Coronakrise Hat Italien das Schlimmste überstanden?

In Italien gibt es mehr Geheilte und weniger Neu-Infizierte. Der harte Kurs soll vorerst weiter gelten - aber die Regierung überlegt, wann sie die Regeln lockern könnte.
Von Frank Hornig, Rom
Schweigeminute in Rom: "Für die Opfer der Epidemie, denen wir kein Begräbnis geben konnten"

Schweigeminute in Rom: "Für die Opfer der Epidemie, denen wir kein Begräbnis geben konnten"

Foto: FABIO FRUSTACI/EPA-EFE/Shutterstock

Am Dienstag hat Italien getrauert. Um 12 Uhr wurden im ganzen Land die Flaggen auf halbmast gesenkt. In Bergamo trat Bürgermeister Giorgio Gori vor sein Rathaus, eine Schutzmaske vor dem Gesicht, über dem dunklen Anzug eine Schärpe mit der italienischen Flagge.

"Eine Schweigeminute für die Opfer der Epidemie, denen wir kein Begräbnis geben konnten, und für ihre Familien", schrieb er später auf Twitter und bedankte sich, dass der Präsident, der Ministerpräsident und alle Bürgermeister Italiens seinen Schmerz teilten. 12.428 Todesopfer hat das Land wegen Corona bisher zu beklagen.

Aber der Trauerakt markiert auch einen Wendepunkt in der Coronakrise. Seit Tagen melden die italienischen Behörden ermutigende Zahlen. Das Schlimmste, so scheint es, ist überstanden, der Höhepunkt der Epidemie ist nahe. Die Kurve der Infiziertenzahlen ist längst flacher geworden, demnächst dürfte sie langsam fallen.

"Italien erlebt die schlimmste Gesundheitskrise seit dem Ersten Weltkrieg"

Angelo Borrelli, Chef des italienischen Zivilschutzes

"Italien erlebt die schlimmste Gesundheitskrise seit dem Ersten Weltkrieg", sagt Zivilschutzchef Angelo Borrelli, "aber die täglichen Zahlen der Geheilten machen uns Mut: Es sind die höchsten seit Beginn der Epidemie." 15.729 Patienten sind inzwischen genesen. Und das ist nicht die einzige positive Entwicklung. Inzwischen gibt es nur noch 4000 Neuinfizierte pro Tag - als sich Corona noch ungebremst verbreitete, waren es täglich mehr als 6500.

Sogar in der Lombardei hat sich die Lage verbessert

Auch die Intensivstationen melden Entlastung, die Zahl der Neupatienten stieg Anfang der Woche nur noch um 1,9 Prozent. Am 13. März waren es noch plus 18 Prozent. In den nächsten Tagen, so die Erwartung, werden endlich mehr Patienten die Intensivstationen verlassen, als neue hinzukommen.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Sogar in der Lombardei, dem Epizentrum der Krise, hat sich die Lage vorsichtig verbessert. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt Regionalpräsident Attilio Fontana. Selbst die Zahl der Todesfälle geht insgesamt langsam zurück, auch wenn es Schwankungen gibt.

Seit genau drei Wochen gilt in ganz Italien faktisch eine Ausgangssperre, nur die Grundversorgung wird sichergestellt, alles andere ist geschlossen. Die Vorschriften sind strenger als in den meisten anderen europäischen Staaten, und sie sind länger in Kraft - entsprechend sehnsüchtig haben die Italiener auf gute Nachrichten gewartet. Jetzt zeigen die harten Maßnahmen endlich Wirkung.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Und wie geht es weiter? Für Aufsehen sorgt in Italien momentan eine Studie des Einaudi Institute for Economics and Finance in Rom. Die Forscher haben berechnet, wann die Zahl der Neuinfektionen auf null sinken könnte.

In Südtirol wäre dieses Datum demnach am 6. April erreicht, in Venetien am 14., in Rom und Umgebung am 16. April. Auf das ganze Land berechnet soll es Anfang bis Mitte Mai so weit sein.

Alle bisher geltenden Regeln werden verlängert

Entwarnung für die Bevölkerung gibt es deshalb aber noch nicht. Aufmerksam beobachten die Behörden weiter die Lage in Mailand, wo ein Zusammenbruch der Systeme bislang verhindert und die Infiziertenzahlen vergleichsweise niedrig gehalten werden konnten - eine erstaunliche Leistung angesichts der katastrophalen Lage im benachbarten Bergamo.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Auch in Süditalien, das bis heute weitgehend verschont ist, bleiben die Regionalpräsidenten wachsam. Bis Mitte März waren etwa 100.000 Süditaliener, die im Norden arbeiten oder studieren, in ihre Heimat geflohen.

Wie viele von ihnen das Virus mitbrachten, ist nicht bekannt. Die meisten gingen in Quarantäne - in diesen Tagen müsste sich zeigen, ob die Maßnahme Erfolg hatte.

Die Regierung in Rom bereitet unterdessen ein neues Dekret vor. Am Freitag werden alle bisher geltenden Regeln für zwei Wochen verlängert. Frühestens nach Ostern soll es erste Lockerungen geben. Nach und nach dürfen dann voraussichtlich die ersten Unternehmen wieder den Betrieb aufnehmen.

Spürbare Erleichterungen erst im Mai

Spürbare Erleichterungen im Alltag der Bürger dürfte es aber erst im Mai geben. Spaziergänge sollen bis dahin weiter tabu sein. Auch Kaffees, Bars, Restaurants und der größte Teil des Einzelhandels werden im April wohl geschlossen bleiben, ebenso Friseursalons oder Sportstudios. Kurz: alle Orte, an denen sich Menschen zu nahe kommen.

Wie das Leben danach weitergehen könnte, hat der wissenschaftliche Beirat des italienischen Gesundheitsministeriums dargelegt. Eine zu schnelle Öffnung könne die Epidemie zurückbringen, warnen die Experten - mit unkalkulierbaren Folgen.

Auch nach dem Ende des Notstands müssten zum Beispiel Restaurants und Geschäfte weiterhin den Ein-Meter-Mindestabstand zwischen ihren Gästen und Kunden garantieren. In den nächsten Monaten, sagt der lombardische Krisenmanager Giulio Gallera, "werden wir eine andere Lebensweise haben und mit Atemschutzmasken nach draußen gehen."