Wo sich Pandemie-Profiteure bereichern Die Corona-Millionäre

Hoher Handlungsdruck, weniger Kontrollen: Die Pandemie erleichtert weltweit Korruption. In vielen Ländern fließen Gelder in die Taschen korrupter Unternehmer und Politiker. Den Preis zahlen die Armen.
Ein Polizist desinfiziert in Guatemala Straßen. Doch viel Geld, das zur Pandemiebekämpfung eingesetzt werden sollte, hat sich durch Korruption in Luft aufgelöst – weltweit

Ein Polizist desinfiziert in Guatemala Straßen. Doch viel Geld, das zur Pandemiebekämpfung eingesetzt werden sollte, hat sich durch Korruption in Luft aufgelöst – weltweit

Foto: Esteban Biba / Agencia EFE / IMAGO
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Alle Artikel

Geoffrey Mongeri ist sauer. Er hat sich Ende vergangenen Jahres das Coronavirus eingefangen. Schuld daran sei mangelnde Schutzausrüstung, sagt er. Denn Mongeri arbeitet in Nairobi im Gesundheitswesen, er desinfiziert Einrichtungen, in denen Covid-Patienten untergebracht sind. »Wir hatten zwei Schutzanzüge pro Woche, die mussten wir mehrmals anziehen«, erzählt er.

Kenia hatte laut Medienberichten im Jahr 2020 rund 1,5 Milliarden Euro Finanzhilfen vor allem von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten; damit sollte das Land auch die Folgen der Pandemie abfedern und das Gesundheitswesen fit machen. Doch viele versprochene Intensivbetten wurden nie bereitgestellt, über Monate fehlte es an Schutzausrüstung, mancherorts noch immer. Dafür sind einige Kenianer während der Krise reich geworden – die »Covid-Millionäre«, wie sie im Land genannt werden.

Ein Mann desinfiziert ein Krankenzentrum in einem Slum in Nairobi – vielen Gesundheitsmitarbeitern in Kenia fehlt Schutzausrüstung, auch aufgrund von Korruption

Ein Mann desinfiziert ein Krankenzentrum in einem Slum in Nairobi – vielen Gesundheitsmitarbeitern in Kenia fehlt Schutzausrüstung, auch aufgrund von Korruption

Foto: Donwilson Odihambo / ZUMA Wire / IMAGO

Die Unternehmerin Eunice Cheromo kassierte immerhin rund 320.000 Euro von der staatlichen Agentur für Medizinprodukte Kemsa – etwa für Schutzmasken. Dabei betreibt sie eine Firma für Dekor und Inneneinrichtung. Später erzählte Cheromo vor einem Untersuchungsausschuss : »Gott hat mich zu Kemsa geführt.« Im Wartezimmer seien die Anwesenden gefragt worden, wer Masken bereitstellen könne – Cheromo habe die Hand gehoben.

Knapp 18 Millionen Euro wurden mutmaßlich bei Kemsa in Kenia verbrannt: Berichten zufolge vergab die Agentur öffentliche Aufträge teils innerhalb weniger Stunden , erwarb oft völlig überteuerte Ausrüstung. Mehrere Firmen waren zudem mit hochrangigen Politikern verbandelt – ein Unternehmen konnte sogar den stellvertretenden Vorsitzenden der Regierungspartei  als Bankbürgen vorweisen.

Doch Korruption in der Pandemie ist kein kenianisches Problem – in vielen Staaten weltweit stellt die Coronakrise eine Steilvorlage für korrupte Unternehmer, Politiker und andere Profiteure dar. »In Notlagen wie der Pandemie steigt das Risiko für Korruption grundsätzlich«, beobachtet Delia Ferreira Rubio, Vorsitzende von Transparency International. Es fließen nicht nur zusätzliche Milliarden an öffentlichen Geldern zur Krisenbekämpfung – diese müssen in der Not auch noch besonders schnell ausgegeben  werden. Diese Situation stellt für potenzielle Täter offenbar geradezu eine Einladung zu Machtmissbrauch und Selbstbedienung dar.

