Reiche in Chile »Sie flogen mit dem Hubschrauber an den Strand, als die anderen im Lockdown festsaßen«

Während die Mehrheit unter der Ungleichheit im Land leidet, schotten sich die Reichen immer mehr ab: Der chilenische Politologe Cristóbal Rovira Kaltwasser hat das Leben in einer anderen Realität erforscht.
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Riesiger Swimmingpool eines Resorts westlich von Santiago: Vor allem die wirtschaftliche Elite lebt in einer Blase – und hat kaum Ahnung von der Realität der Durchschnittsbürger Chiles

Riesiger Swimmingpool eines Resorts westlich von Santiago: Vor allem die wirtschaftliche Elite lebt in einer Blase – und hat kaum Ahnung von der Realität der Durchschnittsbürger Chiles

Foto: HO/ AFP
Globale Gesellschaft

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Sie schicken ihre Kinder auf Privatschulen, leben in Gated Communities und verbringen ihre Freizeit in Klubs unter ihresgleichen: Der chilenische Politikwissenschaftler Cristóbal Rovira Kaltwasser wollte wissen, wie die Eliten in seinem Land ticken  – im Vergleich zum Rest der Bevölkerung.

Dafür haben er und seine Kollegen und Kolleginnen persönliche Interviews mit Politikern und Politikerinnen, Kulturentscheidern und den Chefs und Chefinnen der größten Unternehmen in Chile geführt. Das Ergebnis: Vor allem die wirtschaftliche Elite lebt in einer Blase – und hat kaum Ahnung von der Realität der Durchschnittsbürger.

Foto: Cristóbal Rovira Kaltwasser

Cristóbal Rovira Kaltwasser, geboren 1978, ist ein chilenischer Politikwissenschaftler, der an der Diego Portales Universität in Santiago de Chile lehrt. Sein Fokus liegt auf der Erforschung der ambivalenten Beziehung von Populismus und Demokratie. Rovira Kaltwasser promovierte an der Humboldt-Universität in Berlin. Er lebt in Schweden und Chile.

SPIEGEL: Herr Rovira Kaltwasser, Sie haben das Denken der Reichen in Ihrem Land erforscht. Warum hat Sie das interessiert?

Cristóbal Rovira Kaltwasser: Wir wissen, dass die wirtschaftliche Elite sich immer weiter von der normalen Bevölkerung entfernt. Das ist nicht nur in Chile so, sondern überall auf der Welt, auch in den USA und in Deutschland. Wir wollten wissen, wie weit sie sich schon abgekapselt haben.

SPIEGEL: Woran erkennen Sie, dass diese Elite in Chile immer mehr nur in ihrer eigenen Blase lebt?

Rovira Kaltwasser: Nehmen wir das Beispiel Privatschulen. Sie sind extrem teuer und befinden sich in den abgeschotteten Vierteln der Reichen. Rund 60 Prozent der derzeitigen Firmenchefs haben private Schulen besucht, ihre eigenen Kinder aber schicken sie zu 90 Prozent auf Privatschulen. Daran kann man die zunehmende Segregation gut erkennen.

SPIEGEL: Wie lebt die wirtschaftliche Elite ansonsten?

Rovira Kaltwasser: Sie bleiben unter sich. Sie wohnen in Vierteln, die sehr weit ausgelagert sind. Dort gibt es einige Gated Communities, aber auch generell mehr Polizei und private Sicherheitsdienste. Morgens nehmen sie ihren Mercedes und fahren über eine private Autobahn, die man bezahlen muss und die natürlich gut in Schuss ist, in das Parkhaus eines Bürogebäudes. Sie sehen nichts von der Stadt. Ihre Freizeit verbringen sie in speziellen Klubs oder Villen am Strand. Sie haben Privatkliniken und eine private Rentenversicherung. Sie reden nicht mit Menschen, die anders leben als sie selbst. Das führt zu einer völlig verschobenen Wahrnehmung.

