Coronakrise in Israel "Die Menschen sind aufgewacht"

Die Corona-Zahlen steigen, die Wirtschaft schrumpft: Viele Israelis sind deshalb wütend auf ihre Regierung. Ein Anruf bei Oren Fischer, der gegen Premier Netanyahu demonstriert.
Ein Feuerspeier bei Protesten vor Netanyahus Residenz in Jerusalem

Ein Feuerspeier bei Protesten vor Netanyahus Residenz in Jerusalem

Foto: Ilia Yefimovich/ dpa

Israel steckt in einer der größten Krisen seit Jahren: Das Land verzeichnet Hunderte Corona-Infektionen pro Tag, gleichzeitig liegt die Wirtschaft am Boden. Mitte der Woche entlud sich die Wut der Bürger in Protesten. Tausende forderten den Rücktritt von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Einer von ihnen war Oren Fischer , 36, aus Tel Aviv.

Herr Fischer, warum haben Sie sich an den Protesten beteiligt?

"Ich engagiere mich seit Jahren gegen Netanyahu. Er hat es geschafft, unser Land in Geiselhaft zu nehmen. Die aktuelle Situation zeigt deutlich, dass Netanyahu kein guter Manager ist. Er ist ein guter Redner. Aber er hat in den zwölf Jahren, in denen er regiert, nichts zustande gebracht."

Wie haben Sie die Coronakrise erlebt?

"Ich bin Künstler: Ich mache Skulpturen, male Bilder, organisiere Ausstellungen. Durch Corona ist vieles davon weggefallen. Meine finanzielle Situation ist sehr schlecht. Ich kann meine Miete nicht bezahlen und musste mir Geld von meinen Eltern leihen. Die Regierung hat fast nicht geholfen."

Israel verkündete früh in der Coronakrise strenge Maßnahmen. Die Grenzen wurden geschlossen, die Wirtschaft heruntergefahren, die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Zeitweise durften Israelis sich nicht mehr als hundert Meter von ihrem Haus entfernen.

Die Maßnahmen wirkten: Im Mai hatte das Land pro Tag nur eine Handvoll neuer Infektionen. Doch anders als in Deutschland fing die Regierung die sozialen Folgen der Krise nicht ab. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe. Lag sie im Februar noch bei knapp vier Prozent, sind es aktuell mehr als zwanzig.

Ende Mai öffnete die Regierung das Land deshalb schlagartig. Die Bürger wurden zwar gebeten, eine Maske zu tragen und Abstand zu halten - gleichzeitig wurden fast alle offiziellen Beschränkungen aufgehoben. "Habt Spaß", sagte Netanyahu damals. "Kehrt zur Normalität zurück."

Seitdem sind die Corona-Zahlen rasant gestiegen. Am Donnerstag verzeichnete Israel mehr als 1700 Neuinfektionen - dreimal so viele wie Deutschland. Dabei hat das Land nur ein Zehntel der Einwohner.

"Schande" steht auf dem Plakat dieser Demonstrantin

"Schande" steht auf dem Plakat dieser Demonstrantin

Foto: Sebastian Scheiner/ dpa

Was hätten Sie sich von der Regierung gewünscht?

"Ich bin kein Wirtschaftsexperte. Aber ich glaube, wenn wir mehr finanzielle Unterstützung gehabt hätten, hätten wir den Lockdown länger durchhalten können. Die Menschen haben überhaupt kein Geld bekommen, viele Israelis hungern. Und jetzt, wo die Zahlen hochgehen, sagt die Regierung uns: Ihr seid selbst schuld, ihr wolltet doch, dass die Wirtschaft sich öffnet."

Ende vergangener Woche kündigte Netanyahu eine Reihe von Maßnahmen an, um die Not zu lindern. Jeder Israeli soll unter anderem eine Einmalzahlung bekommen: Alleinstehende Erwachsene bekommen 750 Schekel (umgerechnet rund 190 Euro), Familien mit Kindern bis zu 3000 Schekel (umgerechnet rund 760 Euro). 

Außerdem beschloss die Regierung, das Land wieder teilweise zu schließen: Restaurants sowie viele Geschäfte dürfen nun an den Wochenenden keine Kunden empfangen. In geschlossenen Räumen dürfen sich nicht mehr als zehn Personen gleichzeitig aufhalten.

Glauben Sie, dass die Unterstützung die Proteste abebben lassen wird?

"Nein. Selbst dann nicht, wenn er uns eine Million Schekel geben würde. Er ist korrupt, das System ist korrupt. Und plötzlich verstehen die Menschen das."

Netanyahu ist der erste israelische Ministerpräsident, der sich während seiner Amtszeit vor Gericht verantworten muss. Er in mehreren Fällen der Korruption angeklagt, am Sonntag soll sein Prozess fortgesetzt werden.

Gleichzeitig sinken Netanyahu Zustimmungswerte. Laut einer Umfrage des Israel Democracy Institute  sind 75 Prozent enttäuscht davon, wie die Regierung das Land durch die Coronakrise führt.

"Nicht nur Menschen, die Netanyahu politisch ablehnen, misstrauen ihm plötzlich", sagt Professorin Tamar Hermann, die die Umfrage begleitet hat. "Sondern auch seine eigenen Leute." Hermanns Umfrage zufolge sind mehr als die Hälfte von Netanyahus Parteianhängern unzufrieden mit seiner aktuellen Arbeit.

Könnte die Coronakrise Netanyahu am Ende das Amt kosten? "Das denke ich nicht", sagt Hermann. "Es gibt am politischen Horizont einfach niemanden, der ihn ersetzen könnte."  

Herr Fischer, werden die Proteste weitergehen?

"Ja. Vor Netanyahus Haus in Jerusalem gibt es jeden Tag Demonstrationen, Menschen zelten dort. Das Tolle: Es protestieren nicht nur Linke, sondern auch religiöse Israelis. Wenn Corona etwas Gutes hatte, dann, dass die Menschen aufgewacht sind."

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