foto: Emma Farge / REUTERS
Globale Gesellschaft

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Die angekündigte Katastrophe in Afrika in Folge der Corona-Pandemie ist bislang ausgeblieben. Auch, weil fast alle Staaten früh ihre Grenzen geschlossen haben. Inzwischen aber machen sich die wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns immer stärker bemerkbar. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung des afrikanischen Kontinents schrumpfen wird .

Der Guineer Lanciné Diané leitet für die Internationale Organisation für Migration (IOM) ein Team, das Beamten an dem Grenzübergang Boundou-Fourdou zwischen dem Senegal und Guinea bei der Umsetzung der neuen Corona-Regeln helfen soll. Er hat ein eigenes Maß für die Gesundheit der Wirtschaft: Die Anzahl an Lkw, die seinen Grenzposten passieren.

Hier erzählt er, wie sich das Leben verändert hat, seit der Verkehr zum Erliegen kam.

Lanciné Diané

Lanciné Diané

Foto: Lanciné Diané

"Der Anfang im März war dramatisch. Niemand wusste, was los war. Von der einen Seite kamen diese Anweisungen, von der anderen Seite jene. Es herrschte totales Chaos: Auf den Ladeflächen der Laster verrottete das Gemüse, auf dem Parkplatz stritten Taxifahrer mit ihren Fahrgästen, wie es nun weitergehen solle, und im Schatten der Bäume telefonierten Menschen verzweifelt mit ihren Familien.

Inzwischen hat sich die Situation beruhigt. Senegal und Guinea lassen strategisch wichtige Transporte - etwa von Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff - jetzt schneller ins Land. Die Abläufe haben sich eingeschliffen; Hände desinfizieren, Abstand halten, Fieber messen.

Aber insgesamt hat der Verkehr dramatisch abgenommen. Heute kommen hier am Tag nur noch rund 35 Laster durch. Früher müssen es Hunderte gewesen sein. Auch Busse und Taxen kommen kaum noch. Die Zahl der registrierten Grenzübertritte ist um rund 90 Prozent gesunken. Ich kann mir nur ausmalen, was das für unsere Wirtschaft bedeutet. Immerhin liegen wir an der Strecke zwischen den Hauptstädte Dakar und Conakry. Das ist eine der Hauptschlagadern des Handels hier in der Region.

Früher sind hier auch viele Migranten durchgekommen. Das ist der eigentliche Grund, warum wir von der IOM hier sind. Wir wollten einen Überblick über die Migrationsbewegungen erhalten. Die meisten haben sich hier in der Region bewegt, andere wollten Richtung Europa. Auch das gibt es heute kaum noch.

Temperaturmessen am Grenzübergang: "Manche sind schon routiniert, gerade die Lkw-Fahrer", sagt der IOM-Mitarbeiter Lanciné Diané

Temperaturmessen am Grenzübergang: "Manche sind schon routiniert, gerade die Lkw-Fahrer", sagt der IOM-Mitarbeiter Lanciné Diané

Foto: Lanciné Diané

Insgesamt ist es ruhig geworden bei uns an der Grenze. Früher warteten draußen die Geldwechsler, bereit sich auf jeden zu stürzen, der die Einreiseformalitäten hinter sich gebracht hatte. Frauen boten geschälte Orangen, Sandwiches und hart gekochte Eier an, und junge Männer mit Motorrädern warteten stundenlang auf Fahrgäste. Sie alle sind verschwunden.

Dafür hat der Schmuggel zugenommen. Neulich habe ich mit einem jungen Schmuggler gesprochen. Mit seinem Motorrad bringt er Menschen über Schleichwege auf die andere Seite der Grenze. Er sagte, dass er sehr, sehr vielen Menschen so über die Grenze helfe. Er hat mir sogar Bilder von sich und seinen Passagieren gezeigt.

Das ist natürlich beunruhigend. Immerhin sind das alles Menschen, die ungetestet ein- und ausreisen. Menschen, deren Verbleib wir nicht kennen und kontrollieren können. Das ist ein Risiko. Auf der anderen Seite haben wir bislang bei uns am Grenzübergang noch nicht einen einzigen Corona-Fall registriert.

Trotz des Schmuggels und der illegalen Grenzübertritte steht fest: Die großen Migrationsbewegungen Richtung Europa haben sich enorm abgeschwächt. Aber das ist nur eine Momentaufnahme.

Die Menschen, die Länder wie Guinea, die Elfenbeinküste oder Mali verlassen, das sind Menschen, die in ihrer Heimat keine Zukunft sehen, die raus aus der ewigen Armut wollen. Menschen, die das Gefühl haben, nichts mehr zu verlieren zu haben.

Ich denke, wir müssen die Grenzen langsam und vorsichtig wieder öffnen. Ansonsten erstickt unsere Wirtschaft. Wenn wir keinen Weg finden, mit dem Virus zu leben und den Menschen ihre letzten wirtschaftlichen Perspektiven genommen werden, dann werden sich bald umso mehr von ihnen auf den Weg machen."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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