Coronakrise in Mexiko "Diese Stadt ist einfach ein Monster"

Mexiko hat die vierthöchste Zahl an Corona-Toten weltweit, und die Infektionen steigen, dennoch lockern viele Städte die Regeln bereits. Die Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg ist groß.
Wandgemälde in Mexiko-Stadt: Frida Kahlo mit Maske

Wandgemälde in Mexiko-Stadt: Frida Kahlo mit Maske

Foto: CARLOS JASSO/ REUTERS
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Es ist das historische Zentrum der Hauptstadt Mexiko-Stadt, das in der Coronakrise zum Stimmungsbarometer geworden ist. Das sonst so belebte Viertel mit seinen kleinen Einkaufsstraßen, Straßenverkäufern und vielen Passanten hatte sich in eine Geisterstadt verwandelt, die Läden waren verrammelt. Jetzt füllen sich die Straßen wieder - trotz weiterhin steigender Infektionszahlen.

Bisher hat die Regierung Mexikos 344.000 Infektionen registriert und mehr als 39.000 Verstorbene - die viertmeisten Corona-Todesopfer weltweit. Dennoch experimentiert das Land derzeit mit einer schrittweisen Öffnung, die sich von Region zu Region unterscheidet. Mit einem Ampelsystem wollen die mexikanischen Epidemiologen die Entwicklung beobachten und lokal gegensteuern, falls sich bestimmte Orte erneut zu Corona-Hotspots entwickeln.

Ende März hatte die Regierung den Gesundheitsnotstand ausgerufen, nur noch systemrelevante Aktivitäten und Arbeit  in Branchen wie Lebensmittel, Energie- und Wasserversorgung oder Gesundheit zugelassen. Schulen und Universitäten wurden geschlossen, die Bevölkerung angehalten, zu Hause zu bleiben - auf einen harten Lockdown verzichtete Mexiko aber. Nur einzelne Bundesstaaten setzten strikte Regeln wie Ausgangssperren und Maskenpflicht durch.

Schlange stehen vor der Shopping-Meile: Im Stadtzentrum in Mexiko-Stadt sind die Geschäfte jetzt wieder offen

Schlange stehen vor der Shopping-Meile: Im Stadtzentrum in Mexiko-Stadt sind die Geschäfte jetzt wieder offen

Foto: HENRY ROMERO/ REUTERS

Für viele Mexikaner ist es ein Privileg, zu Hause zu bleiben. Wie im Rest der Welt sind auch in Mexiko die Ärmsten besonders von den Folgen der Krise betroffen. Rund ein Drittel der Mexikaner waren Daten der Statistikbehörde INEGI zufolge vor der Krise im informellen Sektor beschäftigt, etwa als Reinigungskräfte oder Straßenhändler. Seitdem die Corona-Pandemie auch in Mexiko wütet, haben zudem mehr als 12 Millionen ihre Jobs verloren - sodass sich nun noch mehr Menschen mit informeller Arbeit über Wasser halten müssen.

Mit den aktuellen Lockerungen soll vor allem die erlahmende Wirtschaft wieder in Gang gebracht werden. Doch die Sorge vor neuen Ausbrüchen bleibt. "Die Epidemie ist in keinem der Bundesstaaten zu Ende", warnte Hugo López-Gatell, Leiter des Corona-Krisenstabs der Regierung.

Hier erzählen Menschen aus Mexiko-Stadt, Ciudad Juárez und San Cristóbal, wie die Lage bei ihnen ist und wie sie derzeit finanziell über die Runden kommen.

María Conejo, 32, Künstlerin aus Mexiko-Stadt

"Plötzlich kehrt alles wieder ein bisschen zur Normalität zurück - oder eher zu einer seltsamen, neuen Normalität. Das historische Zentrum ist die kommerziellste Zone der Stadt. Als die Pandemie losging, waren hier in den ersten Wochen trotzdem noch viele Leute unterwegs, bis alle Läden gezwungen wurden, zu schließen.

Ich habe in den vergangenen Monaten kaum das Haus verlassen. Als Künstlerin habe ich schon vorher in meinem Atelier oder zu Hause gearbeitet, war das Alleinsein also gewohnt. Anfangs hatte ich Angst, weil mir viele Aufträge abgesagt wurden. Aber eine Galerie hilft mir, meine Zeichnungen und Kunstwerke zu verkaufen, und mit dem Onlinevertrieb verdiene ich jetzt mehr als zuvor.

Dass das Zentrum lange so ruhig war, war ein Wunder. Jetzt geht es wieder drunter und drüber. Der Plan war, dass die Geschäfte abwechselnd geöffnet sein sollen. Aber die Läden öffnen, wann sie wollen, viele Leute sind ohne Masken unterwegs und halten keinen Abstand ein. Die Fußwege wurden verbreitert und von elf bis 16 Uhr sind die Straßen gesperrt. Es macht mir Angst, dass schon wieder so viele Leute unterwegs sind, vielleicht 60 Prozent so viele wie vor der Pandemie.

