Wissenschaftler über Pandemiebekämpfung Lockdowns in armen Ländern kosten Kinderleben

Ein Forscherteam hat die Auswirkungen der Pandemiebekämpfung auf die Sterblichkeit untersucht. Die Ergebnisse zeigen, wie gefährlich die Folgen eines Lockdowns in den ärmsten Ländern der Welt für Kinder sind.
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Kinder einer armen Familie spielen vor ihrem Zuhause in einem Vorort von Johannesburg

Kinder einer armen Familie spielen vor ihrem Zuhause in einem Vorort von Johannesburg

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Per-Anders Pettersson / Getty Images

Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Herr Lin Ma, Sie haben mit einer Gruppe von weiteren Ökonomen die Auswirkungen von Lockdowns auf die Kindersterblichkeit erforscht und dazu eine wissenschaftliche Vorab-Publikation veröffentlicht . Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Lin Ma: Lockdowns und ihre wirtschaftlichen Folgen führen zu einer Art Tausch bei der Sterblichkeit zwischen den Generationen, den wir quantifizieren wollten. Wir wissen: Diese Form der Pandemiebekämpfung rettet Leben, vor allem die älterer Erwachsener. Aber wir wissen zugleich, dass Lockdowns wirtschaftliche Folgen haben. Und wir wissen aus Daten der Vergangenheit, dass die Sterblichkeitsrate von Kindern und insbesondere Kleinkindern unter zwei Jahren stark an der wirtschaftlichen Entwicklung hängt. Das gilt insbesondere für die ärmsten Länder der Welt.

SPIEGEL: Können Sie diesen Zusammenhang erklären?

Ma: Sehr vereinfacht ist es so: Ein Lockdown führt recht sicher in eine ökonomische Rezession. Wir sehen anhand von Daten aus dem vergangenen Jahr bereits, dass Lockdown-Staaten Verluste von bis zu 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzeichnen. Das bedeutet, die Einkommen der Haushalte verringern sich. In den ärmsten Ländern haben die Menschen keine Ersparnisse, um das auszugleichen. Die Regierung hat ebenfalls nicht die Mittel. Es kann zu Mangelernährung und Hunger kommen, auch der Zugang zur medizinischen Versorgung kann erschwert werden. Die Daten sind eindeutig: Eine Rezession führt in den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt zu einer höheren Kindersterblichkeit. Während der Finanzkrise, im Jahr 2009 allein, wurden für den afrikanischen Kontinent 28.000 bis 50.000 zusätzlich verstorbene Kinder geschätzt.

SPIEGEL: Sie haben ein Modell erstellt, um diese Umkehr der Todesfälle zwischen den Generationen zu quantifizieren. Was haben Sie herausgefunden?

Ma: In unserem Modell verwenden wir als Referenzgröße einen harten Lockdown nach europäischem Vorbild. Er dauerte im Schnitt sieben Wochen und verringerte die ökonomische Aktivität um 38 Prozent. Die Ergebnisse variieren extrem. Für die reichen Länder in Europa und die USA gilt: Ein Lockdown führt nicht zu einer höheren Kindersterblichkeit. Diese Staaten haben genug Ressourcen, um das zu verhindern. Aber man muss gar nicht derartig reich sein. Auch für Länder mit höherem mittleren Einkommen, wie etwa China oder Brasilien, ist dieser Effekt noch sehr gering.

SPIEGEL: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro spielte das Virus von Anfang an herunter und positionierte sich gegen Lockdowns, angeblich um die Armen zu schützen. Lag er damit richtig?

Ma: In Brasilien kämen nach unserem Modell auf 100 gerettete erwachsene Menschen drei Kinder, die ihr Leben verlieren würden. Brasilien ist reich genug, um sich zumindest über dieses Problem wenig Sorgen machen zu müssen.

Eine Mutter in Äthiopien bereitet aus Milchpulver eine Mahlzeit für ihre Kinder zu, das Dorf ist auf Lebensmittelhilfen angewiesen

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Foto: Michael Gottschalk / Photothek via Getty Images

SPIEGEL: Für welche Länder ist Ihre Forschung besonders relevant?

Ma: Es gibt Länder, in denen die Rate bei mehr als 100 Prozent liegt. Das heißt, mehr Kinder würden an den ökonomischen Auswirkungen eines Lockdowns sterben als Erwachsene gerettet werden können. Die Sterblichkeit würde also auch insgesamt steigen. In den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt kamen wir im Durchschnitt auf 170 – je gerettetem Erwachsenen würden 1,7 Kinder sterben.

SPIEGEL: Für welche Länder gilt das?

Ma: Das gilt für die am wenigsten entwickelten Länder der Welt nach der Definition der Weltbank. Wir sprechen hier hauptsächlich von Subsahara-Afrika. In Ländern wie Tansania, Uganda, dem Niger, Burkina Faso, Malawi und Burundi lag die Rate sogar bei mehr als 1,7. Wir haben das Modell etwa für Ruanda und Simbabwe angewendet und kamen auf Raten von 1,39 und 1,58.

SPIEGEL: Was folgt aus Ihren Ergebnissen für die Politik?

Ma: Wir wollten zeigen, dass es nicht für alle Länder sinnvoll ist, einfach die Politik Europas oder der USA zu kopieren. Für Entwicklungsländer sind Lockdowns eher keine gute Idee. Wir haben zu Beginn der Pandemie im vergangenen April und Mai gesehen, dass viele Länder weltweit einfach dem europäischen Vorbild gefolgt sind und sehr harte Lockdowns etabliert haben. Das mag für die reichen Staaten funktionieren, für die ärmsten war es vielleicht nicht die beste Entscheidung.

SPIEGEL: Spielt auch die Demografie eine Rolle?

Ma: Sicherlich. Die reichsten Länder haben eine deutlich ältere Bevölkerung mit vielen Menschen im Alter von über 65 Jahren, die sehr vulnerabel gegenüber dem Virus sind. In den ärmsten Ländern ist nur ein geringer Anteil der Bevölkerung so alt. Stattdessen gibt es sehr viele junge Menschen unter 15 Jahren und Kinder unter fünf Jahren. Sie sind wenig gefährdet durch das Virus, aber sehr vulnerabel gegenüber den Risiken einer Wirtschaftskrise.

Lockdown in London: Was für die reichen Staaten funktioniert, ist für die ärmsten vielleicht nicht die beste Entscheidung

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Foto: JOE OKPAKO / Getty Images

SPIEGEL: Für die reicheren Länder und solche mit mittlerem Einkommen macht die Lockdown-Strategie demnach aber Sinn?

Ma: Wir haben uns ausschließlich mit der Sterblichkeit beschäftigt. Es geht bei uns um Leben gegen Leben. Nach diesem Maßstab sind Lockdowns in den reicheren Ländern sinnvoll. Die sonstigen Auswirkungen dieser Maßnahmen auf Wohlstand, Bildung und Gesundheit haben wir nicht berechnet.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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