Mitarbeiter eines mobilen Gesundheitszentrums testen Migranten in Honduras auf Coronainfektionen

Mitarbeiter eines mobilen Gesundheitszentrums testen Migranten in Honduras auf Coronainfektionen

Foto: Josue Decavele / Getty Images

»Regierungen führen Maßnahmen und Prozesse ein, die nicht transparent sind und nicht den etablierten Kontrollmechanismen unterliegen«, warnt Delia Ferreira Rubio. Und während die staatlichen Autoritäten in der Krise an Macht gewinnen, werden Zivilgesellschaft und Medien vielerorts geschwächt – damit entfallen weitere Kontrollen durch die Öffentlichkeit.

»Das Geld, das verloren geht, fehlt im Gesundheitswesen, bei Bildung und Infrastruktur.«

Delia Ferreira Rubio, Vorsitzende Transparency International

In Ländern, in denen Rechtsstaatlichkeit herrscht und demokratische Institutionen stark sind, ist das Risiko für Missbrauch geringer, doch auch in entwickelten Ländern wurden Korruptionsfälle bekannt – etwa bei der Beschaffung von Beatmungsgeräten, Impfungen, Schutzkleidung oder Masken. Korruption sei der Expertin zufolge nicht nur eine institutionelle Frage, an der sich etwa die Qualität von Regierungen messen lasse. »Korruption betrifft direkt den Alltag von Milliarden Menschen weltweit«, sagt Ferreira Rubio. »Das Geld, das verloren geht, fehlt im Gesundheitswesen, bei Bildung und Infrastruktur.«

Viele Community-Initiativen verteilten in Kolumbien Lebensmittel – von den öffentlichen Hilfen kommt oft nur ein Bruchteil bei den Hilfsbedürftigen an

Viele Community-Initiativen verteilten in Kolumbien Lebensmittel – von den öffentlichen Hilfen kommt oft nur ein Bruchteil bei den Hilfsbedürftigen an

Foto: Nano Calvo / VW Pics / Universal Images Group / Getty Images

Auch die kolumbianische Regierung gab Milliarden zur Bewältigung der Krise aus, ein großer Anteil floss davon nicht ins Gesundheitswesen, sondern wurde in Nothilfen für Arme investiert – zumindest in der Theorie. Lokale Gouverneure und Bürgermeister machten Deals mit Firmen, bei denen sie Lebensmittel zu überteuerten Preisen  kauften. So bestückte etwa die Region Arauca Medienberichten zufolge ihre Hilfspakete für die Armen mit Thunfischdosen, für die Lieferanten 4,87 Dollar pro Dose berechneten – das Dreifache des üblichen Preises. Im Supermarkt hätte eine Dose nur rund 1,50 Dollar gekostet. Bei den Armen kam also nur ein Bruchteil der Hilfe tatsächlich an.

Das Vorgehen ist Andrés Hernández von Transparency International Kolumbien zufolge ein bekanntes Muster im Land: »Lokale Politiker haben Aufträge an private Firmen vergeben, die sie zuvor im Wahlkampf unterstützt haben«, sagt er. Auch die Justiz sei Hernández zufolge aber Teil des Problems: Es gebe zwar zahlreiche Untersuchungen, auch im Zusammenhang mit Coronageldern – doch am Ende komme kaum etwas dabei heraus. »Die Täter bleiben straffrei«, sagt Hernández. »Es ist ein System, das immer wieder sagt: Korruption lohnt sich, es passiert nichts.«

Wut auf die Misswirtschaft: In Ländern wie Guatemala gehen die Bürger gegen die Korruption auf die Straße

Wut auf die Misswirtschaft: In Ländern wie Guatemala gehen die Bürger gegen die Korruption auf die Straße

Foto: Luis Vargas / Anadolu / Getty Images

In Ländern wie El Salvador und Guatemala haben die Regierungen bestehende Mechanismen zur Korruptionsbekämpfung zuletzt weiter massiv ausgehöhlt und Antikorruptionskämpfer aus dem Amt gedrängt – auch um in Pandemiezeiten Ermittlungen gegen hochrangige Politiker zu verhindern. Bürger protestieren in Guatemala gegen die Veruntreuung von Geldern und die wachsende soziale Kluft im Land – Kritikern zufolge werde das Land von einer korrupten Clique aus Politikern und Unternehmern regiert.

