Geburten in der Pandemie Die Angst vor dem Krankenhaus

Seit Beginn der Coronakrise sind weltweit deutlich mehr Frauen und Säuglinge während oder kurz nach der Entbindung gestorben - auch, weil sie seltener Ärzte aufsuchen.
Hebamme Emily Owino durchtrennt mit einer Rasierklinge die Nabelschnur eines neugeborenen Mädchens in Kenia

Hebamme Emily Owino durchtrennt mit einer Rasierklinge die Nabelschnur eines neugeborenen Mädchens in Kenia

Foto:

Brian Inganga/ AP

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Es ist kurz vor Mitternacht, als Brian Inganga den Anruf bekommt. "Du musst dich beeilen", sagt die Hebamme zu ihm. Der 31-jährige Fotograf fährt sofort mit einem Motorradtaxi nach Kibera, einem Slum in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Inganga hat Angst, denn nicht nur der Slum ist "dunkel und gefährlich", es ist auch Sperrstunde, und "die Polizisten sind sehr aggressiv in der Nacht", wie er erzählt.

Die Hebamme holt ihn an einer Straßenecke ab, führt ihn durch enge Gassen bis zu ihrer kleinen Hütte. Dort liegt Veronica Atieno, 23, in einem winzigen Zimmer. Sie hat starke Wehen.

In den folgenden Stunden des 29. Mai wird Inganga die junge Mutter dabei fotografieren, wie sie ihre Tochter Shaniz Joy Juma zur Welt bringt. Ohne Ärzte und Medikamente, als einziges Hilfsmittel ein Holzlöffel zum draufbeißen und ein Gebräu der Hebamme, aus Kräutern gegen die Schmerzen. "Es war ein schockierendes Erlebnis", sagt der Fotograf am Telefon, als er die Geschichte seiner Fotos erzählt. "Unsere Frauen können für Geburten nicht ins Krankenhaus, sie knien auf dreckigen Böden und haben schreckliche Angst."

Mehrere Stunden dauerte die Geburt. Veronica Atieno beißt auf einen Holzlöffel, um die Schmerzen besser zu ertragen

Mehrere Stunden dauerte die Geburt. Veronica Atieno beißt auf einen Holzlöffel, um die Schmerzen besser zu ertragen

Foto:

Brian Inganga/ AP

Brian Inganga wollte so eine Geburt dokumentieren, weil er sich Sorgen macht. Er ist selbst in Kibera aufgewachsen und weiß, was das Leben im Slum bedeutet. "Armut und Gefahr", so sagt er. "Und nun ist alles noch viel schwieriger geworden. Die Coronakrise ist eine Bedrohung für Frauen. Viele werden ungewollt schwanger, weil kaum noch Verhütungsmittel erhältlich sind oder sie in jungen Jahren missbraucht werden. Und Gebärende sind extrem gefährdet und auf sich allein gestellt."

Kenia hatte bereits vor der Pandemie eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt. Obwohl bislang kaum Daten für 2020 verfügbar sind, gehen Experten und Hilfsorganisationen davon aus, dass die Zahl der Frauen und Babys, die bei der Geburt oder kurz darauf sterben, deutlich steigt - nicht nur in Kenia, sondern weltweit.

Eine Studie  der Johns-Hopkins-Universität, die auf Modellrechnungen für 118 Länder basiert, prognostiziert im schlimmsten Fall mehr als eine Million zusätzliche Todesfälle von Kindern und von 56.700 Müttern im Jahr 2020 - aufgrund der Pandemie. "Genaue Zahlen sind derzeit schwer zu bekommen", sagt Rebekka Frick, 43, Gesundheitsexpertin von Save the Children. "Das gesamte Ausmaß der Pandemie auf die Sterblichkeitsraten von Müttern und Säuglingen wird sich erst in einigen Jahren offenbaren."

