Eine Zwischenbilanz in Zahlen Wie gut kommt Schweden auf seinem Sonderweg durch die Krise?

Schwedens Politik in der Coronakrise hat weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Aber wie steht das Land drei Monate nach Beginn der Infektionswelle da? Eine Zwischenbilanz in Zahlen.
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Foto: DER SPIEGEL

Die Restaurants blieben offen, die Kitas auch - und es gab keinerlei Ausgangsbeschränkungen. Der vergleichsweise lockere Umgang Schwedens mit dem Coronavirus hat heftige Diskussionen ausgelöst. Die einen brandmarkten das Vorgehen als gefährliches Experiment an der Bevölkerung, andere erklärten das Land zum Sehnsuchtsort, in dem noch die Vernunft regiert.

Wie aber ist das Land durch die ersten Monate der Coronakrise gekommen? Steht Schweden ähnlich gut da wie seine Nachbarn? Oder gar besser? DER SPIEGEL hat die Zahlen analysiert:

Die Corona-Maßnahmen

Regierungen weltweit reagierten unterschiedlich auf die rasant steigenden Corona-Infektionen. Forscher der University of Oxford haben eine Maßzahl entwickelt, welche die Maßnahmen der Länder vergleichbar machen soll: den sogenannten Government Response Stringency Index . Darin fließen 17 verschiedene Indikatoren ein, etwa Art und Umfang von Schulschließungen, Ausgangsbeschränkungen, Finanzhilfen für Unternehmen und Investitionen in die Impfstoffentwicklung.

Folgendes Diagramm zeigt den Verlauf des Government Response Stringency Index für Schweden, seine skandinavischen Nachbarn und Deutschland. Der Wert 0 steht für gar keine Reaktion, der Wert 100 für die strengstmögliche Reaktion auf die Coronakrise.

Der Verlauf verdeutlicht den schwedischen Sonderweg: Während Deutschland und die skandinavischen Nachbarn anfangs viele strenge Maßnahmen kurz nacheinander ergriffen, setzte die schwedische Regierung stärker auf Empfehlungen und Freiwilligkeit.

Malmö (Schweden): Menschen genießen das warme Abendwetter hinter einem Schild, das auf die Abstandsregeln hinweist

Foto: Johan Nilsson/ dpa

Doch wie der Alltag in Stockholm, Göteborg und auf Gotland in der Krise aussieht, darüber verrät der Government Response Stringency Index nicht ganz so viel. Denn auch in Schweden gab und gibt es starke Beschränkungen - allerdings unterwarfen sich die Menschen diesen freiwillig. Das zeigt unter anderem der Vergleich von Mobilitätsdaten, die Google veröffentlicht hat.

Der Internetkonzern zählt permanent, wie oft bestimmte Orte von Menschen frequentiert werden, etwa Bahnhöfe, Supermärkte oder der Arbeitsplatz. Google nutzt dafür Trackingdaten von Handys und setzt diese ins Verhältnis zu Durchschnittswerten aus der Vergangenheit.

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Normalität in Norrtälje (Schweden): Ein Vater verabschiedet seine Kinder vor der Schule

Foto: RACHEL ANNIE BELL/ imago images/Cavan Images

Die Daten verdeutlichen, dass Schweden sich vor allem von Deutschland nur wenig unterscheidet. Besuche am Arbeitsplatz und Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind in urbanen Regionen überall ähnlich stark zurückgegangen - egal ob in Stockholm oder eben Berlin und Kopenhagen. In ländlichen Regionen waren die Veränderungen nicht ganz so drastisch.

Die größten Rückgänge gab es in Helsinki und Oslo - sowohl bei der Präsenz an Arbeitsplätzen als auch bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

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Die Virusausbreitung

Die meisten Länder entschieden sich für eine konsequente Eindämmung des Coronavirus - und nahmen dafür teils drastische wirtschaftliche und soziale Folgen in Kauf. Schweden wählte einen etwas anderen Weg: Das Land wollte die Ausbreitung zwar auch eindämmen, aber zugleich Kitas, Schulen und öffentliches Leben so wenig wie möglich einschränken.

Für eine Einschätzung des Epidemieverlaufs in Schweden eignen sich die Infiziertenzahlen nur bedingt. Denn das Land testet viel weniger als beispielsweise Deutschland, weshalb viele Infektionen unerkannt bleiben. Die Statistik der Covid-19-Toten ist da belastbarer - und dabei steht Schweden im Vergleich zu Deutschland und seinen Nachbarn schlecht da.

