Guaidó über Corona-Hilfen für Venezuela "Der Diktatur Geld zu geben, hieße, es zu verschwenden"

Venezuelas Interimspräsident Guaidó wird von vielen Staaten anerkannt, de facto fehlt ihm aber die Macht. Im Interview erklärt er, wie sein Kontrahent Maduro die Coronakrise ausnutzt - und was wirklich helfen würde.
Ein Interview von Marian Blasberg und Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Parlamentspräsident Venezolas Juan Guaidó: Venezuela erlebt seit Jahren einen humanitären Notstand

Parlamentspräsident Venezolas Juan Guaidó: Venezuela erlebt seit Jahren einen humanitären Notstand

Foto: Manaure Quintero/ REUTERS

SPIEGEL: Herr Guaidó, wie hat das Virus Ihren Alltag als Politiker verändert?

Guaidó: Das Leben eines Politikers, vor allem in Lateinamerika, wird bestimmt vom physischen Kontakt. In dieser Notsituation suchen viele Menschen auch körperliche Nähe. Wir müssen uns nun inmitten einer Diktatur an diese neuen Bedingungen anpassen. Es ist eine Herausforderung, eine Pandemie inmitten einer Diktatur zu bekämpfen. Im Parlament halten wir viele Sitzungen und Abstimmungen mittlerweile online ab, aber ich versuche, meine soziale Isolierung auf ein Minimum zu beschränken.

Zur Person

Juan Guaidó, 36, ist Wirtschaftsingenieur und Politiker. Seit Anfang Januar 2019 ist er Präsident der Nationalversammlung von Venezuela. Am 23. Januar erklärte er sich selbst zum Interimspräsidenten des Landes. Er wird von den USA, vielen lateinamerikanischen und europäischen Ländern - darunter auch Deutschland - unterstützt.

SPIEGEL: Wie trifft die Coronakrise denn die Leute auf der Straße?

Guaidó: Das ist sehr hart. Viele suchen nach Essen, kämpfen irgendwie ums Überleben. 50 Prozent der Venezolaner lebt von der informellen Wirtschaft. Eine Quarantäne oder soziale Distanzierung ist sehr schwierig. In 83 Prozent der Haushalte fehlt oft Wasser, das macht es noch komplizierter. Viele Venezolaner sagen, sie sterben lieber an dem Virus als an Hunger. Ich denke, darin spiegelt sich ihre Verzweiflung wider. Für uns bedeutet das, dass wir nicht nur die Eindämmung des Virus im Blick haben dürfen. Wir müssen auch sicherstellen, dass die Menschen die Anforderungen einer sozialen Isolation erfüllen können. Es ist unsere einzige Alternative, aber die Probleme bei der Versorgung mit Wasser und Strom machen es sehr schwierig.

SPIEGEL: Wie ist die Lage in den Krankenhäusern?

Guaidó: Im ganzen Land gibt es nur 84 Betten mit Beatmungsgeräten, das sind gerade einmal fünf Prozent von dem, was wir bräuchten, wenn sich die Ansteckungskurve wie im Rest der Welt entwickelt. In 80 Prozent der Häuser, die die Corona-Infizierten versorgen sollen, gibt es heute keine Seife, 23 Prozent haben keine Handschuhe, in 56 Prozent fließt kein Wasser. Venezuela erlebt seit Jahren einen humanitären Notstand. Die staatlichen Dienstleistungen und das öffentliche Transportsystem sind zusammengebrochen. Es ist ein Katastrophenszenario.

SPIEGEL: Offiziell gibt es in Venezuela 84 Fälle von Corona-Erkrankungen. Ist der Zahl zu trauen?

Guaidó: Es gibt Anzeichen, dass die Diktatur lügt. Die Zahlen, die Maduro präsentiert hat, sind sehr widersprüchlich. Am 18. März sagte er, dass es keine Fälle gebe, am Tag darauf war die Rede von sechs Infizierten, und danach verkündete er, 15 Erkrankte hätten sich erholt. Vor zwei Tagen informierte uns eine interne Quelle aus einem Ministerium, dass es ungefähr 200 Fälle gebe, aber aus Angst würde das nicht bekannt gegeben.

SPIEGEL: Sie werden zwar als Interimspräsident von über 50 Ländern anerkannt, aber de facto haben Sie nicht die Macht im Land. Woher beziehen Sie Ihre Informationen, mit wem arbeiten Sie zusammen?

Guaidó: Wir haben ein Expertenteam gebildet, in dem der Präsident des venezolanischen Infektologenverbands, Mitglieder der Ärztekammer, die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" sowie die Nationalversammlung vertreten sind. Wir werden von elf Ärzten beraten und arbeiten mit Universitäten und Medizinstudenten zusammen, die uns mit Informationen beliefern. Auf der Grundlage dieser Informationen bitten wir auch die internationale Gemeinschaft um humanitäre Hilfe.