"Wir sind mehr als besorgt. Das liegt zum einen an Berichten, die uns aus Ländern wie Kenia und Indien erreichen, aber auch an unserem Wissen über Entwicklungen, die andere Epidemien ausgelöst haben"

Rebekka Frick, Save the Children

In der ersten veröffentlichten Untersuchung  über den Einfluss eines Lockdowns auf Geburten analysierten internationale Wissenschaftler Daten aus neun Krankenhäusern in Nepal: Der Lockdown führte in dem südasiatischen Land zu einem Rückgang der Krankenhausgeburten um nahezu die Hälfte. Totgeburten und Todesfälle bei Neugeborenen stiegen im gleichen Zeitraum um 50 Prozent.

Ähnliche Zahlen werden für viele weitere arme Nationen erwartet. "Wir sind auf jeden Fall mehr als besorgt", sagt Frick. "Das liegt zum einen an Berichten, die uns aus Ländern wie Kenia und Bangladesch erreichen, aber auch an unserem Wissen über Entwicklungen, die andere Epidemien ausgelöst haben."

Sieben tote Babys in einer Nacht

In einigen afrikanischen Ländern schlägt bereits das medizinische Personal Alarm. Im Central Hospital in Simbabwes Hauptstadt Harare starben allein in einer Nacht Ende Juli sieben Babys bei der Geburt. Ein Arzt twitterte ein Foto  von den Säuglingen, nebeneinander aufgereiht und in Tücher eingehüllt.

In Südafrika erzählten Ärzte  dem Sender BBC, die Entbindungsstation im Dora Nginza-Krankenhaus von Port Elizabeth sei völlig überfordert, "mehrere Mütter und Säuglinge starben", das Personal sei "zutiefst traumatisiert".

Die Todesfälle werden in beiden Ländern unter anderem auf die starke Unterbesetzung zurückgeführt. Ein Großteil des medizinischen Personals muss vorrangig Covid-19-Patienten behandeln oder ist selbst mit Corona infiziert. Weitere streiken aus Angst um ihre Gesundheit: Es fehlt an Schutzkleidung wie Masken und Handschuhen. Doch auch Desinfektionsmittel und Medikamente sind aufgrund von Lieferengpässen knapp geworden. Schwangere Frauen warten nun oft tagelang auf dringende Operationen, in Notsituationen oder bei Geburten kann ihnen kaum geholfen werden.

"Die Folgen der Pandemie sind katastrophal", sagt Emma Ingaiza. Die 32-Jährige arbeitet für die Nichtregierungsorganisation (NGO) Shining hope for Communities  in Kenia und ist seit Beginn der Coronakrise im Dauereinsatz, um Menschen in Notsituationen zu helfen, darunter sind viele schwangere Frauen.

Auch Ingaiza haben in den vergangenen Wochen Berichte über eine ungewöhnlich hohe Zahl toter Säuglinge und verstorbener Mütter erreicht. "Alle sind in Panik wegen des Coronavirus", sagt sie. "Alle Schutzmaßnahmen und nahezu die komplette Kapazität des verbleibenden medizinischen Personals sind auf Covid-19 ausgerichtet. Schwangere, Mütter und Babys leiden stark darunter."

In Kenia, so berichtet sie, mussten einige medizinische Einrichtungen, in denen zu Nicht-Corona-Zeiten teilweise bis zu 30 Kinder pro Nacht geboren wurden, wegen Unterbesetzung schließen. Frauen, die am Abend Wehen bekämen, würden sich nicht trauen, ihr Zuhause zu verlassen. Die Polizei setzt die nächtliche Ausgangssperre, eine Präventionsmaßnahme, die seit Mitte März die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen soll, teils brutal durch. Mehrere Menschen wurden von Polizisten erschlagen, weil sie sich nachts draußen aufhielten. "Darunter auch ein Mann, der seine schwangere Frau ins Krankenhaus fahren wollte", sagt Brian Inganga. "So etwas spricht sich schnell herum."

