Coronakrise Warum Schweden so viele Covid-19-Tote hat

Schweden wollte seinen eigenen Weg durch die Coronakrise gehen. Nun hat das Land pro Kopf mehr Todesopfer als Frankreich und nähert sich Italien. Die Eindämmung des Virus ist gescheitert.

Anfangs sah der schwedische Sonderweg durch die Corona-Pandemie gar nicht so schlecht aus: keine Ausgangssperren, Kitas, Grundschulen und Restaurants blieben geöffnet - und hohe Todeszahlen wie in Italien oder Belgien gab es keine. Schweden setzte vor allem auf freiwillige Maßnahmen seiner Bürger.

Anders Tegnell, der Chefepidemiologe des Landes, hielt drastische Eingriffe für falsch. Menschen zu Hause einzusperren, werde auf lange Sicht nicht funktionieren, sagte er im April . Früher oder später würden die Leute sowieso rausgehen. Ein gewisses Infektionsgeschehen im Land galt für ihn als tolerierbar, weil dadurch die Immunität in der Bevölkerung steigt .

Wohin diese Strategie geführt hat, zeigen die Todesstatistiken der vergangenen Wochen. Im April und Mai starben in Schweden deutlich mehr Menschen als im langjährigen Durchschnitt.

Die zusätzlichen Toten entsprechen ziemlich genau der offiziellen Zahl der Covid-19-Toten - wie die rote Fläche im Diagramm oben zeigt.

Schweden steht mittlerweile bei mehr als 50 Covid-19-Opfern je 100.000 Einwohner - Deutschland bei knapp elf. Anders Tegnell hat kürzlich sogar eingestanden , dass ein etwas restriktiverer Weg wohl besser für sein Land gewesen wäre.

Bei den Todeszahlen hat Schweden Frankreich bereits hinter sich gelassen. Italien, Spanien und Großbritannien kommen auf etwas höhere Zahlen. Mit Abstand am schlechtesten in Westeuropa steht Belgien da, was aber auch damit zu tun haben könnte, dass Tote in Altersheimen teils auch ohne Test als Corona-Opfer gezählt wurden.

Aufschlussreich dabei ist der Blick auf die zeitliche Entwicklung der Todesfälle. Folgendes Diagramm zeigt die Zahl der in einem Land bis dahin gestorbenen Corona-Infizierten – bezogen auf den jeweiligen Tag und pro 100.000 Einwohner.

Die meisten Länder konnten das Prinzip "flatten the curve" offensichtlich umsetzen - der Anstieg der Todeszahlen verringerte sich binnen wenigen Wochen immer mehr. In diesen Ländern gibt es mittlerweile pro Tag nur noch so wenige neue Todesfälle, dass man sie im Diagramm kaum sehen kann.

Doch zwei Länder tanzen aus der Reihe: Großbritannien und Schweden. Zwar verlaufen auch hier die Kurven am Ende etwas flacher als zu Beginn. Doch es gibt immer noch einen klar erkennbaren Anstieg von Tag zu Tag.

Als Erklärung für die vielen Covid-19-Toten werden in Schweden immer wieder die vielen Infektionen in Altersheimen angeführt. Laut Anders Tegnell soll die Hälfte aller Corona-Toten aus Heimen kommen .

Auch Schwedens Außenministerin Ann Linde bemühte kürzlich in einem Interview mit der Deutschen Welle  diese Erklärung. Sie und auch Tegnell verschweigen allerdings, dass die vielen Toten in Altersheimen keinesfalls ein auf Schweden beschränktes Phänomen sind. In der Schweiz kommen sogar 53 Prozent der Toten aus Heimen , in Deutschland sind es mindestens 40 Prozent.

Die vielen Toten in Schweden haben offensichtlich noch andere Gründe. Einer dürfte sein, dass das Virus dort viel stärker grassiert als sonst in Westeuropa. Und dass sich daran seit Wochen nicht viel geändert hat.

Das Coronavirus kennt keine Gnade: Wo sich jeden Tag viele Menschen neu infizieren, stirbt mit großer Wahrscheinlichkeit ein paar Wochen später ein Teil dieser Infizierten.

Die offiziellen Zahlen zeigen, dass die Infektionen in Schweden, anders als in vielen anderen europäischen Ländern, kaum zurückgehen. Seit Anfang April liegen die Meldungen stabil zwischen 500 und 600 Neuinfektionen pro Tag.

Ab Anfang Juni haben sich die Infiziertenzahlen sogar verdoppelt - das dürfte aber in erster Linie an den stark ausgeweiteten Tests liegen und weniger am tatsächlichen Infektionsgeschehen.

Schaut man auf die Zahl der täglich neu gemeldeten Covid-19-Toten, wird das Problem Schwedens offenkundig. Das Land hatte bezogen auf die Einwohnerzahl auf dem Höhepunkt der Welle zwar nicht ganz so viele Tote wie Italien, Belgien, Frankreich und Großbritannien - das zeigt das folgende Diagramm.

Doch nach dem Peak in der zweiten Aprilhälfte sank die Zahl der Toten langsamer als etwa in Italien oder Belgien. Einen ähnlich langsamen Rückgang der täglichen Todeszahlen gab es sonst nur noch in Großbritannien.

  • Aktuell steht Schweden immer noch bei 2 bis 3 Toten je eine Million Einwohner und Tag.

  • Schweden liegt damit vor Großbritannien und noch viel deutlicher vor den übrigen europäischen Ländern.

  • Der Wert entspricht rund 20 bis 30 Toten pro Tag.

  • Geht es so weiter, könnte Schweden in etwa 30 Tagen Italien bei der Todesrate überholen.

Noch aber ist nicht endgültig ausgemacht, ob Schwedens Weg ein Irrweg war. Wenn Länder wie Finnland, Deutschland oder Norwegen von einer zweiten Infektionswelle getroffen werden, könnte die Zahl der Toten dort noch einmal deutlich steigen.

Doch auch Schweden muss vorsichtig sein - von einer Herdenimmunität ist das Land trotz des stärkeren Infektionsgeschehens nämlich weit entfernt. Anfang Mai durchgeführte Antikörpertests ergaben Infektionsraten von lediglich vier bis sieben Prozent 

Hinweis: Die Fallzahlen in diesem Artikel wurden nach der Veröffentlichung auf die dann vorliegenden neueren Werte aktualisiert.