Schwedens Sonderweg in der Coronakrise "Experiment mit der Bevölkerung"

Die Corona-Maßnahmen in Schweden sind ungewöhnlich lasch: Restaurants und viele Schulen bleiben geöffnet. Die Folge: Die Todesrate ist bisher die höchste in Skandinavien. Einige Wissenschaftler fordern einen Kurswechsel.
Café in Stockholm am 15. April: Schwedischer Alltag fast ohne Verbote

Café in Stockholm am 15. April: Schwedischer Alltag fast ohne Verbote

Foto: MAXIM THORE/ imago images/Bildbyran

Jeden Tag Homeoffice, die Tochter geht nicht mehr in die Schule - Claudia Hanson muss damit genauso zurechtkommen wie viele andere Deutsche.  

Dabei lebt sie in Schweden. Einem Land, das im Kampf gegen das Coronavirus seinen eigenen Weg geht. Restaurants und Geschäfte haben weiter geöffnet, ebenso die Kindergärten und Schulen unterhalb der Oberstufe. Sogar Versammlungen von bis zu 50 Personen sind grundsätzlich noch erlaubt. 

Die Entscheidung, ihre Tochter aus der Schule zu nehmen, hat Hanson gemeinsam mit ihrem schwedischen Mann getroffen: "Er gehört zur Risikogruppe, ist schon etwas älter und hat Diabetes." Beide wollen nicht riskieren, dass die Tochter das Virus über Kontakte in der Schule nach Hause bringt.  

"Ich glaube, sie ist völlig falsch"

Espen Nakstad, Vizechef der obersten norwegischen Gesundheitsbehörde, über Schwedens Corona-Strategie

"In der Klasse meiner Tochter bleibt ein Drittel der Kinder zu Hause", sagt Hanson. Diese Kinder würden bei der aktuellen Politik vergessen, denn es gebe so gut wie keinen Fernunterricht für sie.  

Hanson arbeitet seit 2010 als Medizinerin am renommierten Karolinska Institut in Stockholm. Sie forscht in den Bereichen Frauengesundheit und Infektionskrankheiten, zuletzt war sie deshalb in Tansania.  

Den liberalen Kurs der Regierung, die hauptsächlich auf die Eigenverantwortung ihrer Bürger setzt, hält sie für einen Fehler: "Schweden macht ein Experiment mit der Bevölkerung ohne deren Einwilligung." Gemeinsam mit 21 Forscherkollegen hat Hanson die Politiker des Landes zu entschlossenem Eingreifen aufgefordert. Das bisherige Vorgehen sei gescheitert, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme .  

Kritik kommt nicht nur von schwedischen Wissenschaftlern, sondern auch aus den Nachbarländern. Espen Nakstad, Vizechef der obersten norwegischen Gesundheitsbehörde (Helsedirektoratet) verurteilte die Strategie im größten Land Skandinaviens ungewöhnlich scharf: "Ich glaube, sie ist völlig falsch", sagte er vor einigen Tagen in einem Interview.  

Norweger, die aus Schweden zurückkehren, müssen sich für 14 Tage in Quarantäne begeben - zu groß erscheint die Gefahr, dass sie das Virus von dort einschleppen. Die Finnen haben ihre Grenze zu Schweden weitgehend abgeriegelt, das gab es noch nie. 

Auch wenn die Kritik lauter wird, bleiben die Schweden bei ihrem Sonderweg. Es gibt keine strengen Ausgangsbeschränkungen, die meisten Maßnahmen wie etwa der Verzicht auf Reisen sind freiwillig. 

Die Auswertung von Handydaten zeigt, dass die Menschen den Empfehlungen ihrer Regierung durchaus folgen. Nachdem Ende März die Skisaison vorzeitig beendet wurde, ließen viele Stockholmer nun auch die beliebten Ostertrips auf die Inseln Gotland oder Öland ausfallen. Der Rückgang lag bei 90 Prozent, wie die Zeitung "Dagens Nyheter" berichtet .  

Das Land befindet sich in einer Art Lockdown light. Dies belegen auch Statistiken von Google . Das Unternehmen zählt über seine Handy-Apps permanent, wie viele Menschen bestimmte Orte besuchen, etwa Geschäfte oder Parks. Bei Bahnhöfen und Haltestellen zeigen die Daten für Schweden ein Minus von 35 Prozent.  

Deutschland verzeichnet einen Rückgang von fast 50 Prozent. Die Lockdown-Länder Spanien und Italien kommen sogar auf ein Minus von 85 Prozent. Der Vergleich macht deutlich, wie groß die Spanne zwischen den unterschiedlichen Stufen der Einschränkung ist. 

Der Hashtag #StayAtHome (Bleib zu Hause) ist auch in Schweden populär. Laut den Google-Daten sind die Aufenthalte in der eigenen Wohnung an Wochentagen um 12 Prozent gestiegen, wenn auch nicht so stark wie in Deutschland (plus 20 Prozent) oder Italien, Spanien und Frankreich (mehr als 30 Prozent).  

Die spannendste Frage ist nun, was die Maßnahmen mittel- bis langfristig bewirken. Lässt sich das Virus auch auf sanftem Weg eindämmen? Reichen die Krankenhauskapazitäten aus? Oder droht eine medizinische Katastrophe? 

