Coronakrise in Iran Tod in der Isolation

Irans Machthaber haben die Seuche lange verharmlost. Nun trifft die Krise das Land umso härter, jeden Tag sterben Hunderte Menschen. Verschärft wird die Situation durch die Sanktionen der USA.
Iran hat kostbare Wochen verloren, die Seuche früh zu bekämpfen

Iran hat kostbare Wochen verloren, die Seuche früh zu bekämpfen

Foto: Rouzbeh Fouladi/ dpa

Kurz bevor er an Covid-19 starb, nahm der iranische Arzt Mehdi Variji noch ein Video auf: "Geht’s euch gut? Mir geht's nicht gut. Ich habe immer noch Fieber. Das verdammte Fieber lässt mich nicht los. Wenn ich entzündungshemmende Medikamente nehme, geht das Fieber weg. Wenn ich sie nicht nehme, bleibt es. Bitte passt auf euch auf. Ich liebe euch. Bis bald."

Varijis Kollegen haben das Video auf Twitter veröffentlicht. Es soll all jenen in Iran eine Warnung sein, die Corona immer noch nicht ernst nehmen, die das Virus noch immer für eine Erfindung der Amerikaner halten. 

3,5 Millionen Iraner könnten am Coronavirus sterben

Iran ist so stark von Corona betroffen wie kaum ein anderes Land. Die Behörden melden offiziell 20.000 Fälle. In Wahrheit dürften es noch deutlich mehr sein. Der Notfalldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Rick Brennan, der gerade in Iran war, glaubt, dass das iranische Regime das Ausmaß der Krise vertuscht. Die Zahl der Corona-Toten würde schon heute fünfmal höher liegen als offiziell angegeben.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

3,5 Millionen Iraner würden am Coronavirus sterben, wenn "die Menschen nicht kooperieren", warnt Afrouz Eslami, Medizinerin an der Sharif-Universität. Bei relativer Kooperation rechnet die Wissenschaftlerin immerhin noch mit 300.000 Infektionen und 110.000 Todesfällen.

In einer sich schnell verbreitenden Pandemie, bei der Zeit der entscheidende Faktor ist, hat Iran kostbare Wochen verloren, die Ausbreitung frühzeitig einzugrenzen oder zu verlangsamen. 

Schon die anfängliche Vertuschung war der verzweifelte Versuch der Mächtigen, eine Illusion zu stützen: Um die Beteiligung an den Feierlichkeiten zum 41. Jahrestag der Revolution und den Parlamentswahlen nicht noch niedriger als erwartet ausfallen zu lassen, wurde die Öffentlichkeit im Dunkeln gelassen über die Gefahr.

Als die Epidemie nicht mehr zu leugnen war, machte Staatsoberhaupt Ali Khamenei die üblichen Verdächtigen aus: "Die Feinde Irans" hätten "negative Propaganda über das Virus verbreitet."

Schutzmaßnahmen werden zur Niederlage

Mit dem politischen Reflex, hinter allen Problemen eine amerikanische Verschwörung zu wittern, schadet sich die Führung selbst: Damit werden sämtliche Schutzmaßnahmen zur Niederlage gegenüber den "Feinden Irans". 

Exemplarisch war der Umgang mit den beiden großen heiligen Schreinen in Ghom und in Maschhad: Anziehungsorte inbrünstiger Verehrung, an denen sich schiitische Pilger aus aller Welt tags wie nachts drängen, um zu beten, die Grabstätten der Heiligen zu berühren und auch deren Gitterstäbe zu küssen.

Diese Stätten blieben offen, während Saudi-Arabien schon die Große Moschee in Mekka gesperrt, Kirchen und Tempel rund um den Globus ihre Tore geschlossen hatten. Die Gesundheitsbehörden zumindest in Ghom verlangten zusehends verzweifelt die Schließung des Fatima-Schreins in der Stadt. Doch Mohammed Saidi, oberster Kleriker des Heiligtums, weigerte sich: "Ghom zu besiegen ist der Traum des heimtückischen Trump und seiner inländischen Söldner", beharrte er im Vokabular des Krieges auf der Offenhaltung.