Diese Stadt ist einfach ein Monster, es ist wahrscheinlich schwierig, eine Strategie zu finden, die für alle 22 Millionen Einwohner gut funktioniert - und man kann nicht verhindern, dass die Menschen zur Arbeit gehen müssen."

Viele wissen nicht, wie sie satt werden sollen - eine Nachbarschaftsinitiative teilt Essen an Menschen in Not aus

Viele wissen nicht, wie sie satt werden sollen - eine Nachbarschaftsinitiative teilt Essen an Menschen in Not aus

Foto: JOSE LUIS GONZALEZ/ REUTERS

In ärmeren Siedlungen, in denen die Menschen dicht gedrängt zusammenleben, sind die Menschen dem Virus besonders schutzlos ausgeliefert. Aber auch Migrantenherbergen und Gefängnisse haben sich zu Corona-Herden entwickelt:

Arturo Morell, 45, Schauspieler und Sozialaktivist aus Mexiko-Stadt

"Vor der Pandemie habe ich im Rahmen meines Projektes 'Un Grito de Libertad' (Ein Schrei nach Freiheit) künstlerische Workshops für Frauen und Männer in Haft durchgeführt. Mit Gesang, Tanz, Schauspiel, aber auch Sitzungen zu Reflexion, Meditation und Achtsamkeit wollen wir die negative Energie in den Gefängnissen in positive umwandeln, die Haft menschenwürdiger gestalten und eine soziale Wiedereingliederung ermöglichen. Ich arbeite jeweils mit 200 bis 300 Menschen, und wir führen auch Theaterstücke außerhalb der Gefängnisse auf.

Nun wurden alle Gefängnisprojekte eingestellt. Wir können die Haftanstalten nicht betreten, auch das Zusammenleben von Häftlingen und Familienbesuche sind eingeschränkt. Die Anhörungen für Prozesse und vorzeitige Entlassungen auf Bewährung wurden ebenfalls ausgesetzt, da die Gerichte nicht arbeiten.

Ich bin mit Personen im Gefängnis in Kontakt und versuche, Gefangene und ihre Familie in Notfällen zu unterstützen. Sie haben alle Angst und wissen nicht, was passiert, da viele Gefängnisse überfüllt sind, sodass die Häftlinge keinen ausreichenden Abstand einhalten können und es nicht genug medizinische Einrichtungen gibt.

Dass alle Arbeits-, Bildungs-, Sport- und kulturellen Aktivitäten eingestellt wurden, hat die Depressionen und Ängste bei den Gefangenen noch mal verstärkt. Ich versuche jetzt, meine Projekte umzustellen, indem ich zum Beispiel Weiterbildungsangebote für Gefängnispersonal entwickle, die dann vor Ort selbst Kulturprojekte oder Reflexionsübungen mit den Häftlingen organisieren können."

Selbstständige unter Druck

Die Regierung unterstützt zwar Arbeiter aus dem informellen Sektor und kleine und mittlere Unternehmen mit Maßnahmen wie Krediten - doch die Hilfen reichen nicht und kommen oft nicht bei denen an, die sie bräuchten. Viele Selbstständige und Unternehmer kämpfen gerade ums Überleben - wie auch Patty Camarillo, die mit ihrem Mann in der Grenzstadt Ciudad Juárez die Bäckerei "Reziste" betreibt.

Patty Camarillo, 28, Bäckerei-Besitzerin aus Ciudad Juárez

"Unsere Umsätze sind stark eingebrochen, und wir haben viele Kunden verloren. Im April haben wir auf Lieferservice umgestellt, die ersten Wochen liefen gut - und dann hat keiner mehr etwas bestellt. Ich glaube, die Leute wollen lieber für Notfälle sparen, weil ungewiss ist, was in den nächsten Monaten geschieht.

Viele hier haben Angst, dass sie eher an Hunger sterben als an Corona; sie leben, wie wir auch, von der Hand in den Mund. Es gibt Hilfen von der Regierung, aber diese Information kommt nicht bei allen Menschen an, oder sie haben kein Internet, um den Antrag online auszufüllen oder wissen nicht, wie man einen Computer bedient. Also müssen sie doch wieder auf die Straße und versuchen, irgendwie Geld zu verdienen.

Bei uns reicht der wenige Gewinn gerade aus, um die Materialien zu bezahlen. Wir beginnen jetzt zum Beispiel mit dem Verkauf von Pizzen an den Wochenenden, in der Hoffnung, dass es gut läuft.

Eine Herausforderung ist gerade auch, dass ich meine kleine Tochter nirgendwo abgeben kann. Ich muss sie überall mit hinnehmen - und Kinder sind hier an vielen Orten derzeit nicht gern gesehen oder gar nicht erlaubt. Uber-Fahrer sind zum Beispiel sehr streng geworden, und manchmal nehmen sie einen nicht mit, wenn man Kinder mitbringt, weil sie Angst haben, sich anzustecken."

