Nach Trump-Kritik WHO wirft Regierungen schwere Versäumnisse vor

Die Weltgesundheitsorganisation wehrt sich: Vor dem Treffen der G20-Gesundheitsminister übt die WHO nach SPIEGEL-Informationen deutlich Kritik an den Regierungen - und fordert mehr Geld.
Von Markus Becker, Brüssel
Times Square in New York: Kaum verhüllte Retourkutsche an Trump

Times Square in New York: Kaum verhüllte Retourkutsche an Trump

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SPENCER PLATT/ AFP

Es läuft derzeit nicht gut für die Weltgesundheitsorganisation, vorsichtig ausgedrückt. Nicht nur, dass Donald Trump die WHO zum Sündenbock für sein eigenes Versagen in der Coronakrise gemacht und der Organisation den Geldhahn zugedreht hat. Das Manöver des US-Präsidenten hat, so durchsichtig es ist, auch Schwachpunkte der WHO in den Fokus gerückt.

Jetzt wehrt sich die WHO: In einem Positionspapier für die an diesem Sonntag stattfindende Videokonferenz der Gesundheitsminister der G20-Staaten wirft die Organisation den Regierungen der Welt schwere Versäumnisse bei der Pandemie-Vorsorge vor, fordert höhere Investitionen und betont ihre globale Führungsrolle in der Seuchenbekämpfung.

Die meisten Staaten weltweit seien schlecht bis mittelmäßig auf Epidemien vorbereitet, heißt es in dem 16-seitigen Papier, das dem SPIEGEL vorliegt. Nur ein Drittel der Länder könne Seuchenausbrüche entdecken und darauf reagieren, aber selbst hochentwickelte Gesundheitssysteme hätten dann nur noch "begrenzte Kapazitäten", grundlegende Leistungen zu erfüllen. In armen Ländern mit schwächeren Systemen werden die Folgen der Corona-Pandemie "verheerend sein", prophezeit die WHO.

In der Defensive: WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus

In der Defensive: WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus

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FABRICE COFFRINI/ AFP

Es folgt ein langer Katalog an Vorwürfen an die Regierungen:

  • es mangele an gut ausgebildeten Mitarbeitern und Infrastrukturen in den Gesundheitssystemen,

  • die Risikokommunikation könne Falschinformationen sowie nicht wissenschaftlich fundierte Aussagen insbesondere in sozialen Medien nicht effektiv kontern,

  • es fehlten robuste Lieferketten und Logistik, um dringend benötigte medizinische Ausrüstung zu beschaffen,

  • es mangele an Investitionen in die Erforschung von Krankheitserregern,

  • die Erfassung von Daten und ihr globaler Abgleich seien unzureichend,

  • die internationale Zusammenarbeit funktioniere schlecht, vor allem weil "die WHO nicht in die Lage versetzt wird, Koordination und Kooperation zu ermöglichen". Es ist eine kaum verhüllte Retourkutsche an Trump und andere Kritiker, die die WHO zuletzt angegriffen haben.

Vor diesen Schwachpunkten hätten zahlreiche Experten und Organisationen seit Langem gewarnt, betont die WHO. Erst im September 2019 sei auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen ein Bericht vorgestellt worden, der vor einer Pandemie gewarnt habe. Getan habe sich nichts.

Dabei sei eine angemessene Epidemie-Vorbereitung vergleichsweise billig zu haben, rechnet die WHO vor. In armen Ländern lägen die einmaligen Investitionen bei 4,33 US-Dollar pro Kopf, danach müssten jährlich 4,16 Dollar pro Kopf ausgegeben werden. In reichen Staaten lägen die Ausgaben sogar nur bei 1,35 bzw. 1,41 Dollar pro Kopf. Insgesamt müssten in den kommenden fünf Jahren rund 90 Milliarden Dollar auf staatlicher und weitere 20 Milliarden auf globaler Ebene investiert werden. Das sei nur ein Bruchteil der Kosten, die entstünden, wenn Pandemien die Welt unvorbereitet treffen.

Doch einen nachhaltigen, langfristigen und zielgerichteten Finanzierungsmechanismus gebe es nicht, kritisiert die WHO. Auch sei sie weder mit angemessenen Mitteln noch Befugnissen ausgestattet, um sicherzustellen, dass das System zur Vorbereitung und Reaktion auf Pandemien schnell und effektiv genug funktionieren könne.

WHO schlägt Blauhelm-Truppe für Seuchenbekämpfung vor

Auf die Covid-19-Pandemie müsse die Welt nun mindestens ebenso entschlossen reagieren wie auf die Finanzkrise von 2008, fordert die WHO. So könnte der Internationale Währungsfonds (IWF) den Zustand nationaler Gesundheitssysteme künftig als wirtschaftlichen Faktor berücksichtigen. Auch müsse ein globaler Vorrat an medizinischer Ausrüstung angelegt und die Forschung an Krankheitserregern intensiviert werden. Zudem schlägt die WHO eine "mobile globale Gesundheitstruppe" vor, die kurzfristig an Seuchenherde in aller Welt geschickt werden kann. Es wäre so etwas wie eine Blauhelm-Truppe für die Epidemiebekämpfung.

Nach Trumps Geldentzug erfährt die WHO derzeit zumindest verbale Unterstützung aus anderen Teilen der Welt. Die EU, die Bundesregierung, aber auch Russland und China haben den Schritt des US-Präsidenten teils scharf kritisiert. Der SPD-Politiker Rolf Mützenich bezeichnete Trump gar als "Gefahr für die Gesundheit der Menschen".

Wie weit aber die Unterstützung der WHO geht, wenn konkrete - und womöglich teure – Maßnahmen anstehen, bleibt abzuwarten. Der frühere CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok und die ehemalige französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine sehen im Coronavirus bereits "eine neue Mutprobe" für die Staats- und Regierungschefs, welche die Dimensionen der Wirtschaftskrise von 2008 noch übersteigt und eine "massive Gefahr für die Weltbevölkerung darstellt".

Therapeutika und Impfstoffe sollten schnellstmöglich in ausreichendem Umfang produziert werden – und dann Ländern mit geringem, mittlerem und hohem Einkommen gleichermaßen zugänglich sein, schreiben Brok und Touraine in einem Beitrag für internationale Medien. Sobald Medikamente mit öffentlichen Mitteln entwickelt würden, müssten die Staaten verlangen, dass Unternehmen ihre Lizenzen "ohne geografische Einschränkungen zur Verfügung stellen", um die Produktion effektiver und sicherer Behandlungen zu gewährleisten – "überall zu erschwinglichen Preisen".

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