Grenzschließungen wegen der Coronakrise Wenn Afrika den Westen aussperrt

In vielen weniger entwickelten Staaten waren Europäer und Amerikaner lange als Besucher willkommen. Seit der Coronakrise ist das vorbei - die Länder wollen und müssen sich schützen.
Reisender am Flughafen von Kapstadt, Südafrika: Corona kehrt die Verhältnisse um

Reisender am Flughafen von Kapstadt, Südafrika: Corona kehrt die Verhältnisse um

Foto: KIM LUDBROOK/EPA-EFE/Shutterstock

Normalerweise kämpfen die Taxifahrer vor dem Flughafen von Accra, der Hauptstadt von Ghana, um die besten Plätze: Jeden Abend warten sie darauf, dass Touristen aus Europa und den USA durch die Glasschiebetüren kommen. "Jeder von uns möchte einen abbekommen", sagt ein Fahrer. Damit es möglichst geordnet zugeht, gibt es sogar eine Absperrung, die den Vorplatz mit den Neuankömmlingen von den wartenden Chauffeuren trennt. So war das zumindest noch vor wenigen Tagen. Seit Kurzem braucht es keine Barrikade mehr: Ghana hat eine Einreisesperre gegen Touristinnen und Touristen verhängt.

Viele Taxifahrer würden sie auch gar nicht mehr mitnehmen. Früher waren Touristen und westliche Ausländer die profitabelsten Gäste - nun lehnen auch Uber-Fahrer sie immer öfter ab. Denn es waren Reisende aus Europa, die das Coronavirus nach Ghana gebracht haben. Die ersten Fälle traten auf, nachdem zwei Menschen aus Norwegen und der Türkei ins Land reisten.

Eine Umkehr der üblichen Verhältnisse

Ghana war eines der ersten afrikanischen Länder, das Europäer und US-Amerikaner aussperrte - nur wer einen gültigen Aufenthaltstitel hat, darf noch ins Land. Ähnliche Maßnahmen ergriffen unter anderem Kenia, Südafrika und Uganda. In Simbabwe erklärte Verteidigungsministerin Oppah Muchinguri, die Corona-Pandemie sei "Gottes Strafe gegenüber Staaten, die Sanktionen gegen uns verhängt haben" – wobei sie Europa und die Vereinigten Staaten im Blick hat.

Auch in anderen Erdteilen wird Menschen aus Industrienationen derzeit die Einreise verweigert. Die Philippinen, die Palästinensergebiete, Kambodscha, Vietnam - das sind nur einige Beispiele von Ländern, die momentan keine Europäer, Amerikaner oder Japaner empfangen wollen. 

Es ist eine Umkehr der üblichen Verhältnisse, jedenfalls im jetzigen Stadium der Seuche. Jahrelang galt der Pass eines entwickelten Industriestaates als weltweiter Türöffner: Deutsche Staatsangehörige konnten bisher in mehr als 180 Länder einreisen, ohne ein Visum zu beantragen. Viele Europäer waren es gewohnt, privilegiert zu sein und überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen zu werden. Seit Corona ist das anders. 

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Angst schlägt in Wut um

In Ländern, in denen Europäer oder Amerikaner das Virus eingeschleppt haben, erleben nun immer mehr Weiße, wie es ist, nicht gewollt zu werden. In der Mongolei beispielsweise stammt der einzige bekannte Corona-Fall von einem Franzosen, der auf Geschäftsreise in der Hauptstadt Ulan-Bator war. In sozialen Medien verbreiteten sich nach Bekanntwerden zornige Aufrufe: Ausländer seien schlecht für das Land und sollten es verlassen.

Ein Deutscher, der aktuell in der mongolischen Hauptstadt lebt, berichtet dem SPIEGEL von einer feindlichen Stimmung, die daraufhin herrschte. "Ich habe mich unsicher gefühlt und versucht, in der Dunkelheit nicht draußen zu sein", sagt der Mann, der bittet, nicht namentlich genannt zu werden. Für den Deutschen, der noch nie wegen seines Äußeren oder seiner Herkunft diskriminiert wurde, war es eine neue Erfahrung. Da der erkrankte Franzose keine Mongolen ansteckte, beruhigte sich die Lage wieder.

So schnell reagierte kein EU-Staat

Die Furcht war in Ulan-Bator auch so deshalb groß, weil das Gesundheitssystem des asiatischen Landes schlechter entwickelt ist und einer Epidemie nicht gewachsen wären. Früh versuchte die Mongolei, sich abzuschotten. Ende Dezember wurde die Grenze zu China, wo das Virus zuerst ausgebrochen war, dicht gemacht. Schulen wurden Ende Januar geschlossen - viel früher als in Europa.

Auch viele afrikanische Staaten haben aus ähnlichen Gründen schnell und entschieden gegen das Virus gehandelt. In ganz Äthiopien gab es noch nicht einmal eine Handvoll diagnostizierter Fälle, als in der Hauptstadt Addis Abeba die Schulen geschlossen, Sportveranstaltungen abgesagt und öffentliche Veranstaltungen untersagt wurden. So schnell reagierte kein EU-Staat.

Afrika will sich vor gedankenlosen Westlern schützen 

Auch die USA warteten länger. Amerikas Präsident Donald Trump tat gar wochenlang so, als wäre das Virus problemlos in den Griff zu kriegen. Eine krasse Fehleinschätzung. Der Westen, der sich oft als überlegenes Vorbild sieht, macht keine gute Figur. 

Afrikanische Länder wollen und müssen sich schützen – und lassen Menschen aus vielen westlichen Industriestaaten nicht mehr hinein. In Ghana hören Besucher auf der Straße nun vermehrt "Corona go home!"

Dabei ist Geld aus dem Ausland für kaum eine Ökonomie unerheblich. Im besten Fall könnte die Reisesperre afrikanischer und asiatischer Länder aber auch eine Chance bedeuten: Die Chance auf ein neues Selbstbewusstsein. Menschen aus westlichen Ländern wurden bislang meist bevorzugt behandelt. Nun trägt die scheinbare Überlegenheit der wohlhabenden Besucher zumindest Kratzer davon.