SPIEGEL: Sollten die USA und die EU ihre Wirtschaftssanktionen während dieser Krise nicht vorübergehend aussetzen, um die Situation nicht noch zu verschlimmern?

Guaidó: Das ist so, als ob man einen Vergewaltiger bäte, auf deinen Sohn aufzupassen. Natürlich muss man etwas unternehmen, aber es gibt Alternativen. Der Diktatur Geld zu geben, hieße es zu verschwenden. Wir fordern stattdessen humanitäre Hilfe, Schutzkleidung für die venezolanischen Ärzte, ein neues System für Notfälle, Beatmungsgeräte und virensichere Atemkorridore in allen Krankenhäusern. Wir bitten um Alkoholgel für alle medizinischen Einrichtungen und eine Grundversorgung für zehn bis 15 Prozent der Schwerkranken. Die Regierung Maduro braucht kein Geld. Das, was sie hatten, haben sie gestohlen oder beschlagnahmt. Wir sind bereit, mit allen Sektoren und mit allen Ländern zu sprechen, damit diese Mittel ins Land kommen.

SPIEGEL: Vielleicht aber wäre es einfacher, wenn die Sanktionen ausgesetzt würden...

Guaidó: Ich denke, Venezuela kann sich selbst versorgen, es hat sogar Benzin exportiert. Die Krise hat nichts mit den Sanktionen zu tun, sie ist Teil dieser paradoxen Situation, die das Land gerade erlebt.

SPIEGEL: Vor einigen Tagen hieß es, dass der Internationale Währungsfonds Venezuela keinen Hilfskredit gewähren würde, weil nicht klar ist, wer das Land regiert - Sie oder Maduro. Ist das eine korrekte Entscheidung in diesem Moment, in dem es um das Überleben geht?

Guaidó: Noch einmal: In den vergangenen acht Jahren hat Venezuela über eine Trillion Dollar eingenommen, der größte Teil dieses Geldes wurde gestohlen. Es reicht einfach nicht aus, den IWF in einem öffentlichen Brief um einen Kredit zu bitten. Das Regime will nur eine Propagandashow veranstalten, das Schicksal der Venezolaner interessiert sie nicht. Venezuela wird Geld vom IWF brauchen, aber nicht fünf Milliarden, sondern 50 oder mehr. Die sind nötig für den Wiederaufbau des Landes, des Gesundheitssystems.

SPIEGEL: Wäre diese Krise nicht der Moment für ein großes Abkommen zwischen der Regierung und der Opposition?

Guaidó: Wir müssen die Not bekämpfen, daran besteht kein Zweifel. Aber wir stehen auch mitten in einem Machtkampf. Die Diktatur sucht schon seit eineinhalb Jahren die Konfrontation. Wenn sie einen Schritt in die richtige Richtung gehen will, soll sie die politischen Gefangenen freilassen und aufhören, Journalisten zu verfolgen oder die Ärzte und Krankenschwestern, die Fälle von Coronavirus anzeigen. Ich glaube, dass wir nicht notwendigerweise mit der Diktatur reden müssen. Wir brauchen zunächst einen Kanal für humanitäre Hilfe, dann können wir auch über andere Dinge sprechen.

SPIEGEL: Haben Sie denn Kontakte zu Maduro oder zu Mitgliedern seiner Regierung?

Guaidó: Wir haben uns immer mit einigen Vertretern des Regimes ausgetauscht, die die Verfassung respektieren. Viele haben Angst, sich öffentlich zu äußern. Wir versuchen alles Mögliche, nicht nur um Lösungen oder Alternativen für einen politischen Übergang zu finden, sondern auch für die Bekämpfung der Pandemie.

SPIEGEL: Könnte die Coronakrise zum Sturz des Autokraten Maduro beitragen? Es gibt Leute, die das behaupten.

Guaidó: Die Situation ist sehr angespannt. Die Menschen dürfen ihre Häuser nicht verlassen. In verschiedenen Städten Venezuelas hat es Plünderungen gegeben, auch Überfälle auf den Straßen und von Piraten auf dem Meer. Die Pandemie verschlimmert eine schon existierende Krise. Der Produktivsektor unseres Landes ist ebenso zerstört wie die Landeswährung Bolívar. Wir haben Hyperinflation. Die Gefängnisse sind überfüllt und viele Kinder unterernährt. Die Voraussetzungen für einen Übergang sind eigentlich seit langer Zeit gegeben, es fehlen nur wenige Elemente. Aber zurzeit ist es am wichtigsten, die Allerärmsten und Verletzlichsten zu retten.

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Improvisierter Schutz

Foto: Ariana Cubillos/ AP/ DPA

SPIEGEL: Welche Möglichkeiten haben Sie, um diesen Menschen ganz konkret zu helfen? Bekommen Sie Hilfe aus dem Ausland?