Währenddessen werden Antikorruptionskämpfer von der guatemaltekischen Regierung zunehmend  an ihrer Arbeit gehindert. Juan Francisco Sandoval, der Leiter einer Sonderstaatsanwaltschaft in Guatemala, war Ende Juli entlassen worden und lebt seither im Exil. Ihm zufolge würden Justizbeamte in Guatemala in einem »Ambiente der Einschüchterung und Bedrohung«  arbeiten.

El Salvadors Präsident Nayib Bukele schützt Funktionäre mit einem neuen Gesetz vor Korruptionsermittlungen im Zusammenhang mit Pandemie-Einkäufen

El Salvadors Präsident Nayib Bukele schützt Funktionäre mit einem neuen Gesetz vor Korruptionsermittlungen im Zusammenhang mit Pandemie-Einkäufen

Foto: Salvador Melendez / AP

Nayib Bukele , El Salvadors umstrittener Präsident, garantiert Funktionären beim Einkauf von medizinischer Pandemieausrüstung sogar Immunität: Ein neues Gesetz  verhindert eine Überprüfung von Aufträgen und Verträgen und schützt Beamte und Zulieferer vor Korruptionsermittlungen. Das Gesetz, das im Mai verabschiedet wurde, soll auch rückwirkend bis zum Beginn der Pandemie im März 2020 gelten – und untergräbt somit laufende Untersuchungen gegen die Bukele-Regierung und ihre Verbündeten.

Seit dem vergangenen Jahr hatte die Antikorruptionseinheit der Generalstaatsanwaltschaft eine Durchsuchung des Gesundheitsministeriums sowie rund 20 weiterer staatlicher Stellen koordiniert, um Hinweise auf Straftaten bei Käufen und Verträgen zur Pandemie zu finden. Auch das von Francisco Alabí geleitete Gesundheitsministerium geriet ins Visier der Ermittler – es soll Gummistiefel im Wert von 225.000 US-Dollar  von einem Unternehmen gekauft haben, das der Frau eines Onkels von Alabí gehört.

»Die Pandemie wurde von einigen als ›Blankoscheck‹ missverstanden und hat in El Salvador unsere Schwächen bei der Korruptionsbekämpfung offengelegt«, sagt Marjorie Chorro de Trigueros, Direktorin der Rechtsabteilung des salvadorianischen Thinktanks Fusades.

Marjorie Chorro de Trigueros kritisiert, dass Behörden in El Salvador während der Pandemie kaum Rechenschaft über ihre Einkäufe ablegen und das Recht auf den Zugang zu Informationen zunehmend eingeschränkt wird – »hin zu einer Kultur der Undurchsichtigkeit«. Eine von der Bukele-Regierung geplante Reform des Gesetzes zum Zugang zu öffentlichen Informationen (LAIP) könnte Dokumentations- und Auskunftspflichten des Staates weiter beschneiden.

Einem Bericht des lateinamerikanischen Antikorruptionsnetzwerks Real  zufolge, dem auch Fusades angehört, nimmt die Transparenz staatlicher Stellen in ganz Lateinamerika während der Coronakrise weiter ab. »Die Pandemie war der perfekte Vorwand, um die Politik der Geheimhaltung zu konsolidieren«, kritisiert Chorro de Trigueros. »Und der Mangel an Transparenz öffnet der Korruption Tür und Tor.«

In Brasilien bringt ein Untersuchungsausschuss zur Korruption immer mehr Skandale der Bolsonaro-Regierung ans Licht

In Brasilien bringt ein Untersuchungsausschuss zur Korruption immer mehr Skandale der Bolsonaro-Regierung ans Licht