Ein Baby kurz nach einer Hausgeburt in Mexiko-Stadt am 25. Mai: Mexiko verzeichnet eine gestiegene Müttersterblichkeit seit Ausbreitung des Coronavirus

Ein Baby kurz nach einer Hausgeburt in Mexiko-Stadt am 25. Mai: Mexiko verzeichnet eine gestiegene Müttersterblichkeit seit Ausbreitung des Coronavirus

Foto: Gustavo Graf Maldonado / REUTERS

Die Folge sind oft Hausgeburten, im besten Fall ist wenigstens eine Hebamme dabei. Doch auch die Hebammen sind inzwischen überfordert. "Manchmal haben sie drei Frauen mit starken Wehen bei sich und nur noch ein Paar Handschuhe", sagt Fotograf Inganga, der seit Wochen mit vielen Hebammen in Nairobi in direktem Kontakt steht. "Was sollen sie dann tun?"

Hebammen in Deutschland und anderen reichen Ländern haben beobachtet, dass offenbar vielen werdenden Müttern die Kontaktbeschränkungen und damit der Zwang zum Nichtstun während der Pandemie gutgetan haben. In einer Studie wird der Rückgang an Frühgeburten  unter anderem auf die Verminderung von Stress zurückgeführt.

In vielen anderen Ländern weltweit, vor allem in armen Nationen, in denen es bereits vor der Coronakrise oft an lebensrettender medizinischer Versorgung für Mutter und Kind mangelte, wird hingegen nun ein Anstieg der Mütter- und Kindersterblichkeitsrate befürchtet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von Müttersterblichkeit, wenn eine Frau während der Schwangerschaft oder bis zu 42 Tage nach der Entbindung stirbt. Die Neugeborenensterblichkeit bezieht sich auf die Zahl der Todesfälle von Säuglingen in den ersten 28 Tagen ihres Lebens.

Für viele Hilfsorganisationen und Wissenschaftler sind Zahlen, die von vergangenen und in Teilen vergleichbaren Epidemien vorliegen, ein wichtiger Indikator für die Beurteilung der aktuellen Lage. Das westafrikanische Büro des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) hat einen Leitfaden herausgegeben, der auf den Lehren aus den seit 2003 aufgetretenen Epidemien basiert. Während der Ebola-Epidemie zum Beispiel, die zwischen 2013 und 2016 in Guinea, Sierra Leone und Liberia wütete, führte die Einschränkung von medizinischer Versorgung zu einem starken Anstieg der Müttersterblichkeitsrate.

UNFPA empfiehlt daher den in vielen Ländern neu etablierten Covid-19-Krisenteams, das Thema Frauengesundheit stärker in den Fokus zu rücken.

Mütter und Babys infizieren sich im Krankenhaus

Ein weiteres Problem ist die Gewährleistung der Gesundheitsvorsorge, die normalerweise um eine Geburt herum stattfindet. "In vielen Ländern kommen Frauen auch aus Angst vor Corona nicht mehr in die Krankenhäuser", sagt Rebekka Frick von Save the Children. "Sie hören, dass dort viele Menschen sterben, und wollen sich und ihre Babys schützen."

Auch in Mexiko führe diese Furcht dazu, dass schwangere Frauen bei Komplikationen erst sehr spät ins Krankenhaus gehen, beobachtet die Ärztin Hilda Argüello Avendaño vom Observatorio de Mortalidad Materna, einer zivilgesellschaftlichen Beobachtungsstelle für Müttersterblichkeit. Erst vor Kurzem hatten sich in einem Krankenhaus in Oaxaca acht Kinder, darunter vier Neugeborene , mit Corona infiziert.

"In Mexiko hat sich die Pandemie in die Hauptursache für Müttersterblichkeit verwandelt", sagt Hilda Argüello Avendaño. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum habe die Sterblichkeitsrate von Müttern um mehr als 25 Prozent zugenommen: Bis Anfang August sind 97 Frauen während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt gestorben, die sich mit dem Virus infiziert hatten.