Guaidó: Ja. Die Herausforderung besteht darin, das Geld so ins Land zu bringen, dass es nicht gleich von der Regierung geplündert wird. Dafür suchen wir den Kontakt zu internationalen Organisationen, die im Land vertreten sind. Wir können ihnen helfen, ihre Kapazitäten auszubauen.

SPIEGEL: Sind eigentlich noch kubanische Ärzte im Land?

Guaidó: Soviel ich weiß, sind 35 kubanische Ärzte eingetroffen, aber wir wissen nicht viel darüber. Sie werden in jedem Fall nicht ausreichen; wir wissen auch nicht, wie sie ausgebildet sind. Gleichzeitig gibt es 200.000 venezolanische Ärzte, die in den letzten Jahren ins Ausland geflüchtet sind. Dieses Defizit versucht die Diktatur jetzt mit Kubanern auszugleichen, aber es wird nicht funktionieren.

SPIEGEL: Wie ist die Situation der politischen Gefangenen?

Guaidó: Sie wurden in ihren Gefängnissen unter Quarantäne gestellt. Das heißt, sie dürfen keinen Besuch empfangen. In ihren Zellen aber sind sie wie Vieh zusammengesperrt. Viele leiden unter der Isolierung, viele werden gefoltert. Der Oppositionsabgeordnete Tony Geara ist einer der jüngsten Fälle: Er wurde während der Corona-Quarantäne von Sicherheitskräften verschleppt. Auch zwei Journalisten gelten als verschwunden. Einer, hört man, wurde von der gefürchteten Geheimpolizei FAES mitgenommen. Angeblich hatte ihn ein Nachbar angezeigt, weil er das Coronavirus habe.

"Viele Venezolaner sagen, sie sterben lieber an dem Virus als an Hunger."

Juan Guaidó

SPIEGEL: Wäre es unter diesen Bedingungen möglich, Präsidentschaftswahlen abzuhalten, wie Sie es fordern, oder Parlamentswahlen, wie Maduro es will?

Guaidó: Zunächst müssen wir weltweit die Pandemie kontrollieren. Nicht nur in Venezuela sind Wahlen unter diesen Bedingungen kompliziert. Aber natürlich müssen wir mittel- und langfristig eine politische Lösung suchen, denn die Krise im Gesundheitswesen hat direkt mit der Diktatur zu tun.

SPIEGEL: Was glauben Sie, wie wird Venezuela in drei oder vier Monaten aussehen?

Guaidó: Schwer zu sagen. Ich glaube, es kommt stark darauf an, wie es uns gelingt, den Ärmsten zu helfen. Sieben Millionen Menschen stecken in einer komplizierten humanitären Krise, dazu kommen fünf Millionen venezolanische Flüchtlinge in anderen Ländern der Region. Die Krankenschwestern, die jetzt ihr Leben riskieren, tun das, obwohl sie nur vier oder fünf Dollar verdienen. Alles hängt davon ab, wie schnell humanitäre Hilfe ins Land kommt.

Anklage gegen Maduro

Zwei Tage nach dem Interview mit dem SPIEGEL hat die US-Regierung den venezolanischen Präsidenten Maduro und weitere Vertreter des Regimes wegen Drogenhandels, Geldwäsche und Terrorismus  angeklagt. Für die Ergreifung Maduros wurde eine Belohnung von 15 Millionen Dollar ausgesetzt. Kurz darauf eröffnete die venezolanische Justiz ihrerseits ein Ermittlungsverfahren gegen Parlamentspräsident Guaidó wegen des "Versuchs eines Staatsstreichs".  

"Diese Vorwürfe bestätigen, was wir Venezolaner seit Langem wissen, angezeigt und konfrontiert haben", schreibt Guaidó in einem Kommuniqué, das er auf Twitter verbreitete. Weiter heißt es darin: "Unser Problem ist nicht nur ein politisches Problem; wir stehen im Kampf gegen ein Kartell, das Kartell von Maduro... Über Jahrzehnte wurden unsere Institutionen und unser Staatsgebiet von Personen besetzt und kontrolliert, die Pablo Escobar, Osama bin Laden und 'Chapo Guzmán' ähneln... Jetzt kann niemand mehr bezweifeln, dass es nicht möglich ist, die internationale Finanzhilfe für das Land zu bekommen, die es angesichts der Zerstörung und der Pandemie benötigt, solange das Maduro-Kartell im Präsidentenpalast sitzt. Ich bekräftige meine Bereitschaft, mich für jede mögliche Hilfe für unser Volk angesichts der Bedrohung durch das Coronavirus einzusetzen - unter der Bedingung, dass die nötigen Mittel und Hilfsgüter nicht in die Hände einer Bande von Korrupten und Drogenhändlern fallen, sondern von internationalen humanitären und Gesundheitsorganisationen direkt zu jenen gelangen, die sie am meisten benötigen." Zum Vorwurf, einen Staatsstreich vorbereitet zu haben, äußerte Guaidó sich nicht.

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