Coronakrise Harter Lockdown in Österreich gegen die zweite Welle

Vor gut zwei Wochen hat Österreich einen Teil-Shutdown verhängt. Die Corona-Zahlen steigen jedoch ungebremst weiter. Nun sollen umfassende Ausgangsbeschränkungen das Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahren.
Hinweistafel in Österreich: Ab kommendem Dienstag gelten erneut strenge Ausgangsbeschränkungen

Hinweistafel in Österreich: Ab kommendem Dienstag gelten erneut strenge Ausgangsbeschränkungen

Foto: Fotokerschi.At / dpa

Mehr als 7000 neue Corona-Fälle wurden zuletzt in Österreich am Tag gemeldet. Damit steigen die Zahlen in dem Land weiterhin ungebremst an – und das, obwohl seit gut zwei Wochen strengere Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie gelten.

Mit dem am 3. November verhängten Teil-Shutdown hatte die Regierung gehofft, die Infektionszahlen unter Kontrolle zu bringen. Danach sieht es im Moment jedoch nicht aus. Nun wurde in Wien noch einmal nachjustiert. Mit deutlich strengeren Regeln soll ein Kollaps des Gesundheitssystems verhindert werden.

Ab kommendem Dienstag geht Österreich zum zweiten Mal in den Lockdown. "Auch wenn sich niemand einen zweiten Lockdown wünscht, so ist der zweite Lockdown das einzige Mittel, von dem wir verlässlich wissen, dass es funktioniert", sagte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Nachmittag auf einer Pressekonferenz.

Am 17. November treten die umfassenden Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Diese sollen dann zunächst bis einschließlich 6. Dezember gelten. In diesem Zeitraum schließt Österreich erneut Schulen und Geschäfte. Ausnahmen gelten für Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Drogerien. Die bisher geltenden nächtlichen Ausgangssperren werden mit wenigen Ausnahmen auf den ganzen Tag ausgeweitet.

"Diese Maßnahmen sind extrem einschneidend", sagte Kurz weiter. Aber man wolle sicherstellen, dass der Lockdown auch stark genug wirke, damit die Infektionszahlen auch rasch sinken würden. "Nur so können wir eine Überforderung unseres Gesundheitssystems verhindern."

Es sei das Ziel, am 7. Dezember Schulen und Handel wieder öffnen zu können. "Je mehr Menschen sich daran halten, was hier vorgegeben wird, desto kürzer wird dieser Zustand anhalten", betonte Kurz. So könne man das Weihnachtsfest retten.

"Wir brauchen deshalb eine Notbremsung und das wirklich sofort."

Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne)

Schon seit gut zwei Wochen sind in Österreich die Gastronomie, der Tourismus sowie Kulturbetriebe und Freizeiteinrichtungen geschlossen. Ausgangsbeschränkungen galten bisher von 20.00 bis 6.00 Uhr. Die Infektionszahlen stiegen in der ersten Novemberhälfte aber zunächst weiter an. Am Freitag lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen bei 554,2, in einzelnen Regionen gar bei bis zu 850.

Der Zielwert bei den Neuansteckungen binnen sieben Tagen liege bei weniger als einem Zehntel des aktuellen Werts, sagte Kurz. Behörden könnten mittlerweile 77 Prozent der Neuansteckungen nicht zurückverfolgen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sagte, aktuell stecke jeder Corona-Infizierte statistisch gesehen 1,2 andere Menschen an. Diese sogenannte Reproduktionszahl müsse auf 0,9 gesenkt werden.

Anschober warnte, dass das Gesundheitssystem in vielen Bereichen an seine Grenzen komme. "Wir brauchen deshalb eine Notbremsung und das wirklich sofort", sagte er. Der Bremsweg – die Zeit bis zu einer nachhaltigen Senkung der Zahlen – betrage zwei Wochen.

Opposition wirft Regierung Kontrollverlust vor

Die Krankenhäuser sehen bereits dem Limit entgegen, wie am Samstag unter anderem der oberste Intensivmediziner des Landes erneut warnte. "Wenn das Ganze in den nächsten Tagen in dieser Geschwindigkeit zunehmen sollte, kommen wir in die Situation einer Triage", sagte der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin, Klaus Markstaller. Ärzte müssten dann auswählen, welche Patienten intensivmedizinisch behandelt werden können.

In Österreich wird nun darüber diskutiert, wie das Land in diese Lage kommen konnte. Die Regierung hatte immer wieder betont, mit allen Mitteln einen Lockdown verhindern zu wollen. Gesundheitsminister Anschober hatte noch vor fast genau einem Monat solche strikten Maßnahmen praktisch ausgeschlossen.

Die Oppositionsparteien werfen der Regierung nun Kontrollverlust vor. "Jetzt bekommen alle Österreicher die Rechnung für das Managementversagen der Bundesregierung präsentiert", sagte etwa die Chefin der Sozialdemokraten, Pamela Rendi-Wagner. Die Regierung habe die Kontaktnachverfolgung vernachlässigt und die Länder und Krankenhäuser bei der Vorbereitung der Intensivstationen alleingelassen.

asc/dpa/AFP
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