Weltweite Befragung zu Einkommen, Hausarbeit und Psyche Coronakrise trifft Frauen ungleich härter als Männer

Mehr Care-Arbeit und Gewalt, weniger Geld: In der Pandemie wächst die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Eine weltweite Studie zeigt, was Männer und Frauen diesbezüglich fordern – und von ihren Regierungen erwarten.
Eine Frau und ihr Kleinkind in Agartala im Nordosten Indiens: Mütter trifft die Coronakrise oft besonders hart

Eine Frau und ihr Kleinkind in Agartala im Nordosten Indiens: Mütter trifft die Coronakrise oft besonders hart

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Xinhua / imago images

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Erst mal die gute Nachricht: Die allermeisten Menschen finden es wichtig, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beendet wird. Frauen, und ja, auch Männer fordern das einer aktuellen Befragung zufolge.

Weltweit verlangt die Mehrheit der Befragten, dass Frauen und Männer gleiche Chancen haben, gleich viel Geld verdienen, die gleichen Schulabschlüsse machen können. Dass Frauen und Männer sich die Macht in ihren Ländern teilen.

Die schlechte Nachricht: Durch die Coronakrise ist dieses Ziel in weitere Ferne gerückt. Schon vorher haben etwa autoritäre Regime und Staatschef vielerorts verhindert, dass die Chancen von Frauen wachsen. Doch nun, in der Pandemie, sind es Frauen und Mädchen überall auf der Welt, die als Erste unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise leiden. Sie sind die ersten, die gesellschaftlich absteigen, ihre Jobs verlieren. Die mehr als vorher Gewalt ausgesetzt sind, auf den Straßen, im eigenen Zuhause. Frauen sind zudem häufig aufgrund ihrer Tätigkeiten einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt, und sie haben weniger Erspartes, auf das sie zurückgreifen können.

Mehr Frauen als Männer haben ihre Jobs verloren

In einer aktuellen Studie  der globalen Initiative Women Deliver  und der französischen Organisation Focus 2030  haben Forscherinnen und Forscher im Juli und August 2020 Menschen aus 17 Ländern weltweit gefragt, wie sich die Coronakrise ihrer Meinung nach auf das Geschlechterverhältnis auswirkt. Verdienen Sie noch dasselbe wie vor der Pandemie? Wie haben sich Ihre Lebensverhältnisse verändert? Wie geht es Ihnen mit Blick auf die psychische und körperliche Gesundheit?

Außerdem wurden die Teilnehmenden repräsentativ gefragt, was ihre Situation konkret verbessern würde – gerade die der Frauen. Welche Erfahrungen haben Sie selbst mit Diskriminierung aufgrund Ihres Geschlechts gemacht? Was muss sich ändern? An der Studie nahmen Entwicklungs- und Schwellenländer wie Kenia, Kolumbien, Mexiko und China genauso teil wie Industrienationen, etwa Großbritannien, Deutschland oder die USA.

Auch in Indien beteiligten sich Frauen und Männer an der Studie. Schon vor der Pandemie waren dort weniger Frauen formell erwerbstätig als Männer. Doch laut dem Center for Monitoring Indian Economy  hat sich diese Entwicklung in den Monaten der Shutdowns im Jahr 2020 verschärft. Hundert Millionen haben ihre Arbeit verloren. Dabei sind Frauen prozentual mehr betroffen als Männer .

Bei der groß angelegten Studie nun gab die Mehrheit der befragten Männer und Frauen an, dass die Gleichstellung der Geschlechter für sie persönlich eine Priorität sei, gerade unter den Jüngeren spielt das Thema eine große Rolle. 65 Prozent fordern ihre Regierungen dazu auf, mehr zu tun, um die Gleichstellung der Geschlechter in ihrem Land zu verbessern. Der Überblick:

  • Die Befragten glauben, dass die Pandemie Frauen stärker trifft als Männer. Vor allem Teilnehmerinnen im Alter zwischen 18 und 44 Jahren berichten, dass sich ihre Situation in der Krise verschlechtert habe. In 13 von 17 untersuchten Länder berichten Frauen von einer höheren Belastung im Haushalt, ihr Stresslevel sei gestiegen. Sie sprechen von psychischen Problemen. 48 Prozent der Frauen und 37 Prozent der Männer gab an, ihre Zeit im Haushalt sei während der Pandemie gestiegen.

  • Zwar hat eine Mehrheit das Gefühl, dass sich die Gender Equality verbessert hat in den vergangenen 25 Jahren. Durchschnittlich 57 Prozent der Frauen berichten dennoch, in ihrem Leben eine Form geschlechtsspezifischer Diskriminierung erlebt zu haben, zuvorderst Befragte aus Kenia (83 Prozent), Indien (81 Prozent) und Südafrika (72 Prozent). Dabei wurde Belästigung im Internet ebenso genannt wie sexuelle Übergriffe, Zwangs- und Kinderheirat und weibliche Genitalverstümmelung.

  • 82 Prozent der Frauen und Männer wünschen, dass Frauen mehr an der Pandemiebekämpfung beteiligt werden. Sie sollen sowohl mehr Mitsprache bei den Gesundheitsmaßnahmen bekommen als auch beim Wiederaufbau nach der Krise mitarbeiten und entscheiden. Denn Frauen arbeiten zwar an vorderster Front in der aktuellen Krise – etwa als Ärztinnen, Pflegerinnen, Krankenschwestern – jedoch sitzen sie seltener in den Schaltzentralen der Macht, um Einfluss zu nehmen.

  • Die Hauptgründe für Geschlechterungleichheit in allen 17 Ländern: Frauen müssen mehr als Männer die Haus- und Pflegearbeit stemmen. Sie haben laut Teilnehmern schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Außerdem empfinden viele Befragte Kultur und Religion in ihren Ländern als diskriminierend.

  • Wichtig war den Befragten vor allem das Ende von Gewalt gegen Frauen. Täter von Vergewaltigungen und anderen Gewalttaten sollen entschiedener zur Rechenschaft gezogen werden. Frauen sollen, fordern die Befragten, mehr Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper erhalten, gerade bei den Themen Verhütung, sexuelle Aufklärung und Abtreibung. »Equal Pay« war den Befragten in allen Ländern sehr wichtig – allen voran in Deutschland.

  • Männer wie Frauen wünschen sich mehrheitlich, dass Frauen in Politik und Gesellschaft mehr repräsentiert sind, auch in Führungspositionen. In den Feldern Innovation, Klimapolitik und Technik sollen Frauen sichtbarer werden.

Laut der Gleichstellungseinheit der Vereinten Nationen werden 2021 435 Millionen Frauen und Mädchen weltweit in extremer Armut und mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben – 47 Millionen davon wird die Pandemie in die Armut getrieben haben. Die UN-Women-Direktorin, Phumzile Mlambo-Ngcuka,  wertet die aktuelle Studie als starkes Signal: Die Welt sei bereit für Gender-Gerechtigkeit, sagt sie. Und forderte die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten dazu auf, in ihrer Corona-Politik auch die Zukunft von Frauen und Mädchen entsprechend mitzudenken.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.