Suizide unter Jesiden im Nordirak Woher Hoffnung nehmen?

Sechs Jahre nach dem Überfall der Terrormiliz IS auf die Jesiden im Nordirak leben Tausende als Vertriebene im eigenen Land. In der Coronakrise brechen Traumata auf. Immer mehr Menschen begehen Suizid.
Jesidische Kinder in einem Camp im Nordirak: Wie lebt man weiter?

Jesidische Kinder in einem Camp im Nordirak: Wie lebt man weiter?

Foto: Ari Jalal/ REUTERS

Wer verstehen will, wie es den Jesiden im Nordirak heute geht und warum immer mehr Suizid begehen, muss zurückblicken zum 3. August 2014. Ein Sonntag im Hochsommer.

Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) überfallen damals das Dorf Kocho im Distrikt Sinjar, Nordirak. Dort leben die Jesiden, die der IS für Ungläubige hält. Die Kämpfer der Terrormiliz erschießen rund 3000 Männer. Sie bringen mehr als 5000 Mädchen und Frauen weiter in die Städte Mossul oder Tall Afar, um sie an Kämpfer zu verkaufen. Nadia Murad erlebt damals, wie der IS ihre Mutter und sechs ihrer Brüder wegbringt. Dann wird auch sie in Mossul versklavt.

"Gott will, dass wir euch bekehren, und wenn das nicht gelingt, können wir mit euch machen, was wir wollen", sagt einer damals zu ihr. Er schmiert Honig auf seine Zehen, den sie ablecken muss, so erzählte sie es nach ihrer Gefangenschaft. Der IS benutzt die Jesidinnen als Belohnung für seine Kämpfer und als Motivation, sich dem "Kalifat" anzuschließen. Die Uno wird die Verbrechen gegen die Jesiden als "Genozid" anerkennen.

Suizidrate unter den Jesiden steigt

Es gibt Geschichten aus dieser Zeit, die so unvorstellbar brutal sind, dass es schwerfällt, sie anzuhören. Sie handeln von Männern, die Massenerschießungen überleben und unter den Körpern ihrer Nachbarn hervorkriechen, um ins Leben zu fliehen. Sie handeln von Mädchen, die von IS-Kämpfern schwanger werden und vor Verzweiflung von Häusern springen. Von Kindern, die gezwungen werden, Enthauptungen anzuschauen und mit einer Waffe in der Hand für den IS zu trainieren.

Wie macht man weiter danach? Heute steigt die Suizidrate unter den Jesiden im Nordirak. Unbewältigte Traumata, Hoffnungslosigkeit und Armut führen gerade in der Coronakrise dazu, dass viele nicht mehr leben wollen. Das Eingesperrtsein auf engem Raum, der Wegfall von Hilfe, von Unterstützung oder einer Art Perspektive verschärft die Lage.

Nadia Murad beim Besuch in einem griechischen Flüchtlingscamp: Sprecherin für ihr Volk

Nadia Murad beim Besuch in einem griechischen Flüchtlingscamp: Sprecherin für ihr Volk

Foto: Marko Djurica/ REUTERS

Nadia Murad überlebt damals einen Monat lang in Gefangenschaft des IS, sie wird immer wieder vergewaltigt, bis ihr die Flucht gelingt. Zwei Jahre später ernennt die Uno sie zu ihrer Sonderbotschafterin. Nadia Murad beginnt für ihr Volk zu sprechen. Sie ist 27 Jahre alt, als sie im Dezember 2018 den Friedensnobelpreis erhält.

Viele jesidische Familien haben alles verloren

Etliche von Nadia Murads Verwandten leben weiter im Nordirak, wo die Lage sechs Jahre nach dem Einfall des sogenannten "Islamischen Staats" hoffnungslos ist. Viele jesidische Familien haben alles verloren, als die Männer des IS nach Sinjar kamen. 6470 Frauen und Kinder wurden damals gekidnappt, 2850 Jesidinnen und Jesiden werden bis heute vermisst.

Ein Jeside bei seinem zerstörten Haus nahe Sinjar: Vergessen von der Zentralregierung

Ein Jeside bei seinem zerstörten Haus nahe Sinjar: Vergessen von der Zentralregierung

Foto: Khalid Al-Mousily/ REUTERS

Fast die gesamte jesidische Bevölkerung floh damals in die Kurdengebiete des Nordiraks, wo sie bis heute in Flüchtlingscamps ausharren. 360.000 von den einst 550.000 Jesiden im Irak bleiben Vertriebene im eigenen Land. Schon lange weitgehend vergessen von der Zentralregierung in Bagdad, kommt jetzt noch hinzu, dass auch lokale und internationale Hilfsorganisationen, die sich lange um Hilfe für die Jesiden bemühten, wegen der Coronakrise ihre Arbeit reduzieren müssen.

Psychologische Hilfe werde seit jeher vor allem an internationale Organisationen ausgelagert, sagt eine Mitarbeiterin einer großen internationalen Organisation. Und die hingen von Geldgebern ab. Nach der Befreiung vom IS sei das internationale Interesse am Irak aber geschwunden.

Während der Covid-19-Krise würden Gelder, die für psychosoziale Arbeit gedacht seien, für den Kampf gegen das Virus verwandt, berichten Helfer. Covid-19 heißt jetzt der neue Brandherd auch im Irak. Die psychologische Hilfe für traumatisierte Menschen steht nahezu still.