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Im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind in Schweden bis Ende Mai viermal so viele Menschen an Covid-19 gestorben wie in Deutschland. Pro 100.000 Einwohner sind es mittlerweile 41 Tote, in Deutschland liegt diese Zahl bei zehn.

Und die Zahl der Toten steigt in Schweden weiterhin stetig. Norwegen und Finnland haben es hingegen geschafft, ihre Todesrate bei vier bis fünf je 100.000 Einwohner zu stabilisieren - ein Achtel bis ein Zehntel des Werts aus Schweden.

Warum aber hat Schweden deutlich mehr Todesfälle als die Nachbarländer? Die Startbedingungen waren ähnlich. Das Coronavirus breitete sich in Skandinavien etwas später aus als in Italien, Frankreich und Spanien. Norwegen, Finnland und Dänemark reagierten ähnlich wie Deutschland mit harten Gegenmaßnahmen. Alle vier Länder konnten Zustände wie in Italien verhindern und die Infektionen nach einigen Wochen deutlich senken.

In Schweden verlief die Epidemie etwas anders, wie folgende Heatmap illustriert. Sie basiert auf der Zahl der täglichen Todesfälle durch Covid-19. Die Färbung der Zellen verrät, wie viele Tote es an dem jeweiligen Tag im Verhältnis zum bisherigen Maximalwert gab. Ist eine Zelle dunkelrot, entspricht die Opferzahl diesem Maximalwert oder liegt knapp darunter. Blau steht für kleine relative Fallzahlen, Weiß für mittlere, Gelb für hohe. Um statistische Schwankungen auszugleichen, wurden die Zahlen über sieben Tage gemittelt.

Die meisten Länder haben es bis Ende Mai geschafft, wieder in den blauen Bereich zu kommen, also zu relativ wenigen Todesfällen im Vergleich zum Maximalwert. In Schweden sind die täglichen Todeszahlen deutlich langsamer gesunken. Seit Anfang April zeigt die Heatmap gelbe, rote und zuletzt weiße Farben. Das sind Tage, an denen die täglichen Todesfälle sehr oder relativ hoch waren.

Schweden steht aktuell bei etwa 55 Toten pro Tag im Sieben-Tage-Mittel. Das ist etwa die Hälfte des Maximalwerts von 107, der Ende April erreicht wurde. Deutschland, das achtmal so viele Einwohner hat, liegt aktuell bei 40 Toten pro Tag - ein Fünftel des Höchstwerts von 250 Toten vom 21. April.

Man muss konstatieren: Schweden hat mehr Infektionen zugelassen als seine Nachbarn - und entsprechend mehr Tote. Von einer Herdenimmunität, die eine weitere Ausbreitung des Virus stoppen würde, ist das Land trotzdem weit entfernt. Anfang Mai durchgeführte Antikörpertests ergaben Infektionsraten von lediglich vier bis sieben Prozent . Eine Herdenimmunität erfordert jedoch Werte deutlich über 60 Prozent.

Schweden ist es nicht gelungen, die Infektionen so schnell einzudämmen wie die Nachbarländer. Es ist sogar so, dass sich das Coronavirus im Westen des Landes zuletzt immer stärker ausgebreitet hat. Während die Zahlen der täglichen Todesfälle in der Provinz Stockholm inzwischen sinken - dem Corona-Hotspot des Landes mit über 2000 Toten -, wachsen sie aktuell in und um Göteborg - siehe dunkelblaue Linie im folgenden Diagramm.

Die Provinz Västra Götalands, zu der auch Göteborg gehört, meldete zuletzt wiederholt 30 oder 40 neue Todesfälle an einem Tag.

Kein Wunder, dass Dänemark, Finnland und Norwegen derzeit zögern, die geschlossenen Grenzen für einreisende Schweden wieder zu öffnen  - man fürchtet den Import neuer Coronafälle. Aus demselben Grund hatte jüngst auch Zypern erklärt, Direktflüge aus Schweden vorerst nicht zu erlauben .

Sind Infektionen in Altersheimen die Ursache?

Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell führt die vergleichsweise hohe Todesrate seines Landes übrigens vor allem auf Covid-19-Ausbrüche in Altersheimen zurück. "Fast 50 Prozent aller Toten lebten in Heimen", erklärte er der BBC . Es sei nicht gelungen, die Heimbewohner gut genug zu schützen. Die vielen Infektionen und Toten sprächen jedoch grundsätzlich nicht gegen die schwedische Strategie, betonte Tegnell.

