Corona-Pandemie Nur globale und faire Impfung kann uns schützen

Wir müssen die aktuelle Coronakrise in eine Chance verwandeln, um eine nachhaltigere und gerechtere Welt aufzubauen. Hilft Europa Afrika in der Pandemie nicht, droht ein Fiasko.
Der Weg aus der Pandemie: Impfstoff

Der Weg aus der Pandemie: Impfstoff

Foto: Farncis Kokoroko / REUTERS

Ein Jahr nach Beginn der Covid-19-Pandemie, die weltweit mehr als 2,4 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, steht die Menschheit vor einer historischen wissenschaftlichen Leistung: Impfstoffe wurden in Rekordzeit entwickelt und zertifiziert.

In Kombination mit anderen bewährten Instrumenten des öffentlichen Gesundheitswesens, die viele Länder zur erfolgreichen Unterdrückung der Übertragung eingesetzt haben, bieten Impfstoffe nun einen Ausweg aus der Krise; »die Welt danach« kann mehr sein als ein Schlagwort.

Alle sind sich einig, dass die Pandemie die globale Verflechtung unserer Gesellschaften in Nord und Süd verdeutlicht und das Bewusstsein für gemeinsame Bedrohungen geschärft hat.

Das Konzept »One Health«, das die gegenseitige Abhängigkeit von menschlicher Gesundheit, Tiergesundheit und Gesundheit des Ökosystems aufzeigt, ist heute unbestritten. Eines liegt also auf der Hand: Wir müssen die Krise, die wir gerade erleben, in eine Chance verwandeln, um eine nachhaltigere, gerechtere und solidarischere Welt aufzubauen, insbesondere im Bereich der Gesundheit.

Doch diese Welt ist noch nicht in greifbarer Nähe: Nach dem Schock, den das Virus verursacht hat, droht nun eine weitere Gefahr, nämlich eine Kluft zwischen den Ländern des Nordens und des Südens beim Zugang zu den Impfstoffen. Die Folgen dieser Ungleichheiten könnten einen Rückfall verursachen, dessen Ausmaß wir noch nicht kennen.

Jede Art von Impfstoffprotektionismus würde schnell auf die reichsten Länder zurückschlagen: Er würde eine andere Gefahr beschleunigen, nämlich die Vervielfachung der Variantenzirkulation, die Versuche, sich zu schützen, zunichtemachen könnte. Über den Akt der Solidarität und den moralischen Imperativ hinaus ist die schnelle Impfung in den Ländern des Südens daher eine Frage der Sicherheit für alle. Denn Afrika bittet nicht um Almosen, sondern einfach um gleichen und gerechten Zugang zu Impfstoffen, auf Augenhöhe mit seinen europäischen Partnern. Bisher ist deutlich geworden, dass die afrikanischen Länder nicht einmal Zugang zu den Impfstoffen haben, für die sie bereit sind zu zahlen. Sie wurden bereits von den reichen Ländern vorbestellt.

Die Widerstandsfähigkeit von Afrikas Gesundheitssystemen steht auf dem Spiel

Angesichts dieser Herausforderung ist die einzig mögliche Antwort die der Solidarität und des Multilateralismus. Im April 2020 drängten die Europäische Union und insbesondere Frankreich in Partnerschaft mit der WHO auf die Schaffung des ACT-A-Mechanismus und dessen Impfstoffsäule Covax, die einen gerechten und fairen Zugang zu Impfungen auf globaler Ebene ermöglichen soll. Afrika darf nicht zu einer Billigimpfung verdammt werden: Der Kontinent muss Zugang zu zertifizierten und lizenzierten Impfstoffen haben, die im Rahmen einer Impfkampagne mit Unterstützung der WHO, GAVI und Unicef eingesetzt werden.

Gestern war Ghana das erste Land, das Dosen über die Covax-Anlage erhalten hat, und morgen wird Côte d'Ivoire das erste frankofone Land sein, das von dieser historischen und innovativen Initiative profitiert.

Aber es ist noch viel mehr nötig. Die Widerstandsfähigkeit von Afrikas Gesundheitssystemen steht auf dem Spiel. Deshalb muss Europa dabei und die treibende Kraft sein, um den Zeitplan für die Bereitstellung von Impfstoffen zu beschleunigen. Dieser Ruf ist laut und deutlich in der G7 gehört worden. Nun muss er in konkrete, sichtbare und spürbare Ergebnisse für unsere europäische und afrikanische Öffentlichkeit umgesetzt werden.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass Europa mit dem Virus leben kann, wenn Afrika es nicht kontrolliert

Einer der wichtigsten Hebel, um den Auslieferungszeitplan drastisch zu beschleunigen und Afrika in die Lage zu versetzen, seine Pfleger zu impfen, ist ein Mechanismus, Impfdosen zu spenden.

So lautet der von Präsident Macron initiierte und von der WHO unterstützte Aufruf. Der sofortige Transfer dieser Dosen nach Afrika wird das Tempo der Impfkampagnen in den europäischen Ländern nicht beeinträchtigen. Im Gegenteil: Diese Geste wird sie noch effektiver machen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Europa mit dem Virus leben kann, wenn Afrika es nicht kontrolliert.

Damit dieser Mechanismus wirksam werden kann, muss er von einer kritischen Anzahl von EU-Mitgliedstaaten unterstützt werden. Wenn dieser Akt der Solidarität erfüllt wird, wäre es in einem zweiten Schritt möglich, eine massive Impfkampagne in Afrika durchzuführen. Ermöglicht wird dies durch die Zusagen von zusätzlichen Beiträgen, die auf dem letzten G7-Treffen gemacht wurden. Aber diese Zusagen können keine Früchte tragen, wenn ihnen nicht eine Geste der Solidarität vorausgeht.

Die Gesundheit muss im Mittelpunkt der neuen Partnerschaft zwischen unseren Kontinenten stehen

Nie war die Schicksalsgemeinschaft zwischen Afrika und Europa so wichtig wie angesichts dieses Virus, das uns unsere Verwundbarkeit, aber auch unsere gegenseitige Abhängigkeit so drastisch vor Augen führt. Die Gesundheit muss im Mittelpunkt der neuen Partnerschaft zwischen unseren Kontinenten stehen. Die Immunisierung ist die erste Herausforderung, aber ein weiterer Kampf ist notwendig: Jener um die Gesundheitssysteme der afrikanischen Gesellschaften, die nun mehr denn je widerstandsfähiger werden müssen.

Die Europäische Union ist ein wichtiger Partner für Afrika. Was an diesem Wendepunkt auf dem Spiel steht, ist nicht ein Wettstreit um Einfluss oder ein geopolitischer Kampf, sondern die Fähigkeit unserer Kontinente, die Grundlagen für ein neues Projekt zu schaffen. Die Bewältigung der Pandemie ist der erste »Testfall« für unsere Fähigkeit, die Herausforderungen, die sich in den kommenden Jahren vervielfachen werden, gemeinsam zu bewältigen.

Der Europäische Rat tagt heute. Wir rufen die Staats- und Regierungschefs dazu auf, den Covax-Mechanismus durch die Spende von Dosen sofort hochfahren zu lassen, um die afrikanische Bevölkerung und das Gesundheitspersonal so schnell wie möglich zu schützen – als Priorität.

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