Eine Rückkehr nach Sinjar ist schwierig

Mirza Dinnayi, der die Hilfsorganisation Luftbrücke Irak leitet, meldet sich am Telefon aus Deutschland. Er erzählt die Geschichte des 29-jährigen Physiklehrers Samir Hassan Ali, der sich in der Nähe der Stadt Dohuk in einem Stausee ertränkte und dessen Familie er kürzlich getroffen hat.

"Er hielt das Leben nicht mehr aus"

Helfer Mirza Dinnayi, Luftbrücke Irak

Am Morgen des 9. März hatte Ali sein Zelte im Khanke-Camp bei Dohuk verlassen, um zur Arbeit als Freiwilliger in einer nahe gelegenen Schule zu gehen. Normalerweise kam er danach immer zurück, doch diesmal nicht. Am Tag darauf entdeckten Taucher seinen toten Körper im Wasser.

Ali hatte einen Abschluss von der Universität Mossul, aber nie einen entsprechenden Job gefunden. "Er hielt das Leben nicht mehr aus", sagt Dinnayi. Solche Schicksale erlebe er oft. In einem Abschiedsbrief an seine Familie berichtete der junge Mann von seiner Perspektivlosigkeit.

Vertreibung der Jesiden in Sinjar: Schreckliche Erinnerungen

Vertreibung der Jesiden in Sinjar: Schreckliche Erinnerungen

Foto: Rodi Said/ REUTERS

Die Jesiden leben seit nahezu sechs Jahren in Zelten oder halbfertigen Gebäuden im Nordirak, weil sie nicht in ihren Heimatdisktrikt Sinjar zurückkehren können. Die Region, die vor vier Jahren vom IS befreit worden war, liegt nahezu brach. Ein Großteil der zerstörten Dörfer wurde nie wieder aufgebaut, es gibt kaum Strom oder Wasser.

Zwei Krankenhäuser halten derzeit ein Beatmungsgerät für 160.000 Menschen bereit. Landminen machen eine Rückkehr gefährlich. Die Jesiden, die sich damals den Kurden als ihren Schutzherren anvertraut haben, fürchten sich auch vor der Zentralregierung in Bagdad und verschiedener ihr angehöriger Gruppierungen, die Sinjar heute kontrollieren. Viele Vertriebene haben schreckliche Erinnerungen an das, was in ihrer früheren Heimat geschah.

Desaströse wirtschaftliche Lage im Irak

Mit dem Absturz des Ölpreises ist die wirtschaftliche Lage im Land noch einmal desaströser geworden. Die meisten Jesiden sind arbeitslos. Männer, die einen kleinen Job als Tagelöhner hatten, haben ihn jetzt verloren. Und die Angst, dass der IS wieder erstarken könnte, ist groß.

"Die bereits traumatisierten Gemeinden dürfen sich jetzt nicht mehr frei bewegen, was unterschwelligen psychologischen Stress verstärkt, der zu erhöhten Selbstmordraten führen kann", schreiben mehrere Hilfsorganisationen in einem Statement vom 16. April 2020, darunter die Luftbrücke Irak und die NGO Yazda.

Jesiden besuchen einen Friedhof

Jesiden besuchen einen Friedhof

Foto: Suhaib Salem/ REUTERS

Schon 2019 warnte die Nothilfeorganisation "Ärzte ohne Grenzen" vor einer psychologischen Krise unter den Jesiden. Die medizinischen Helfer berichteten, dass 24 Patienten, die zwischen April und August 2019 in das Sinuni-Krankenhaus in Sinjar gebracht worden waren, versucht hatten, sich umzubringen. Knapp die Hälfte von ihnen unter 18 Jahren. Einige setzen sich in Flammen, tranken Gift, versuchten, sich zu erschießen. Ein 13-jähriges Mädchen erhängte sich.

Durch Covid-19 nimmt der Druck zu

Mit der Coronakrise verstärkt sich der Druck auf die traumatisierten Menschen. Helfer berichten jetzt von mehreren Selbstmorden pro Monat. Offizielle Statistiken gibt es nicht, weil das Gesundheitsministerium wegen Datenschutz keine Zahlen registriert und Hilfsorganisationen, die diese Zahlen liefern könnten, oft nur temporär im Irak arbeiten. Auch Stigmatisierung trägt dazu bei, dass es keine offiziellen Statistiken gibt. Wann Hilfsorganisationen ihre Arbeit wieder aufnehmen können, ist unklar.

Gesundheitsmitarbeiter in einem Camp nahe Dohuk: Mehrere Selbstmorde pro Monat

Gesundheitsmitarbeiter in einem Camp nahe Dohuk: Mehrere Selbstmorde pro Monat

Foto: Ari Jalal/ REUTERS

Nadia Murad, die Fürsprecherin der Jesiden, sorgt sich in diesen Tagen um ihre Freunde und Verwandten in der Heimat. In einem Artikel warnt sie vor häuslicher Gewalt gegen Frauen, die im Irak unter Covid-19 um bis zu 50 Prozent zugenommen habe und im Schnitt eine von fünf Frauen betrifft. "In einem Lockdown kann das Zuhause einer Frau zum gefährlichsten Ort werden, an dem sie sich aufhalten kann", schreibt Murad. Räume der Sicherheit, in denen Traumatisierte Zuflucht finden, gibt es kaum mehr.

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