SPIEGEL: Was nehmen sie wahr?

Rovira Kaltwasser: Sie glauben, dass alles bestens ist. Für sie selbst funktioniert ja alles. Und keiner in ihrem Umfeld sagt ihnen, dass es nicht so ist.

SPIEGEL: Wie wirkt sich das auf ihre politischen und gesellschaftlichen Einstellungen aus?

Rovira Kaltwasser: Wenig überraschend wünscht sich die wirtschaftliche Elite einen radikal freien Markt und noch mehr Privatisierung, dabei ist der Markt in Chile schon weitestgehend unreguliert und so gut wie alles ist privatisiert – doch die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich ein sozialdemokratisches System. Im Unterschied zu den meisten wirtschaftlichen Eliten in Europa oder den USA sind die chilenischen Geschäftseliten außerdem größtenteils extrem konservativ. Ihre Privatschulen und Universitäten sind katholisch. Ihre Einstellungen in Bezug auf Scheidung, Abtreibung und Homo-Ehe sind alles andere als progressiv. Auch damit weichen sie von der chilenischen Bevölkerung ab, die im Laufe der Zeit immer liberaler wurde.

Blick aus einem City Tower in Santiago de Chile

Blick aus einem City Tower in Santiago de Chile

Foto: Danita Delimont / imago images

SPIEGEL: Chile ist eines der reichsten Länder in Lateinamerika und schneidet auch im internationalen Vergleich beim Bruttoinlandsprodukt recht gut ab. Zugleich ist es eines der ungleichsten Länder der Welt, derzeit liegt es auf Platz 16 von rund 200 .

Kaltwasser: Für einen Großteil der Menschen im Land ist die Ungleichheit ein großes, untolerierbares Problem. Aber die wirtschaftliche Elite sieht dieses Problem nicht. Nur acht Prozent meinen, dass ein großer Konflikt zwischen den Unternehmern und den Arbeitern existiert, während die Hälfte der Bevölkerung das so empfindet. Und 83 Prozent der Chilenen stufen Chile als Land ein, in dem Menschen extrem ungleich behandelt werden, rund 60 Prozent der wirtschaftlichen Eliten sehen das anders. Viele von ihnen halten zum Beispiel die extreme Lohnungleichheit für gerechtfertigt und unproblematisch, sie könnte demnach sogar vielmehr als »Anreiz« für die Ärmeren funktionieren, schließlich sei jeder für sein Glück verantwortlich.

SPIEGEL: Das klingt fast nach Satire. Glauben die Reichen das wirklich oder profitieren Sie schlicht davon?

Rovira Kaltwasser: Ich glaube nicht, dass diese Menschen im machiavellistischen Sinne böse sind. Aber sie leben in einer komplett anderen Realität, einer Blase. Sie erfassen nicht, was wirklich in Chile los ist. Die Mehrheit schottet sich auch mental ab.

SPIEGEL: Das ist kaum vorstellbar.

Rovira Kaltwasser: Es gab zum Beispiel den Fall des Chefs einer Bergbaufirma, der auf Twitter sehr aktiv ist und eine der reichsten Personen des Landes. Er mischte sich in eine Diskussion um soziale Gerechtigkeit ein und sagte in einem Interview, dass es ja wohl nicht so schlimm sein könne, schließlich besitze jeder Mittelschicht-Chilene zwei Häuser, eines in der Stadt und eines am Strand. Es gab einen ziemlichen Aufschrei. Aber dieser Mann, der sich nur in seinen Kreisen bewegt, hatte tatsächlich den Eindruck, so sei die Wirklichkeit.

SPIEGEL: Im Herbst 2019, kurz vor der Pandemie, kam es in Chile zu großen sozialen Unruhen. Millionen protestierten auf den Straßen. Sind die Reichen da nicht aufgewacht?

