Lockerung der Ausgangssperre in Spanien Zurück zur Arbeit - aber mit Maske

Ministerpräsident Sánchez hat die spanische Wirtschaft in einen Corona-"Winterschlaf" versetzt. Um sie zu erwecken, dürfen Hunderttausende Spanier nun mit Masken zur Arbeit gehen. Das ist auch politisch riskant.
Unter Druck: Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez

Unter Druck: Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez

Foto: BORJA PUIG DE LA BELLACASA/ AFP

Am Montag beginnt in Spanien ein riesiges Experiment: Die meisten Geschäfte bleiben geschlossen, aber Hunderttausende Bürgerinnen und Bürger dürfen an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, darunter Industrie- und Bauarbeiter. Sie werden in U-Bahnen steigen und Straßen betreten, die jetzt noch menschenleer sind. Im Land fragt man sich: Kommt das zu früh?

Mehr als 16.000 Menschen sind in Spanien bisher an Covid-19 gestorben. Das Coronavirus hat das Land härter getroffen als viele andere Staaten. Inzwischen flacht Kurve der Infizierten und der Corona-Toten ab. Der Höhepunkt der Pandemie scheint überwunden. Aber noch immer sterben täglich mehr als 500 Infizierte. Die tatsächliche Zahl dürfte noch deutlich höher liegen. Besonders in Altersheimen schaffen die Behörden es nicht, jeden Fall ordnungsgemäß zu registrieren.

Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte die gesamte Wirtschaft in einen "zweiwöchigen Winterschlaf" versetzt. Wer nicht in einem Gewerbe arbeitete, das lebenswichtige Produkte herstellt, musste zu Hause bleiben.

Nur diese strikteste der Maßnahmen hat Sánchez nun zurückgenommen. Die Ausgangssperre, von Sánchez am 14. März verordnet, bleibt aber bis mindestens Ende April. Sie ist weitaus strenger als in Deutschland: Die meisten Läden und Geschäfte sind geschlossen. Die Menschen dürfen nur ausnahmsweise das Haus verlassen, etwa wenn sie zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen müssen. Wer kann, soll von zu Hause arbeiten. Die Polizei ahndet Spaziergänge. Sport im Freien ist verboten. Es drohen heftige Strafen.

Die Calle Mayor in Madrid, normalerweise eine der geschäftigsten Straßen des Landes

Die Calle Mayor in Madrid, normalerweise eine der geschäftigsten Straßen des Landes

Foto: JUAN MEDINA/ REUTERS

Alle sollen Masken in der U-Bahn tragen

Um eine zweite Infektionswelle zu verhindern, sollen die Spanierinnen und Spanier zudem ab Montag in öffentlichen Verkehrsmitteln Schutzmasken tragen. Verpflichtend sollen die Masken allerdings nicht sein. Sie sind ohnehin seit Wochen ausverkauft. Die Regierung will sie zwar ab Montag in der U-Bahn, an Bushaltestellen und an anderen wichtigen Orten verteilen. Doch es ist ausgeschlossen, dass bis Montag jeder Bürger an eine Maske kommt.

Bei den empfohlenen Masken handelt es sich um leichte Stoffmasken. Sie schützen nicht in erster Linie den Maskenträger vor dem Virus, sondern die Menschen in seiner Umgebung. Lange hatten Experten und Regierungen weltweit betont, ein Mundschutz sei nicht notwendig. Inzwischen haben sich die Aussagen gewandelt - nun heißt es, dass die Masken zusätzlichen Schutz gegen eine Tröpfcheninfektion bieten. Auch die spanische Regierung schwenkt deshalb um.

Umgeschwenkt: Maskenträger Pedro Sánchez

Umgeschwenkt: Maskenträger Pedro Sánchez

Foto: BORJA PUIG DE LA BELLACASA/ AFP

In Spanien betonen die Verantwortlichen nun, Masken seien nur eine Maßnahme von vielen. Am Samstagnachmittag veröffentlichten sie eine lange Liste mit Vorsichtsmaßnahmen :

  • Die Bürger sollen U-Bahnen meiden und möglichst mit dem Fahrrad oder dem Auto fahren.

  • Außerdem müssen sie einen Mindestabstand von zwei Metern zu anderen Menschen halten.

  • In der U-Bahn und im Bus müssen Sitzplätze leer bleiben. Sicherheitskräfte sollen das kontrollieren. In Autos oder Taxis darf nur eine Person pro Reihe sitzen.

  • Wer Kundenkontakt hat, soll Schutzhandschuhe und Masken tragen.

  • Arbeitskleidung soll jeden Tag bei 60 bis 90 Grad gewaschen werden.

  • Büros müssen regelmäßig durchgelüftet werden, die Raumtemperatur soll zwischen 23 und 26 Grad liegen.

Für Regierungschef Sánchez ist die Lockerung politisch äußerst riskant. Sie ist schon jetzt umstritten. Sie komme zu früh und bringe die Bevölkerung "in Gefahr", sagte die katalanische Gesundheitsministerin Alba Vergés. Allein in der Region Katalonien, wo Montag noch ein Feiertag ist, dürfen am Dienstag laut der Onlinezeitung "el diario " eine Million Menschen wieder arbeiten.

In Katalonien haben die Verantwortlichen gar einen eigenen Plan für die Lockerungen präsentiert. Er sieht die Rückkehr einige Arbeiter erst für Ende April vor. Allerdings hat die Regionalregierung nicht die Kompetenz, um darüber zu entscheiden. Die Gesundheitsministerin vermied es wohl deshalb auch, den Katalanen die Rückkehr zur Arbeit in der kommenden Woche ausdrücklich zu verbieten.

So treten in der Coronakrise die Bruchlinien der spanischen Gesellschaft offen zutage. Seit Wochen tobt ein heftiger Streit zur Frage, ob Sánchez zu spät reagiert hat. Er verläuft zwischen den Lagern, die schon seit Jahren im Clinch liegen.

Die Kritik an der Regierung kommt nicht nur von den Unabhängigkeitsbefürwortern aus Katalonien. Auch die Konservativen, besonders in Madrid, machen Druck auf die Linkskoalition von Sánchez. Sie schwanken zwischen bissigen Kommentaren und dem Versuch, sich in der Krise loyal zu zeigen.

Desinfektion der Gesichtsmasken: Auch in spanischen Krankenhäusern fehlt es an Material

Desinfektion der Gesichtsmasken: Auch in spanischen Krankenhäusern fehlt es an Material

Foto: Bernat Armangue/ dpa

Man habe von dem Maskenplan aus den Medien erfahren, sagte der Transportminister Madrids, Ángel Garrido, nun am Wochenende. Allein in der Region sind bereits mehr als 6000 Menschen an Covid-19 gestorben. Garrido sagte, er würde gerne wissen, wann, wo wie viele Masken verteilt werden sollen. Allerdings hat auch seine Regionalregierung die Gefahr des Virus zu Beginn der Pandemie kleingeredet.

Sánchez bemüht sich derweil um Entspannung. Er möchte die Opposition einbeziehen und einen "nationalen Pakt" schmieden, um das Land wieder aufzubauen. Etwas anderes bleibt ihm angesichts der Krise kaum übrig, eine eigene Mehrheit hat seine Linkskoalition nicht. Sollte das Experiment am Montag schiefgehen, steht er noch stärker unter Druck als zuvor.