Coronakrise in Afrika Die Radio-Schüler von Sierra Leone

Wissenslücken, schwangere Teenager, Hunger: Die Ebola-Epidemie hat in Sierra Leone gezeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn in Afrika Schulen schließen. In der Coronakrise soll Radio-Unterricht helfen.
Schon während der Ebola-Epidemie vor sechs Jahren wurde das Lernen über Radio in Sierra Leone etabliert

Schon während der Ebola-Epidemie vor sechs Jahren wurde das Lernen über Radio in Sierra Leone etabliert

Foto: Michael Duff/ AP

Jeden Abend trägt Aminata das kleine gelbe Radio ihrer Familie in ihr Zimmer. Die Bücher und das Schreibheft hat die 17-Jährige dort schon zurechtgelegt. Um 18 Uhr geht der Unterricht für ihren Jahrgang in Sierra Leone los. Eine Stunde lernen. Am liebsten mag sie Geschichte, Literatur und Englisch. "Es ist nur manchmal etwas kompliziert, so Unterricht zu haben", sagt Aminata Jones, die in diesem Text anders genannt werden möchte. "Die Zeit ist knapp, die Lehrer sind oft schwer zu verstehen, und ich kann nichts nachfragen."

Nach dem Radio-Unterricht schaut Aminata manchmal einen Film mit ihren Eltern und ihrem achtjährigen Bruder, der immer um 15 Uhr über das Radio seine Lehrer hört. Meistens geht sie aber bald ins Bett. Ihr Wecker steht auf Mitternacht. Dann schlafen alle aus der Familie, und sie kann in Ruhe lernen. Um vier Uhr legt sich Aminata wieder hin, zwei Stunden später muss sie das Haus fegen und den Abwasch machen. Erst ihrer Mutter helfen, dann ihrem Bruder bei den Hausaufgaben. "Mir fehlen der Schulalltag und meine Freunde", sagt Aminata. "Trotzdem ist es so besser, als gar nicht mehr lernen zu können. Das Radio hilft."

Aminata und ihr achtjähriger Bruder lernen oft zusammen vor ihrer Wohnung in Freetown. Die 17-Jährige macht ihre Hausaufgaben aber meistens in der Nacht, wenn alle anderen schlafen und sie etwas Ruhe hat

Aminata und ihr achtjähriger Bruder lernen oft zusammen vor ihrer Wohnung in Freetown. Die 17-Jährige macht ihre Hausaufgaben aber meistens in der Nacht, wenn alle anderen schlafen und sie etwas Ruhe hat

Foto: Jacob Wilson/ Save the Children

Das "Radio Teaching Programme" , dem Aminata zuhört, strahlt die Regierung in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen aus. Es wird seit Anfang April in Sierra Leone gesendet. An jedem Wochentag um 10 Uhr beginnt die erste Schulstunde. Insgesamt 41 Lehrer wechseln sich vor dem Mikrofon im Studio ab. Sie unterrichten nun so gut es geht die 2,6 Millionen Schulkinder im Land. Ein erster Versuch, den durch die Coronakrise ausfallenden Unterricht zumindest ein wenig aufzufangen. In vielen anderen afrikanischen Ländern haben Kinder gar keine Möglichkeit mehr zu lernen, oft können ihnen auch die Eltern nicht helfen.

Aminata lebt in der Hauptstadt Freetown, einer Metropole direkt am Atlantik. Trotzdem hat sie kaum Zugang zum Internet. Viele Kinder in Sierra Leone leben in ländlichen Regionen, ohne Computer oder überhaupt eine Möglichkeit, ins Netz zu kommen. Das Radio ist das Medium, das hier und in den anderen Staaten des Kontinents noch immer die meisten Menschen erreicht - Hilfsorganisationen gehen von gut 80 Prozent der Bevölkerung in Sierra Leone aus.