Rovira Kaltwasser: Als die sozialen Proteste aufkamen, verstanden viele dieser Leute die Welt nicht mehr. Sie fragten sich, was los ist, warum die Menschen so wütend sind, und konnten es nicht begreifen. Wir haben unsere Interviews mit den Chefs der großen Firmen sowohl vor als auch nach den Protesten geführt. Wir haben schockierenderweise festgestellt, dass sich an ihren Einstellungen fast nichts geändert hat.

Im Herbst 2019 brachen in Chile soziale Unruhen aus; Anlass war die geplante Erhöhung der Preise für U-Bahnfahrten

Im Herbst 2019 brachen in Chile soziale Unruhen aus; Anlass war die geplante Erhöhung der Preise für U-Bahnfahrten

Foto: Spencer Platt/ Getty Images

SPIEGEL: Wie macht sich die Ungleichheit während der Pandemie bemerkbar?

Rovira Kaltwasser: Auch in Chile sterben wesentlich mehr arme Menschen oder erleiden Langzeitfolgen durch eine Corona-Erkrankung.

SPIEGEL: Genießt die wirtschaftliche Elite größere Freiheiten in der Pandemie?

Rovira Kaltwasser: Grundsätzlich macht es natürlich einen Unterschied, ob man so etwas in einer großen Villa oder in einem kleinen Apartment durchsteht. Die Polizei drückte in den reichen Vierteln auch eher mal ein Auge zu bei den Ausgangssperren. Es gab aber auch Fälle, da flogen Reiche mit dem Hubschrauber an den Strand, während die anderen zu Hause im Lockdown festsaßen. Das war illegal. Aber das Bußgeld ist für jemanden, der reich ist, keine große Ausgabe. Gleichzeitig haben die Unternehmer zu Beginn der Pandemie viel Geld für medizinische Geräte gespendet, was zu ihrem katholischen Glauben passt. Sie haben aber das Ausmaß der wirtschaftlichen Krise auf der Straße kaum begriffen.

Kontrollen im öffentlichen Nahverkehr: »Das Bußgeld ist für jemanden, der reich ist, keine große Ausgabe«

Kontrollen im öffentlichen Nahverkehr: »Das Bußgeld ist für jemanden, der reich ist, keine große Ausgabe«

Foto: Felipe Figueroa / SOPA / LightRocket / Getty Images

SPIEGEL: Sind Sie besorgt um Ihr Land?

Rovira Kaltwasser: Wir erleben eine Phase, in der unsere Demokratie instabil ist, die Menschen begehren auf. Die Mittelschicht ist heute viel gebildeter und damit auch anspruchsvoller als vor 15 Jahren. Sie akzeptieren das ungerechte System ohne jegliches soziales Auffangnetz nicht mehr. Zugleich erleben wir eine Pandemie, welche die Ungleichheit und Armut verschärft. Diese Situation birgt viel Konfliktpotenzial. Dennoch sind während der Pandemie auch positive Veränderungen passiert: Der Staat hat – für lateinamerikanische Verhältnisse – großzügige Hilfen für die Armen etabliert. Betten in Privatkrankenhäusern wurden quasi konfisziert und die Kliniken zur Aufnahme von Covid-Patienten verpflichtet. Und die Impfkampagne wurde allein über das öffentliche Gesundheitssystem organisiert; die Eliten wurden nicht priorisiert.

SPIEGEL: Das klingt nach dem etwas überstrapazierten Klassiker »Krise als Chance«.

Rovira Kaltwasser: Die Maßnahmen haben zumindest gezeigt, dass es möglich ist, ein sozialeres System einzuführen. Das gibt es natürlich nicht gratis. Leider hat nur ein sehr kleiner Teil der wirtschaftlichen Oberschicht bisher verstanden, dass ein solches System nachhaltiger wäre, zu mehr politischer Stabilität führen würde – und letztlich auch die Eliten davon profitieren würden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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