Foto: Andressa Andressa / Getty Images

In Brasilien versucht derzeit eine parlamentarische Untersuchungskommission aufzudecken, wer sich in der Krise bereichert hat – auch hier reicht der Missbrauch bis in die höchsten Ebenen der Politik. Zuletzt kam heraus, dass die Regierung ihre Impfstoffbestellungen teuer bei einer Bank versicherte, die sich als reine Briefkastenfirma entpuppte.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Außerdem geht es um einen dubiosen Deal, bei dem 20 Millionen Dosen des indischen Covid-19-Impfstoffs Covaxin gekauft werden sollten. Das Ganze sollte 300 Millionen Dollar kosten, der Preis von 15 Dollar pro Impfdosis liegt deutlich über dem, was die Regierung für andere Vakzinen bezahlt hatte; zudem war Covaxin in Brasilien noch gar nicht zugelassen. Inzwischen wurde die Bestellung rückgängig gemacht.

Dass es Anfragen für Bestechungsgelder an den indischen Hersteller gab, gilt Transparency International zufolge inzwischen als gesichert. Die Spuren führen zu einem Mann namens Ricardo Barros, früherer Gesundheitsminister und Vertrauter von Präsident Jair Bolsonaro, der ihn zu seinem Vertreter im Kongress ernannte. Der Präsident wurde durch einen Parlamentarier persönlich über die Unregelmäßigkeiten bei der Impfstoffbestellung informiert. Er unternahm aber nichts, weshalb nun auch die Staatsanwaltschaft ermittelt. Senatoren hatten zuvor eine Strafanzeige gegen Bolsonaro gestellt. Der Vorwurf: Amtsmissbrauch. Im Gesundheitsministerium gebe es den Senatoren zufolge ein »gigantisches Korruptionssystem«, das der Präsident ignoriert habe.

»Nur gescheiterte Korruption ist sichtbar.«

Bruno Brandão, Transparency International Brasilien

»Erschreckend ist, wie sicher diese Leute sich ihrer Sache sind«, sagt Bruno Brandão von Transparency International Brasilien. Die Impfstoffdeals stünden im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit – »und dennoch glauben sie, selbst in diesem exponierten Bereich mit vollkommen amateurhaften Korruptionsplänen wie einer Fake-Bank durchzukommen«. In Brasilien würden die strukturellen Bedingungen Korruption begünstigen – bereits lange vor der Pandemie.

Es gebe keine Lobbykontrolle, zu wenig Transparenz bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen und vor allem eine »historische Straffreiheit für die Mächtigen.« Immerhin, dass es überhaupt Ermittlungen gebe, sei Brandão zufolge ein Zeichen für Fortschritt: »Nur gescheiterte Korruption ist sichtbar«, sagt er.

In Kenia haben viele vom Kemsa-Skandal profitiert – strafrechtliche Konsequenzen gab es bisher nicht

In Kenia haben viele vom Kemsa-Skandal profitiert – strafrechtliche Konsequenzen gab es bisher nicht

Kenias Covid-Millionäre blieben bis jetzt straffrei, bislang wurde niemand zur Verantwortung gezogen – abgesehen von dem Whistleblower, der den Skandal um Kemsa angestoßen hatte und kurz darauf plötzlich in anderer Sache belangt wurde. Er soll einen Unternehmer entführt und erpresst  haben. Geldgeber wie der Internationale Währungsfonds wollen die Verantwortlichen in Kenia zur Rechenschaft ziehen – sie fordern nun die Veröffentlichung ihrer Namen und entsprechende Ermittlungen. Fristen wurden gesetzt, doch die ersten sind bereits verstrichen – ohne Konsequenzen.

Der Ökonom Jason Braganza ist skeptisch, dass sich künftig etwas ändern wird: »Das System ist so angelegt, dass die Geber wie der IWF Geld mit ihren Krediten verdienen, auch wenn die Zinssätze niedriger sind als auf dem freien Markt. Daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass der verantwortungslose Umgang mit den Covid-Hilfsgeldern ernsthafte Konsequenzen haben wird.« Mit seiner Organisation Afrodad setzt er sich für eine neue Schuldenpolitik in Afrika ein. Sinnvoller wäre es, direkt Ausrüstung für die betroffenen Länder bereitzustellen statt Geldmittel mit Zinsen, meint Braganza. Doch die Pandemie habe gezeigt, dass der Globale Norden sich selbst zuerst versorge.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.