Seine Argumentation stimmt jedoch nur halb. Denn Corona-Ausbrüche in Altersheimen und Massenunterkünften mit vielen Toten gab es nicht nur in Schweden, sondern in vielen anderen Ländern. Etwa in der Schweiz. Dort stammen einem Bericht des "Tagesanzeigers" zufolge  sogar 53 Prozent aller Covid-19-Toten aus Alters- und Pflegeheimen.

In Deutschland liegt der Anteil laut Robert Koch-Institut (RKI) bei 38 Prozent. Allerdings liegen dem RKI für knapp 30 Prozent aller Covid-19-Toten keine Angaben zu einer möglichen Heimunterbringung vor, sodass der Anteil hierzulande letztlich ähnlich hoch sein könnte wie in Schweden. Trotzdem sind in Schweden bezogen auf die Einwohnerzahl viermal so viele Menschen an Corona gestorben wie in Deutschland.

Bei der Altersstruktur der Corona-Toten unterscheiden sich Schweden und Deutschland übrigens kaum. In beiden Ländern sind es vor allem die Älteren, die dem Virus zum Opfer fallen. In Schweden ist nur der Anteil der über 90-Jährigen etwas höher.

Ein Problem Schwedens in der Coronakrise ist die vergleichsweise geringe Zahl an Intensivbetten in Krankenhäusern. Den offiziellen Statistiken zufolge waren diese trotzdem nie komplett ausgelastet, obwohl Schweden pro Einwohner ja deutlich mehr Covid-19-Fälle mit schwerem Verlauf hatte als Deutschland.

Offenbar hat Schweden eine Überlastung seiner Intensivabteilungen auch deshalb vermieden, weil ältere Patienten kaum intensivmedizinisch versorgt wurden. Zwei Drittel aller Covid-19-Toten sind über 80. Aber nur fünf Prozent der Patienten auf Intensivstationen stammen dem schwedischen Krankenhausregister zufolge  aus dieser Altersgruppe.

Lokale Gesundheitsämter sollen laut BBC  auch von der Verlegung älterer Patienten in Krankenhäuser abgeraten und die Gabe von Sauerstoff ohne ärztliche Anordnung als palliative Maßnahme abgelehnt haben. Die gefürchtete Triage im Krankenhaus wurde so offenbar vermieden - sie fand im Altersheim statt.

Schwedens Wirtschaft kriselt

Schwedens Wirtschaft hängt ähnlich wie die deutsche stark von Exporten ab. Die weltweite Rezession wird deshalb auch Schweden hart treffen - obwohl es in dem Land selbst kaum Restriktionen für Unternehmen gab.

Der Internationale Währungfonds (IWF) prognostiziert 2020 weltweit starke Einbrüche beim Bruttoinlandsprodukt. Schweden und Deutschland könnten bei etwa minus sieben Prozent landen - Finnland und Norwegen vielleicht nur bei minus 6,5 Prozent.

Schweden setzt wie Deutschland massiv auf Kurzarbeit, damit Unternehmen wegen der Coronakrise möglichst wenige Mitarbeiter entlassen müssen. 350.000 Schweden nutzen diese Option. Trotzdem prognostiziert das schwedische Konjunkturinstitut einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf mehr als zehn Prozent bis zum Jahresende. Das wäre eine Zunahme um fast 50 Prozent gegenüber 2019.

Besonders unter der Coronakrise leidet der schwedische Dienstleistungssektor, wie eine Umfrage des Konjunkturinstituts ergab . Jedes zehnte Unternehmen berichtete von 75 Prozent Umsatzrückgang und mehr. Fast 15 Prozent der Unternehmen des produzierenden Gewerbes gaben an, dass sich der Umsatz mehr als halbiert hat.

Restaurants, Klubs und Bars mögen in Schweden zwar etwas besser dastehen als beispielsweise in Deutschland. Doch dafür droht das auch nicht ganz unwichtige Tourismusgeschäft im Sommer wegzufallen, weil Schweden mit seinen nach wie vor erhöhten Infektionszahlen kein gutes Reiseziel abgibt.

Kita auf, Oma krank?

Im Vergleich zu ihren skandinavischen Nachbarn und zu Deutschland müssen die Schweden einen hohen Preis zahlen für das lockere Management der Coronakrise durch ihre Regierung. Die Kinder konnten zwar weiter in Kitas und Schulen gehen. Doch viele ältere Menschen sind nach einer Corona-Infektion gestorben.

Wäre Schweden dem restriktiven Weg von Norwegen, Finnland oder Deutschland gefolgt, läge die Zahl der Corona-Toten aktuell wohl zwischen 500 und 1000 - und nicht bei mehr als 4000. Noch ist die Pandemie nicht zu Ende.