Coronakrise in Italien Ausschreitungen in Neapel bei Protesten gegen geplanten Lockdown

Sie bewarfen die Polizei mit Steinen und zündeten Rauchbomben. In Neapel kam es in der Nacht zu Ausschreitungen, nachdem der Regionalpräsident Pläne für einen neuen Lockdown verkündet hatte.
Ausschreitungen in Neapel: "Wir werden nun alles schließen"

Ausschreitungen in Neapel: "Wir werden nun alles schließen"

Foto: salvatore Laporta / IPA / imago images/Independent Photo Agency Int.

"Wir sind einen Schritt von der Tragödie entfernt", sagte Vincenzo De Luca, Präsident der süditalienischen Region Kampanien, am Freitag in einem Video auf Facebook. Und sprach dann über die neuen Maßnahmen im Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus: zum einen über die Ausgangssperre von 23 Uhr bis 5 Uhr, die bereits am Freitag in Kraft getreten war - und zum anderen über Pläne für einen neuen Shutdown. "Wir werden nun alles schließen", sagte De Luca - ausgenommen die Unternehmen, die wichtige Güter produzieren und transportieren. Die jüngsten Daten zeigten, dass die bisher verhängten Maßnahmen keine Wirkung zeigten, so De Luca. "Wir müssen einen letzten Versuch machen, um die Dinge in den Griff zu bekommen."

Der Shutdown könne einen Monat oder 40 Tage dauern, sagte De Luca. Das regionale Dekret zur Umsetzung der Maßnahme soll entweder am Samstag oder am Sonntag angenommen werden, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf Kreise der Regionalregierung. Luca rief auch die Regierung in Rom dazu auf, einen landesweiten Lockdown zu verhängen.

Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Ankündigungen fielen teilweise heftig aus: In Kampaniens Hauptstadt Neapel protestierten in der Nacht Hunderte Menschen gegen die Ausgangssperre und den geplanten Lockdown für die Region. Es kam zu regelrechten Straßenkämpfen. Die Demonstranten skandierten Slogans und zogen unter anderem vor den Sitz der Regionalregierung. Sie warfen Feuerwerkskörper und zündeten Rauchbomben, wie Ansa berichtete.

Laut Rainews24 wurde auch die Polizei mit Steinen beworfen. "Neapel ist wieder ein Pulverfass", heißt es auf der Website des Nachrichtensenders. Die Polizei setzte den Angaben der Ansa zufolge unter anderem Tränengas gegen die Protestierenden ein.

Außenminister Di Maio: "Keine Entschuldigung für diese Gewalt"

Regionalpräsident De Luca verurteilte die Ausschreitungen scharf in einem Facebook-Posting: "Einige Hundert Delinquenten haben das Bild der Stadt beschmutzt", schrieb der Regionalpräsident. Es sei eine unwürdige Gewaltdarbietung gewesen und eine organisierte Guerilla-Aktion. Er stellte klar, dass er keinen Schritt von seiner strikten Linie abrücken werde. "Es gibt keine Entschuldigung für diese Gewalt", schrieb Italiens Außenminister Luigi Di Maio in seinem Facebook-Profil. Nichts von dem, was in der Nacht passiert sei, sei "akzeptabel". "Niemand darf sich erlauben, Frauen und Männer der Ordnungskräfte anzugreifen." Er hat in seinem Posting auch ein Video eingebettet, das die Ausschreitungen zeigt.

Der stellvertretende Innenminister Matteo Mauri verurteilte in einer Erklärung die "Stadtguerilla" und die Angriffe auf die Polizei. "Es ist absolut klar, dass es sich nicht um einen spontanen Protest handelte, sondern um vorsätzliche Aktionen, die fast ausschließlich von Randgruppen, kriminellen Gruppen und politischen Extremisten organisiert wurden", sagte Mauri. "Was gestern Abend in Neapel geschah, ist äußerst ernst", fügte er hinzu.

Die Nachrichtenwebsite Fanpage beschuldigte Mitglieder der örtlichen Camorra-Mafia und Hardcore-Hooligans aus Neapel, die Proteste, die auch von der neofaschistischen Partei Forza Nuova unterstützt wurden, angefacht zu haben. "Möge Neapel die erste Stadt sein, die sich gegen die Gesundheitsdiktatur erhebt", sagte Forza-Nuova-Chef Roberto Fiore.

Anstieg an Neuinfektionen um 50 Prozent

Kampanien erlebt einen starken Anstieg von Coronavirus-Infektionen. Am Freitag wurden 2280 neue Fälle verzeichnet - ein Anstieg von fast 50 Prozent gegenüber dem Vortag. Am Donnerstag waren es noch 1541 gewesen. Damit zählt Kampanien zu den beiden Regionen mit den meisten Neuinfektionen in Italien. Mehr gab es zuletzt nur in der norditalienischen Region Lombardei, dort waren es am Freitag 4916 Neuinfektionen. Wegen der aktuellen Daten sei es notwendig, auch "die Mobilität zwischen Regionen und Gemeinden" zu stoppen, sagte De Luca.

Da die Infektionen in ganz Italien und nicht nur in Kampanien zunehmen, steht die Regierung von Premierminister Giuseppe Conte unter wachsendem Druck, strengere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu ergreifen. Die offizielle Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in ganz Italien lag am Freitag bei dem Rekordwert von 19.143. Damit stieg die Gesamtzahl der Infektionen seit Beginn der Pandemie auf 484.869. Die Zahl der Todesfälle in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung stieg demnach um 91 auf 37.059. Mehr als tausend Menschen werden derzeit intensivmedizinisch behandelt.

Die Hauptstadtverwaltung in Rom kündigte bereits die Schließung beliebter Treffpunkte an Wochenenden abends an, um Menschenansammlungen zu vermeiden. Freitags und Samstag von 21 Uhr bis Mitternacht sollen Plätze wie der Campo de' Fiori, Piazza Trilussa, Piazza Madonna de' Monti und die Via del Pigneto geschlossen bleiben. Ähnliche Maßnahmen gibt es bereits in Turin, Genua und Palermo.

jus/dpa

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