Auf einen Espresso mit der Managerin des Caffè Florian "Auf einmal ist Venedig ein stiller Ort"

Das Caffè Florian am Markusplatz ist eines der ältesten Kaffeehäuser Europas. Ein Cappuccino kostet hier 10,50 Euro, nicht mal im Zweiten Weltkrieg war es geschlossen. Und nun?
Ein Interview von Maria Stöhr, Venedig
Anna Rita Panebianco ist Managerin im Caffè Florian an der Piazza San Marco

Anna Rita Panebianco ist Managerin im Caffè Florian an der Piazza San Marco

Foto: Claudia Corrent/ DER SPIEGEL

An der Piazza San Marco mit der Nummer 57, unter den Arkaden, links vom Markusdom, wo ein Quadratmeter so viel wert ist wie woanders ein ganzes Schloss, befindet sich das älteste Café Europas. Zumindest steht das so auf der Homepage  des Caffè Florian.

Ein Cappuccino kostet hier 10,50 Euro und das Frühstück "Casanova" mit Croissant, Marmelade, Focaccia, Schinken, Käse und O-Saft 45 Euro. Anna Rita Panebianco macht einen kleinen Witz, dass ihr Nachname auf Deutsch "Weißbrot" heißt, und erzählt, dass sie gerade zum Direction Assistant Manager des Cafés befördert worden sei.

Das Caffè Florian war schon da, als Venedig unter napoleonischer und unter österreich-ungarischer Herrschaft stand. Vergangenen Winter gab es ein großes Hochwasser in Venedig. Davon spricht jetzt keiner mehr, denn dann kam der März 2020, und eine viel größere Katastrophe für Italien, für Venedig, für alle, die vom Tourismus abhängig sind: "Covid diciannove", sagt Frau Panebianco. Covid-19.

Wir haben uns verabredet in einem Nebenraum mit purpurnen Samtpolstern und goldenem Stuck, virusbedingt geschlossen für die Besucher.

SPIEGEL: Ist die Zeit vorbei, in der man für einen Cappuccino zehn Euro verlangen kann, Frau Panebianco?

Panebianco: Nein. Unsere Preise sind auch in der Coronakrise gleich hoch geblieben. Was wir verändert haben, ist die Speisekarte. Wir haben sie verkleinert, auf die Spezialitäten unseres Hauses reduziert.

Kellner im Caffè Florian am Markusplatz, Venedig: Cappuccino für 10,50 Euro

Kellner im Caffè Florian am Markusplatz, Venedig: Cappuccino für 10,50 Euro

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Claudia Corrent/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Juni, Juli, August, das ist die Hochsaison in Venedig, normalerweise. Wie laufen die Geschäfte jetzt?

Panebianco: Die Saison ist verloren.

SPIEGEL: Haben Sie Zahlen?

Panebianco: 70 Prozent weniger Umsatz als vergangenes Jahr.

SPIEGEL: Andererseits war Urlaub in Venedig noch nie so entspannt wie jetzt, es ist nix los.

Panebianco: Ich vermisse unsere russischen, amerikanischen, japanischen, koreanischen Gäste, sie werden in diesem Jahr nicht kommen. Neulich hat ein amerikanisches Paar angerufen, es kommt sonst jeden September zu uns. Das Coronavirus bricht eine Tradition. Aber Sie haben recht: Die Coronakrise zeigt uns, was in den vergangenen Jahren in Venedig schieflief. Wir haben so viel über Overtourism gesprochen. Jetzt zwingt uns die Krise, auch das Thema Massentourismus in der Stadt anzugehen. Lösungen zu finden.

"Die Krise zwingt uns, auch das Thema Massentourismus in der Stadt anzugehen", sagt Anna Rita Panebianco (l.)

"Die Krise zwingt uns, auch das Thema Massentourismus in der Stadt anzugehen", sagt Anna Rita Panebianco (l.)

Foto: Claudia Corrent/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Moment mal. Je mehr Touristen so ein Kreuzfahrtschiff in die Stadt spült, desto mehr Leute werden an ihrem Café vorbei- und dann vielleicht auch hineingehen.