In Ghom begann, was anschließend Teheran, dann Rasht und kleinere Städte am Kaspischen Meer erfasste: dass Tausende erkrankten und immer mehr Menschen starben, da die Krankenhäuser zu überlastet waren, um sie beatmen lassen und stabilisieren zu können.

Trump verschärft die Situation in Iran

Die Krise wird dadurch verschärft, dass US-Präsident Donald Trump  sich nach wie vor weigert, die Sanktionen gegen Iran zu lockern. Dabei stand die Wirtschaft des Landes schon vor der Corona-Epidemie am Rande des Kollaps. 

"Seit einem Monat wütet diese Krankheit hier, und die Leute ignorieren, wie nah wir am Zusammenbruch sind", sagt Hamde, ein Medizinstudent aus Teheran, dem SPIEGEL am Telefon. "Wir haben bald nicht mehr genug medizinisches Personal. Die Sterberate unter Ärzten, Schwestern, Krankenpflegern ist furchtbar hoch. Die sind alle überarbeitet, erschöpft und haben keine richtige Schutzkleidung. Alle benutzen die OP-Kluft, aber die schützt nicht zuverlässig. Jetzt hat die Regierung Medizinstudenten und pensionierte Ärzte aufgerufen, zum Dienst in den Krankenhäusern anzutreten. Ich habe mich auch gemeldet. Aber ich bezweifle, dass ich in drei Monaten noch am Leben sein werde."

Teheran versucht, die Geister einzufangen, die es jahrzehntelang rief. Mullahs ziehen mit Megafonen über den Teheraner Basar, um die Besucher nach Hause zu treiben.

Doch zur Vertuschung und Verleugnung der Epidemie von oben kommt das Misstrauen des Volkes von unten: Selbst die vergleichsweise zaghaften Appelle, sich nicht zu versammeln, nicht zu verreisen, sondern in den Häusern zu bleiben, wurden vielerorts missachtet. Als Schulen und Universitäten schlossen, brachen Zigtausende auf, die freien Tage doch am Kaspischen Meer zu verbringen. 

"Alle Hotels, Restaurants sind geschlossen, aber die Touristen zum Neujahr kommen immer noch in die Stadt", wundert sich ein Direktor der Stadtverwaltung in Isfahan am Telefon. "Was wollen die essen, wo wollen die schlafen? Wieso sind die nicht zu Hause geblieben?" Jetzt wären die Streitkräfte, die Revolutionswächter einmal gefragt, um die Unvorsichtigen zur Räson zu bringen: "Aber jetzt kommen die nicht. Und das Gesundheitsministerium kann nichts durchsetzen." 

Seit 1979 ist Iran ein Land der Verbote: kein Alkohol, keine Männer und Frauen beim gemeinsamen Tanz, keine Partys mit wilder Musik, Kopftuchzwang und keine kurzen Rock- und Mantelsäume. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Doppelmoral zur zweiten DNA des Volkes geworden: Alles geht, es wird getrunken, gefeiert, nur eben privat. Und für die Befehlspolizisten der Basidsch gibt es Schmiergeld-Kataloge.

Khamenei hat das Volk aufgerufen zu beten

Dieser Reflex, Verbote des Staates zu ignorieren, prägte wochenlang das Verhalten vieler. Erst nach und nach sickert die Einsicht durch, dass die Regeln doch sinnvoll sind, dass überall auf der Welt Menschen dringend aufgefordert werden, Abstand zueinander zu halten, zu Hause zu bleiben.

Seit Sonntag wird auch in Iran das öffentliche Leben weitgehend runtergefahren. In Teheran dürfen nur noch ausgewählte Geschäfte, wie Supermärkte und Apotheken, geöffnet haben.   

Khamenei hat das iranische Volk aufgerufen zu beten. Das Problem sei nicht das Beten, schrieb daraufhin der ehemalige Mullah Mohammed Javad Akbarain, der heute im französischen Exil lebt: "Das Problem ist, dass uns dazu der Mann aufruft, der die Verantwortung für das Verschweigen der Krankheit trägt, der die Menschen erst in diese Katastrophe geführt hat."