Corona in Idlib Der Krieg im Krieg

Die Menschen in der syrischen Provinz Idlib sind ausgezehrt von fast zehn Jahren Bürgerkrieg. Nun breitet sich das Coronavirus rasant aus. Ärzte warnen vor einer Katastrophe.
Helfer begraben einen Corona-Toten in Idlib

Helfer begraben einen Corona-Toten in Idlib

Foto: Anas Alkharboutli / dpa

Muhammad Ezzo hat fast zehn Jahre Bürgerkrieg überlebt. Der Familienvater aus Aleppo hat der Belagerung durch das Regime von Syriens Diktator Baschar al-Assad getrotzt, den Luftangriffen durch Russland. Nun ist er doch gestorben. Er ist einem unsichtbaren Feind zum Opfer gefallen, sagt seine Frau Mona am Telefon, dem Coronavirus.

Mona Ezzo, 38 Jahre alt, und ihre drei Kinder haben in der Provinz Idlib Unterschlupf gefunden, in einer Behausung aus Plastikplanen. Ihr Mann habe die Seuche zunächst runtergespielt, erzählt Ezzo. In Syrien würden Corona-Kranke stigmatisiert, sagt sie. Muhammad habe sich geweigert, einen Arzt zu sehen. Innerhalb weniger Tage habe sich seine Krankheit so sehr verschlimmert, dass am Ende jede Hilfe zu spät kam.   

Die Menschen sind ausgezehrt

Ezzo weiß nicht, wie es nun weitergeht. Sie hat keine Arbeit. Sie hat Mühe, sich und die Kinder zu ernähren. »Ich weiß nicht, wie wir den Winter durchstehen sollen«, sagt sie. 

Wie den Ezzos geht es vielen Bürgerinnen und Bürgern in Idlib. Rund drei Millionen Menschen halten sich gegenwärtig in der Provinz im Nordwesten des Landes auf. Viele von ihnen sind Binnenvertriebene, die aus anderen Landesteilen hierher geflohen sind, in die letzte Region, die noch teilweise von Rebellen gehalten wird, und in der ein vorübergehender Waffenstillstand herrscht. 

Die Menschen sind ausgezehrt von dem Bürgerkrieg, etliche sind verarmt, ausgehungert. Nun kommt das Coronavirus hinzu. Es ist wie ein Krieg im Krieg.

Laut offiziellen Zahlen sind derzeit rund 10.000 Menschen in Idlib an Covid-19 erkrankt. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein, da in der Region nur unzureichend getestet wird. Die Krankenhäuser sind schon jetzt vollkommen überlastet. 

»Wir brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können.« 

Salah Salah, Arzt aus Idlib

Salah Salah, 47 Jahre alt, arbeitet als Arzt in mehreren Kliniken in Idlib. Längst, sagt er, könne er keine neuen Kranken mehr aufnehmen. »Wir warten, dass ein Patient stirbt, um ein Bett neu zu vergeben.«  

Salah ist mit seiner Familie aus der Stadt Maarat an-Numan nach Idlib Stadt geflohen. Er hat in Krankenhäusern im Untergrund gearbeitet, hat Menschen versorgt, die bei Bombenangriffen verwundet wurden. Nun behandelt er vor allem Corona-Kranke. »Die Lage ist dramatisch«, sagt er. »Wir brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können.« 

Wenige haben die Möglichkeit, sich vor dem Virus zu schützen

Die wenigsten Bewohnerinnen und Bewohner in Idlib haben die Möglichkeit, sich auch nur annähernd vor dem Virus zu schützen. Ihnen fehlt das Geld, sich Masken zu kaufen. Es ist schwer, in den überfüllten Flüchtlingslagern Abstand zu halten. Häufig existieren noch nicht einmal Duschen oder funktionierende Toiletten.

»Wir sind hier nicht in Europa. Wir haben nicht den Luxus, unseren Kühlschrank für 15 Tage zu füllen und uns selbst zu isolieren«, sagt Mahmoud Saeed, ein Familienvater aus Homs. Es gibt auch keine Verwaltung, die darauf achten könnte, dass Quarantäne-Vorschriften eingehalten werden.

Muhammad Pasha, 49 Jahre alt, arbeitet als Rettungssanitäter für die Weißhelme, eine syrische Hilfsorganisation. Woche für Woche haben er und seine Kollegen nach Luftangriffen durch Russland und das Assad-Regime Zivilisten aus Trümmern geborgen. Als sich die Konfliktparteien zu Jahresbeginn zumindest in Idlib auf einen Waffenstillstand verständigten, hoffte Pasha auf ein paar ruhigere Monate.

Stattdessen ist er nun als eine Art Bestatter im Einsatz. Seine Aufgabe ist es, Corona-Tote aus den Krankenhäusern abzuholen und auf Friedhöfe zu fahren. Fünf bis sechs Menschen würde er jeden Tag bestatten, erzählt er. »Für uns ist das wie ein weiterer, unerwarteter Krieg.«      

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.