Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos Experten warnen vor neuen Coronamutationen aus Afrika

Nur sieben Prozent der Menschen in Afrika sind bislang vollständig geimpft. Gesundheitsexperten sehen jetzt die Gefahr weiterer Virusvarianten wie Omikron – auch für die reichen Länder des Nordens.
Menschen in Südafrika warten auf eine Impfung gegen das Coronavirus: Seit dem Auftauchen von Omikron steht der Kontinent verstärkt im Fokus

Menschen in Südafrika warten auf eine Impfung gegen das Coronavirus: Seit dem Auftauchen von Omikron steht der Kontinent verstärkt im Fokus

Foto: Shiraaz Mohamed / AP
Globale Gesellschaft

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Die Dimensionen sind mittlerweile wohlbekannt, und dennoch klingen die Zahlen erschütternd: Nicht einmal ein Zehntel der Menschen in Afrika ist bislang vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Oft ist es noch schlimmer: In Nigeria lag die Quote zuletzt bei zwei Prozent. In Äthiopien bei knapp vier. Und in der Demokratischen Republik Kongo? 0,2 Prozent.

All das passiert, während in den reichen Industrieländern bereits über die vierte Dosis diskutiert wird. Weltweit sind mittlerweile immerhin mehr als 50 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos, das aus Pandemiegründen selbst nur virtuell stattfindet, warnten Experten nun vor den konkreten Folgen dieser Unterschiede – auch für den reichen Norden.

Impfzentrum in Simbabwe: Bislang sind die wenigsten Menschen in Afrika gegen Corona geimpft

Impfzentrum in Simbabwe: Bislang sind die wenigsten Menschen in Afrika gegen Corona geimpft

Foto: Tafadzwa Ufumeli / Getty Images

Mit der Omikron-Variante habe sich gezeigt, dass das Virus auch von ungeimpften Ländern in den Norden zurückkehren könne, so die Einschätzung verschiedener Diskussionsteilnehmer. »Das Problem ist, dass wir große Teile der Welt zurücklassen«, kritisierte der Direktor für Notfälle der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Mike Ryan. »Aber Impfstoffe sind zentral. Ohne Impfstoffe als zentrale Säule gibt es derzeit keinen Ausweg aus der Pandemie.«

»Zusammenbruch der globalen Solidarität«

John Nkengasong, Direktor der Africa Centres for Disease Control (CDC), bezeichnete es als »inakzeptabel«, dass Afrika bei der Impfung weit hinter anderen Ländern zurückliegt, und sprach von einem »Zusammenbruch der globalen Zusammenarbeit und Solidarität«. Die Africa CDC sind eine gemeinsame Einrichtung verschiedener Staaten im Rahmen der Afrikanischen Union. Der Kameruner gilt als vielleicht prominentester Vertreter des afrikanischen Gesundheitssystems. »Der einzige Weg, um zu verhindern, dass andere Varianten die weltweiten Fortschritte infrage stellen, ist die Impfung in großem Maßstab, auch in Afrika«, so Nkengasong.

Afrikanischer Gesundheitsexperte John Nkengasong beklagt einen »Zusammenbruch« der globalen Solidarität

Afrikanischer Gesundheitsexperte John Nkengasong beklagt einen »Zusammenbruch« der globalen Solidarität

Foto: Minasse Wondimu Hailu / Anadolu / Getty Images

Nachdem Impfstoff lange Zeit vor allem an wohlhabende Staaten gegangen war, ist die Situation inzwischen eine andere. Insgesamt erhielten die afrikanischen Staaten bislang knapp 500 Millionen Impfdosen. Verimpft wurden jedoch bisher gerade einmal etwa 330 Millionen. Grundsätzlich haben die Länder des Kontinents damit nun bessere Chancen, ihre Bürgerinnen und Bürger zu schützen.

Dabei geholfen hat auch das Covax-Programm. Erst vor wenigen Tagen verkündete die WHO , weltweit eine Milliarde Impfdosen verteilt zu haben. Die historische Lieferung, mit der diese Schwelle überschritten wurde, ging nach Ruanda. »Wir gehen davon aus, dass die nächste Milliarde in vier bis fünf Monaten statt in einem Jahr geliefert wird«, erklärte dazu in Davos Seth Berkley, Geschäftsführer der Impfstoffallianz Gavi. »Die Herausforderung besteht darin sicherzustellen, dass jedes Land bereit ist, sie zu erhalten.«

Doch gerade daran scheinen die Bemühungen bislang oft noch zu scheitern: In Ländern wie Kenia verbreitete sich das Coronavirus zuletzt wie ein Lauffeuer. Neben logistischen und politischen Problemen steht der Impfung in vielen Ländern auch Misstrauen im Weg.

Forscherinnen und Forscher vermuten, dass die hohe Durchseuchung mit dem Coronavirus schon im vergangenen Jahr zu den milden Verläufen beigetragen hat. Ungeimpft stand die meist junge Bevölkerung dem Virus oft schutzlos gegenüber. Laut verschiedenen Studien waren in Metropolen wie Nairobi oder Johannesburg bereits bis zu 70 Prozent der Menschen mit Corona infiziert.

Von dort aus breitete sich Anfang Dezember auch Omikron über die restliche Welt aus.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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