Im Vergleich zu seinen Nachbarn steht Schweden mittlerweile schlecht da. Es gibt deutlich mehr Tote – und ihre Zahl steigt täglich an. Am Donnerstag und Freitag meldete die Agentur für Volksgesundheit zusammengezählt 197 neue Todesfälle. In Finnland sind es insgesamt erst 75 seit Ausbruch der Krankheit.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Auch wenn man auf die Todeszahlen pro Einwohner schaut, liegen die Schweden erheblich über den Werten ihrer nördlichen Nachbarn. Ebenso über denen von Deutschland. Allerdings sieht es in einigen europäischen Ländern noch viel schlimmer aus als in Schweden: nicht bloß in Spanien, Italien, Frankreich und Großbritannien, sondern auch in Belgien und den Niederlanden. 

Im überwiegend dünn besiedelten Schweden lohnt ein noch genauerer Blick in die Regionen: Der Lockdown light wird dort nämlich ganz unterschiedlich gelebt. Im Süden in der Provinz Kalmar ist die Präsenz an Arbeitsplätzen nur um etwas mehr als 20 Prozent zurückgegangen.

In der Provinz Stockholm hingegen, in der es natürlich auch viel mehr Homeoffice-taugliche Arbeitsplätze gibt, lag das Minus zuletzt bei fast 50 Prozent - ein mit Berlin und Hamburg vergleichbarer Wert.

Das Infektionsgeschehen spielt sich ohnehin hauptsächlich im Großraum Stockholm ab. Die Region stellt nicht einmal ein Viertel der 10,2 Millionen Einwohner des Landes – aber 60 Prozent aller Todesfälle.  

Wäre Stockholm eine Stadt in Deutschland, würde sie als besorgniserregender Corona-Hotspot streng beobachtet. Der von der Einwohnerzahl vergleichbare Großraum Hamburg kommt aktuell auf etwa 100 Corona-Tote, in und um Stockholm sind es bereits 800. Die Todeszahlen aus Stockholm könnten unter Umständen auch durch aus der Provinz dorthin verlegte Patienten verfälscht sein. Die schwedische Gesundheitsbehörde hat eine SPIEGEL-Anfrage dazu jedoch bislang nicht beantwortet (siehe Ergänzung unten).

Ein Problem könnte auch die relativ geringe Zahl an Tests sein, die im Land durchgeführt werden. "Wir wissen nicht, wo wir stehen", sagt Claudia Hanson. Die einzige halbwegs vertrauenswürdige Zahl sei die der Gestorbenen. "Und die hängt dem Infektionsgeschehen drei Wochen hinterher." 

Die Meinung staatlicher Experten gilt in Schweden viel

Dennoch sind die Verantwortlichen in Schweden davon überzeugt, dass ihr Weg der Richtige ist. Nicht sie seien es, die mit ihrer Bevölkerung experimentierten, sondern die anderen Staaten.  

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Eine Schlüsselrolle im Land spielt die Agentur für Volksgesundheit (Folkhälsomyndigheten). Deren Generaldirektor Johan Carlson sagte im schwedischen Fernsehen: "Es ist ein sehr schwieriges Experiment, eine Bevölkerung für vier, fünf Monate einzusperren."  

Er wolle lieber mit Methoden erfolgreich sein, die sich monatelang aufrechterhalten lassen, ohne dass die Menschen aufbegehren, erläuterte Carlson. So lasse sich die Verbreitung der Krankheit "auf bestmögliche Weise verhindern".

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Die Meinung staatlicher Experten wie Carlson gilt in Schweden viel, die Regierung setzt deren Empfehlungen gewöhnlich eins zu eins um. Dennoch waren in jüngster Zeit Anzeichen von Nervosität im Kabinett des Ministerpräsidenten Stefan Löfven zu erkennen.

Um für alles gewappnet zu sein, besorgte sich der Sozialdemokrat Anfang des Monats eine Vollmacht des Parlaments. Seine Regierung darf nun Zwangsmaßnahmen erlassen, ohne dass sie vorher die Volksvertreter fragen muss. Bisher hat Löfven von dieser Möglichkeit noch keinen Gebrauch gemacht.  

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Aus Sicht der meisten Schweden ist das auch nicht nötig. Trotz massiver Kritik von Wissenschaftlern wie Claudia Hanson sind die Bürger mit den Entscheidungen ihrer Regierung zufrieden.

Nach jüngsten Umfragen genießt Löfven so großes Vertrauen wie noch nie während seiner fast sechsjährigen Amtszeit. Und seine lange schwächelnden Sozialdemokraten haben die Rechtspopulisten wieder vom Spitzenplatz in der Wählergunst verdrängt. 

Ergänzung: Die schwedische Gesundheitsbehörde hat die SPIEGEL-Anfrage vom 15.4. zur Verlässlichkeit der Todeszahlen der Provinz Stockholm am 21.4. beantwortet. Demnach werden Menschen, die in der Provinz Stockholm sterben, aber nicht dort wohnen, üblicherweise der Todesstatistik ihrer Heimatprovinz zugeordnet. Die Behörde schließt jedoch nicht aus, dass manche dieser Patienten in den Daten der Provinz Stockholm enthalten sind.

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