Bootsführerinnen in Venedig Wie Frauen in der Pandemie die Wasserstraßen von Venedig erobern

Das Lenken der Boote in Venedig ist seit Jahrhunderten Männersache. Doch in der Pandemie ist es in der Lagune ruhig geworden. Selbstbewusste Frauen nutzen die Chance und verändern die Branche womöglich dauerhaft.
Dario Antonelli, Jan Petter und Giacomo Sini (Fotos)
Fahrlehrerin Marta Canino steuert mit ihrer Schülerin Sara durch die ruhigen Kanäle von Venedig

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Globale Gesellschaft

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Der alte Fischer drosselt den Motor, dann beginnt er mit dem Netz in der Hand zu schauen, wie das andere Boot an ihm vorbeizieht. Er ist nicht der Erste an diesem Morgen, doch die beiden Frauen darauf lassen sich nicht beeindrucken. »Zeigt der Motor zum Anleger?«, fragt Fahrlehrerin Marta Canino, die weiter unbeirrt Kommandos gibt. »Ciò si!«, ruft ihre heutige Schülerin Sara zurück – alles in Ordnung.

Irgendwann dreht der alte Mann seinen Motor wieder auf und fährt mit einem schiefen Lächeln langsam davon. »Gut«, sagt Sara nach einer kurzen Pause erleichtert und schaut nachdenklich über das Wasser: »Die Art, wie er uns angeschaut hat, ist der Grund, weshalb ich den Unterricht nehme. Das Glotzen der Männer nimmt uns hier jegliches Selbstbewusstsein.«

Die 40-jährige Venezianerin lebt ihr ganzes Leben schon an der Lagune, Venedig ist ihr Geburtsort, die Kanäle kennt sie seit ihrer Kindheit. Abseits der Pandemie führt sie als Touristenguide hier täglich durch die engen Gassen, erklärt Besuchenden die stolze Geschichte ihrer Stadt und zeigt dabei nicht selten auf die vielen kleinen Boote im trüben, türkisfarbenen Wasser. Doch selbst am Steuer, da stand sie bis vor wenigen Tagen noch nie. So wie ihr geht es vielen Frauen.

Boote statt Kreuzfahrtschiffe: Die Frauen nutzen die Ruhe auf dem Giudecca-Kanal, um gemeinsam zu üben

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Denn das Bootsfahren ist in der Lagunenstadt bis heute Männersache. Die erste Frau, die die offizielle Prüfung zur Gondoliera bestand, gab es erst 2010. Und auch bei den Motorbooten, die im Alltag der Einheimischen eine viel größere Rollen spielen, sind es vor allem die Männer, die am Steuer zu sehen sind. Meist sind es die Väter, die ihren Söhnen das Fahren beibringen.

In einer Zeit, in der selbst das reaktionäre Saudi-Arabien Frauen das Fahren von Autos gestattet, mutet dieses Bild überraschend antiquiert an. Anders als im Wüstensand ist die Geschlechterordnung am Kanal immerhin nicht festgeschrieben, natürlich gab es schon immer Ausnahmen. Doch bis vor kurzer Zeit gab es niemanden, der Frauen das Lenken von Booten gezielt beibrachte. Oder sie zumindest so ermutigte, dass sie sich auch wirklich angesprochen fühlten. Der Machismo brauche keine Gesetze, sagt Marta Canino, Blicke und Sprüche wirkten oft auch so.

Sie ist angetreten, um das zu ändern. Die 35-Jährige ist in den Kanälen der Stadt keine Unbekannte. In den vergangenen Jahren trommelte sie mit dem Bündnis »No Grande Navi« immer wieder für ein Verbot von Kreuzfahrtschiffen auf Venedigs bekanntesten Wasserstraßen. Die Folgen des Massentourismus sind bekannt: Die Schiffe beschädigen die Fundamente der auf Holzpfählen erbauten Stadt, immer wieder kam es zu Zwischenfällen.

Vor vier Jahren beteiligten sich 25.000 Einwohner an einem unverbindlichen Referendum – mit klarer Schlagseite zuungunsten der stählernen Ungetüme. Doch erst die Pandemie sorgte dafür, dass auf einmal tatsächlich Ruhe einkehrte.

Auch bei Canino, die direkt aus der Elternzeit kam und schnell wusste, dass der Gang zurück in die Gastronomie für sie keine Zukunft bot. Seitdem suchte sie eine neue Aufgabe – und fand sie in ihrer Arbeit als Fahrlehrerin. Seit vergangenem Juli zeigt sie anderen Frauen jetzt, wie sie selbst durch die Stadt schippern können. Seit wenigen Wochen ist sie auch Präsidentin von »Fie a Manetta« – des nach eigenen Angaben ersten Bootklubs für Frauen in Venedig. Der Verein ermöglicht günstige Versicherungen und hilft den Frauen, sich zu vernetzen. Der Name ist das gemeinsame Motto: Frauen voraus.

Inzwischen kommen auch junge Männer zum Bootsklub: »Wir helfen uns gegenseitig«

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Der italienische Fotograf Giacomo Sini hat das Projekt begleitet. Er arbeitet sonst eigentlich eher in Krisengebieten oder an anderen Orten, die schwer zugänglich sind. In der Pandemie begann er jedoch die Situation in seinem Heimatland zu dokumentieren – und fand unerwartete Parallelen. »Venedig ist ohne die Touristen ebenfalls ein Krisengebiet«, sagt er. »Ohne die Besucher war die Stadt plötzlich allein mit ihren Sorgen. Die Frauen des Bootsklubs zeigten mir aber auch, dass es Widerstand gibt. Sie nutzten den Stillstand, um ihre Stadt neu zu entdecken.«

In seinen Bildern zeigt Sini eine Stadt im Privaten, ein Venedig ganz ohne Massentourismus und Lärm. Der Verein von Marta Canino hat in den vergangenen Wochen weitere Mitglieder dazugewonnen. Seit Kurzem sind auch junge Männer dabei, die ebenfalls lernen möchten, wie man ein Boot fährt. Es ist eine inklusive und bunte Gruppe. Doch es gibt weiterhin Herausforderungen.

Die Karten, mit denen die Frauen arbeiten, sind beispielsweise oft veraltet. Wer sich nicht auskennt, findet kaum den Weg. Auch so lassen sich Rollen verfestigen. »Manchmal sind Kanäle eingezeichnet, die längst zugeschüttet wurden«, berichtet Sara, die Fahrschülerin. »Die Lagune ändert sich schnell. Wir müssen uns anpassen.«

Sehen Sie in der Fotostrecke, wie Frauen in Venedig einander das Bootfahren beibringen und ihre Stadt ohne Touristen erleben:

Fotostrecke

Fie a Manetta – wie Frauen in Venedig die Boote übernehmen

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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