Isabel Arvilla, 43, Musiklehrerin aus Ciudad Juárez

"Ich gehe um sechs Uhr morgens in den Park, um beim Spaziergang möglichst wenige Menschen zu sehen - aber viele haben die gleiche Idee, seitdem die Parks vor etwa einem Monat nach und nach wieder geöffnet wurden. Um sieben Uhr wird es richtig voll, Leute führen ihre Hunde spazieren und gehen joggen. Die Leute tragen eine Maske, einige nehmen sie dann aber ab, weil sie schlecht atmen können.

Restaurants sind jetzt wieder geöffnet. Es ist viel zu früh, aber der gesellschaftliche Druck ist hoch. Auch in sozialen Netzwerken fordern viele Lockerungen: Sie wollen wieder essen gehen, wollen raus. Meine jüngeren Cousinen waren außer sich, als sie ihre Partner und Freundinnen nicht mehr sehen konnten. Jetzt treffen sie sich wieder - und sie gehen auch wieder aus. Da die Klubs noch geschlossen sind, stellen sie in den Bars die Stühle beiseite und tanzen dann dort. 

Es gibt auch immer noch Leute, die das Virus für eine Lüge halten oder es nicht ernst nehmen. Auch die Fabriken arbeiten teilweise wieder mit zu viel Belegschaft  und Arbeiter stecken sich an.

Es gab während der Pandemie kaum Verkehr, es war sehr ruhig - das hat mich an die Zeiten der großen Mordwellen in Juárez erinnert, als die Straßen immer ganz leer waren. Ich bleibe fast den ganzen Tag zu Hause und konzentriere mich auf mein Psychologiestudium. Ich gebe auch Klavier- oder Gesangsunterricht, dafür gehe ich zu den Kindern nach Hause.

Ich schütze mich mit Maske, Handschuhen und desinfiziere alles. Aber etwa die Hälfte hat den Unterricht abgesagt. Ich verdiene 350 Pesos pro Stunde (rund 13,50 Euro) - und statt 14 Stunden wöchentlich gebe ich jetzt nur noch sieben oder acht Stunden. Zum Glück bin ich nicht auf das Geld angewiesen, weil ich gerade kostenlos bei meinen Großeltern wohne."

Wieder Touristen am Strand

Mexikanische Touristenmetropolen im ganzen Land mussten in der Coronakrise harte Einbußen hinnehmen, auch viele Strände waren gesperrt worden. Nun dürfen die ersten Touristen wieder anreisen, allerdings mit Auflagen. In Cancún etwa durften Hotels vorerst nur zu einem Drittel  ausgelastet sein - danach sollen die Kapazitäten schrittweise hochgefahren werden. Für viele Betriebe, die vom Tourismus abhängig sind, kommen die Lockerungen aber zu spät, wie auch in San Cristóbal im Süden Mexikos.

Viele Städte hängen vom Tourismus ab - und öffnen sich trotz Gesundheitsrisiken nun wieder für Touristen

Viele Städte hängen vom Tourismus ab - und öffnen sich trotz Gesundheitsrisiken nun wieder für Touristen

Foto: FRANCISCO ROBLES/ AFP

Alejandro Hernández, 34, IT-Sicherheitsberater, San Cristóbal de las Casas

"San Cristóbal ist eine sehr touristische Stadt, deswegen wurde sie wirtschaftlich hart von der Pandemie getroffen. Viele Bars und Restaurants waren jetzt so lange geschlossen, dass sie die hohen Mieten nicht mehr zahlen können. In den vergangenen Tagen haben viele Besitzer in den sozialen Netzwerken noch mal alte Fotos gezeigt und sich so von ihren Gästen verabschiedet, weil sie dichtmachen müssen.

Seit Anfang Juli dürfen Gastronomiebetriebe in San Cristóbal wieder öffnen. Manchmal gibt es aber Regeln, die die Leute verwirren: Supermärkte durften zunächst ab sechs Uhr abends keinen Alkohol mehr verkaufen - viele Bars haben aber trotzdem bis elf Uhr nachts einfach weiter Alkohol ausgeschenkt.

Für mich hat sich nicht viel geändert, da ich sowieso online arbeite - aber der gefühlte Stress hat sich trotzdem erhöht, da ich das Haus fast nicht mehr verlasse. Fehlende Bildung ist in der Pandemie ein Riesenproblem: Chiapas ist einer der ärmsten Bundesstaaten mit der schlechtesten Bildung, und es zirkulieren viele Fake News, die über WhatsApp verbreitet werden. In kleinen, indigenen Dörfern in der Umgebung glauben die Leute, dass das Coronavirus eine Erfindung der Regierung sei, um die Alten zu töten - und dass man sich über Desinfektionsgel anstecken kann."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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