Die 24-jährige Karla Lopez Rangel bringt Ende Mai in Mexiko-Stadt ihr Kind zur Welt - mithilfe einer Hebamme und ihres Ehemannes

Die 24-jährige Karla Lopez Rangel bringt Ende Mai in Mexiko-Stadt ihr Kind zur Welt - mithilfe einer Hebamme und ihres Ehemannes

Foto:

Gustavo Graf Maldonado / REUTERS

In etwa der Hälfte der Todesfälle hatte eine Vorerkrankung wie Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck zum schweren Verlauf der Krankheit beigetragen. Die Pandemie offenbart die soziale Ungleichheit im Land: Werdende Mütter, die nicht abgesichert und auf die kostenlose staatliche Gesundheitsversorgung angewiesen sind, haben der Ärztin zufolge ein besonders hohes Risiko zu sterben - auch, weil sie oft schlechter oder zu spät Hilfe bekommen.

Der ausbleibende Besuch bei einer Hebamme oder in dem Gesundheitszentrum des Dorfes, einem Arzt oder im Krankenhaus hat aber nicht nur direkte Auswirkungen auf eine Geburt. "Auch Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und Nachsorge fallen oft komplett weg", sagt Rebekka Frick. "Das wird verheerende Folgen haben und Gesundheitssysteme nachhaltig belasten."

Ob Masern, Tuberkulose oder Malaria, die Bekämpfung lebensbedrohlicher Krankheiten droht weltweit durch die Coronakrise zunichtegemacht zu werden. Mediziner und NGOs befürchten, dass Millionen in den kommenden Monaten und Jahren nicht am Coronavirus, sondern den Folgen sterben werden, oder an anderen, eigentlich behandelbaren Erkrankungen - unter anderem, weil notwendige Impfungen ausbleiben.

Große Fortschritte in den vergangenen 20 Jahren - bis zur Pandemie

Das ist besonders tragisch, weil in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern bereits große Fortschritte bei der Senkung der Sterblichkeitsraten erreicht wurden: Seit dem Jahr 2000 sind die Todesfälle von Kindern um gut 40 Prozent und die Todesfälle von Müttern um mehr als ein Drittel gesunken. Laut Uno ist die Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit ein wesentlicher Punkt, um das dritte Ziel der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) zu erreichen: "Gesundheit und Wohlergehen für alle."

Dafür müsste nun allerdings eine weitaus größere Aufmerksamkeit auf die Gesundheit von Müttern und Säuglingen weltweit gerichtet werden, auch indem Regierungen die grundlegende medizinische Versorgung - neben der Behandlung von Corona-Patienten - nicht vernachlässigen.

Shaniz Joy Juma, das Baby aus Kenia, gut einen Monat nach seiner Geburt mit seinem Vater

Shaniz Joy Juma, das Baby aus Kenia, gut einen Monat nach seiner Geburt mit seinem Vater

Foto:

Brian Inganga/ AP

In Ländern wie Mexiko gibt es Forderungen, Hausgeburten besser zu regulieren und staatlich zu finanzieren - bisher müssen Frauen in Mexiko Hebammen selbst bezahlen. Einige Hilfsorganisationen halten zusätzlich mobile Einsatzteams für sinnvoll, die Schwangere auch in abgelegenen Gemeinden aufsuchen können, um sie mit Medikamenten und Informationen zu versorgen. Oder notfalls einen Transport in ein Krankenhaus ermöglichen würden.

Der Fotograf Brian Inganga will das kleine Mädchen, dessen Geburt er dokumentiert hat, in den kommenden Jahren mit seiner Kamera begleiten. Shaniz Joy Juma ist inzwischen zweieinhalb Monate alt. "Am liebsten möchte ich sie bei ihrem Schulabschluss fotografieren", sagt Inganga. "Ich hoffe, sie wird nicht krank."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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