Coronakrise und häusliche Gewalt in Italien "Diese Männer sind wie Tiger im Käfig"

Opfer häuslicher Gewalt haben im Corona-Lockdown wenig Chancen, unbemerkt Hilfe zu rufen. In Italien gehen kaum noch Anrufe beim nationalen Notruf ein. Eine NGO versucht nun, Frauen gezielt anzusprechen - im Supermarkt.
Ein Interview von Maria Stöhr
Venedig, Italien: Seit Anfang März dauert der Lockdown in dem Land - die Gefahr häuslicher Gewalt ist gestiegen

Venedig, Italien: Seit Anfang März dauert der Lockdown in dem Land - die Gefahr häuslicher Gewalt ist gestiegen

Foto: Andrew Medichini/ AP
Globale Gesellschaft

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"Ich habe einen kleinen Sohn, seit dem Lockdown sind wir die ganze Zeit zu Hause. Seit der Coronakrise ist mein Mann noch gewalttätiger als sonst. Ich dachte, die Tatsache, dass mein Sohn bei mir ist, würde mich schützen. Aber so ist es nicht.

Es war Nacht. Mein Mann war wütend, er brüllte, er drohte mir mit Gewalt. Die Nachbarn haben mir das Leben gerettet. Sie haben die Polizei gerufen, die Beamten wiesen ihn aus der Wohnung, er darf nicht mehr wiederkommen."

Mit diesen Worten meldete sich vor einigen Wochen eine Frau in Italien, 30 Jahre alt, bei der Hilfsorganisation WeWorld. Schon einmal hatte sie bei der NGO Hilfe und Schutz vor ihrem gewalttätigen Mann gesucht. Doch nun, während der strikten Ausgangssperren in der Coronakrise, war die Situation noch schlimmer geworden.

Zahl der Übergriffe nimmt zu

Seit Menschen in vielen Ländern weltweit im Lockdown leben, nur selten vor die Tür treten oder andere treffen können, seit Frauen und Männer auf engstem Raum zusammen sein müssen, nimmt die Zahl von Übergriffen in den eigenen vier Wänden zu. Ein Szenario, vor dem Frauenhäuser und Hilfsorganisationen auch in Deutschland warnen.

DER SPIEGEL

In Italien gelten die strikten Ausgangsbeschränkungen schon seit Anfang März. Viele öffentliche Anlaufstellen sowie die "spazio donna", also die Frauenhäuser, wo Opfer häuslicher Gewalt in normalen Zeiten Schutz suchen können, sind geschlossen. Die Gefahr der Ansteckung mit dem Virus ist zu hoch. Wie können Frauen in diesen Zeiten geschützt werden?

Stefano Piziali koordiniert Hilfen und Anlaufstellen für Frauen in Not.

SPIEGEL: Herr Piziali, in vielen Ländern haben die Fälle häuslicher Gewalt in der Coronakrise zugenommen. Wie ist die Situation in Italien?

Stefano Piziali: Ich gehe davon aus, dass die Übergriffe auch in Italien mehr geworden sind, leider haben wir noch keine offiziellen Zahlen. Eine Frau, die schon vor der Coronakrise von ihrem Mann verprügelt wurde, wird jetzt erst recht häusliche Gewalt erfahren. Weil der Mann rund um die Uhr zu Hause ist; weil Aggressionen schwer abzubauen sind. Oft kommt durch Lohnausfälle oder Jobverlust noch neues Wutpotenzial dazu. Diese Männer sind wie Tiger in einem Käfig. Und das Perfide ist: Wir bekommen von diesen Gewalttaten noch weniger mit als sonst.

SPIEGEL: Warum?

Piziali: Die Anrufe von Frauen bei uns sind um 80 Prozent zurückgegangen. Und auch die Anzeigen häuslicher Gewalt bei der Polizei sind weniger als vor der Coronakrise. Das bestätigen aktuelle Zahlen der Behörden. Das nationale Nottelefon für Frauen, das "telefono rosa" mit der Nummer 1522, verzeichnete im März halb so viele Anrufe wie im Vorjahreszeitraum. In den vergangen Tagen haben die Anrufe aber wieder etwas zugenommen.

SPIEGEL: Wie passt das zusammen?

Piziali: Gerade in ärmeren Gegenden gibt es in vielen Haushalten nur ein Telefon. Eine Frau kann also gar nicht unbemerkt den Notdienst anrufen. Oft gibt es auch nur einen Computer, zudem schlechtes oder gar kein Internet. Es gibt Frauen, die kein eigenes Handy haben. Sie sind im Lockdown rund um die Uhr unter der Beobachtung ihrer Männer. Außerdem bleiben körperliche Verletzungen von der Gesellschaft unbemerkt, weil die Betroffenen rund um die Uhr in der Wohnung sind. Leichtes Spiel für ihre Peiniger.

SPIEGEL: Was tut Ihre Organisation, damit Frauen trotzdem Hilfe bekommen?

Piziali: Wir gehen dorthin, wo Frauen im Moment am ehesten noch unbegleitet sind: in die Supermärkte. An den Kassen weisen Schilder auf die Notrufnummer hin, die 1522. Wir schulen das Kassenpersonal in einigen Märkten, auf mögliche Verletzungen und Auffälligkeiten bei Frauen zu reagieren und uns zu kontaktieren.

SPIEGEL: Was unternimmt die italienische Regierung?

Piziali: Die Innenministerin Luciana Lamorgese hat Ende März die Polizeibeamten dazu aufgerufen, besonders wachsam zu sein. Und sie stellte eine neue App vor, "YouPol ", mit der betroffene Frauen sich bei der Polizei melden können, ohne einen Anruf tätigen zu müssen.

Wie Sie Frauen bei häuslicher Gewalt unterstützen können

Durch Ausgangssperren und Quarantäne sind viele Frauen während der Corona-Pandemie vom Hilfesystem abgeschnitten. Experten empfehlen Nachbarn deshalb, wachsam zu sein.

So können Nachbarn etwa einen Ausdruck des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen" im Hausflur aufhängen oder sich selbst bei einem Frauennotruf melden, wenn sie Gewalt in einer Nachbarwohnung befürchten.

Das Hilfetelefon erreichen Sie unter: 08000 116 016. Onlineberatung unter www.hilfetelefon.de . Dort gibt es auch Materialien in mehreren Sprachen.

Beratungsstellen Gewalt gegen Frauen und Mädchen: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/ 

Prinzipiell muss ich aber sagen, dass in Italien gerade alle darauf fokussiert sind, die Krise in den Krankenhäusern und bei den Corona-Infizierten in den Griff zu bekommen. Die riesigen Probleme im sozialen Bereich, in sozial schwachen Familien zum Beispiel oder eben in Familien mit gewalttätigen Männern, wird man erst viel später sehen.

SPIEGEL: Was erwarten Sie für Entwicklungen in den kommenden Wochen?

Piziali: Da wird ein riesiger Sturm auf uns zukommen. Für das italienische Sozialsystem - das schon vor Corona unterfinanziert und schwach war – muss ein Plan her, wie mit solchen Krisen in Zukunft umgegangen wird. Wie wir sicherstellen, dass wir mit Frauen und Kindern Kontakt halten können, die in Gefahr sind. Wie wir ihnen verlässlich helfen können.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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