Panebianco: Oh! Massentourismus bedeutet nicht automatisch Gewinn. Er kostet auch. Wenn man so viele Menschen in eine so kleine Stadt stopft, ohne darüber nachzudenken, wo diese Leute auf die Toilette gehen oder ihren Müll entsorgen, überfordert das alle. Es kostet den Ruf der Stadt. Es kommen Leute hierher, die wissen gar nicht, ob sie in Venedig oder Rom oder sonst wo sind. Sie reisen ohne Bewusstsein.

Von Woche zu Woche kommen wieder mehr Touristen nach Venedig, vor allem aus Deutschland und anderen europäischen Ländern

Von Woche zu Woche kommen wieder mehr Touristen nach Venedig, vor allem aus Deutschland und anderen europäischen Ländern

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Claudia Corrent/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Haben Sie Angestellte entlassen müssen?

Panebianco: Leider ja. Sonst stellen wir jeden Sommer Saisonarbeiter ein. Dieses Jahr nicht. Ich denke, für diese Leute ist die Zeit besonders hart. Auch für die Stadtführer hier, sie können nichts verdienen, zu wenig los. Wir anderen im Florian arbeiten weniger, das bedeutet natürlich, dass wir auch weniger Geld verdienen. Alle wissen: Nur so können die Arbeitsplätze gehalten werden.

SPIEGEL: Viele Italienerinnen und Italiener haben ihre Jobs in der Pandemie verloren, das italienische Bruttoinlandsprodukt könnte in diesem Jahr um 11,2 Prozent einbrechen, ein Minusrekord im europäischen Vergleich.

Panebianco: Ich habe Angst vor sozialen Spannungen. Mit einem niedrigeren Gehalt auszukommen oder gar kein Einkommen zu haben, bedeutet, dass man neue Prioritäten setzen, auf vieles, was vorher möglich war, verzichten muss. Dann beginnen die Neiddebatten, dann können Populisten ihre Netze werfen.

In Venedig auf Abstand

In Venedig auf Abstand

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Claudia Corrent/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Die EU-Mitgliedstaaten haben sich darauf geeinigt, dass insgesamt 1,8 Billionen Euro Hilfsgelder in Corona-Krisenregionen fließen. Wie werden diese Hilfen in Italien gesehen? Was sind Ihre Erwartungen?

Panebianco: Endlich handelt die EU geeint. Für mich ist Solidarität die Antwort auf eine so globale Bedrohung wie das Virus. Die Entscheidung der Mitgliedstaaten zu helfen, gibt uns in Italien das Gefühl, dazuzugehören. Ich glaube, diese Hilfen sorgen dafür, dass viele EU-Kritiker in Italien ihre Haltung gegenüber Europa überdenken.

Auch die Musiker sind auf dem Markusplatz zurück

Auch die Musiker sind auf dem Markusplatz zurück

Foto: Claudia Corrent/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Gibt es in Venedig Gastronomen, die schließen müssen?

Panebianco: Ich weiß nicht, wie es den anderen Traditionshäusern geht. Aber ich höre, dass viele ernsthaft straucheln. Es gibt auf jeden Fall Lokale und Hotels, die dieses Jahr gar nicht erst wieder öffnen. Die Kosten wären nicht gedeckt.

SPIEGEL: Hätten Sie jemals gedacht, dass man als Gastronomin am Markusplatz eine Krisenstrategie braucht?

Panebianco: Im Leben nicht. Gastronomie ist immer ein hartes Geschäft, aber so etwas? Auf einmal ist Venedig ein so stiller Ort. Es ist immer noch schwer abzuschätzen, wie viele Gäste am Tag kommen, wie viele Kuchen wir brauchen, wie viele Lebensmittel wir einkaufen müssen. Unser Arbeitsalltag war über Jahre perfektioniert - jetzt ist alles unvorhersehbar. Das Florian hatte noch nie geschlossen, noch nicht mal während des Zweiten Weltkriegs, können Sie sich das vorstellen? Wir werden erst an Weihnachten sehen, wie viel uns die Coronakrise gekostet hat. Aber draußen auf der Piazza sind die Klavierspieler zurück. Das Schlimmste haben wir hoffentlich hinter uns.

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