Das westafrikanische Land hat am 31. März, als dort der erste Corona-Fall bestätigt wurde, alle Schulen geschlossen. Am 28. April gibt es 99 Fälle und vier Tote. Aminata sagt an diesem Tag am Telefon, dass ihr die Toten Angst machen. Sie erinnert sich noch an das letzte Mal, als die Schulen schließen mussten und sie monatelang über das Radio gelernt hat. Das war 2014, als wegen der Ebola-Epidemie in Sierra Leone erst der Notstand ausgerufen und schließlich das Radio-Unterrichtsprogramm entwickelt wurde.

"Damals sind so viele Menschen gestorben, die ich kannte", sagt Aminata. "Ich bete jeden Abend, dass das Coronavirus uns verschonen wird." Sie betet außerdem für ihre Zukunft. Aminata möchte Anwältin werden. Sie fürchtet, dass dieser Wunsch nun in weite Ferne gerückt ist. Ihre Abschlussprüfungen an der Schule wurden wegen der Coronakrise gerade abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben.

"Mit jeder Woche, die verstreicht, steigt das Risiko, dass bei einer Wiedereröffnung der Schulen nicht mehr so viele Kinder in die Klassenzimmer zurückkehren"

Edward Davis, Global Partnership for Education

Mehr als 90 Prozent  der Schulkinder sind laut Unesco weltweit von Schulschließungen betroffen. Doch sie haben nicht alle mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Nach Schätzungen von Save the Children fällt in Afrika derzeit für 120 Millionen Kinder der Unterricht aus. Das ist besorgniserregend, da der Zugang zu Bildung hier ohnehin hart erkämpft werden muss. In Subsahara Afrika gingen bereits vor Covid-19 so viele Kinder wie in keiner anderen Region der Welt nicht zur Schule. Darunter allein ein Fünftel der Kinder zwischen sechs und elf Jahren.

Obwohl es in einigen Ländern Afrikas gute Schulen und Eliteuniversitäten gibt, ist es zum Beispiel in Staaten mit Kriegen und Konflikten oft schwer, einen Schulalltag zu etablieren. Auch Sierra Leone hat sich von Bürgerkrieg und Ebola nur mühsam erholen können. Viele Regierungen und Nichtregierungsorganisationen (NGO) fürchten, dass die oft jahrelangen und zunehmend erfolgreichen Bemühungen, mehr Mädchen und Jungen einen Schulalltag zu ermöglichen, nun von den wochenlangen Schulschließungen während der Coronakrise bedroht sind.

Ein Klassenzimmer in Sierra Leones Hauptstadt Freetown: Bildung ist für viele Kinder in Afrika noch immer nicht selbstverständlich

Ein Klassenzimmer in Sierra Leones Hauptstadt Freetown: Bildung ist für viele Kinder in Afrika noch immer nicht selbstverständlich

Foto:

SAIDU BAH/ AFP

"Mit jeder Woche, die verstreicht, steigt das Risiko, dass bei einer Wiedereröffnung der Schulen nicht mehr so viele Kinder in die Klassenzimmer zurückkehren", sagt Edward Davis von Global Partnership for Education (GPE), einer Finanzierungsplattform, die Bildungssysteme in Entwicklungsländern stärkt und auch das Radioprogramm von Unicef in Sierra Leone unterstützt. "Wir müssen sicherstellen, dass das Lernen fortgesetzt wird und die Kinder geschützt werden."

Es hat mehrere Gründe, warum Kinder in Afrika schwer von den Schulschließungen betroffen sind und ohne Unterstützung vielleicht nicht mehr in die Schulen zurückkommen. 

Hungernde Familien

Für viele Kinder bedeutet der Schulbesuch auch eine feste Mahlzeit pro Tag, die dort oft kostenlos oder zumindest günstig ausgegeben wird. Sie ist für Familien ein Ansporn, ihre Kinder in die Schule zu schicken, denn viele haben selbst nicht genug Nahrung zu Hause. Nun, im Lockdown, verschärft sich dieses Problem. Die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz gegen Corona bedeuten in vielen afrikanischen Ländern vor allem eins: Hunger.

Ein Großteil der Menschen lebt von der Hand in den Mund. Können sie nicht arbeiten, können sie auch keine Nahrung kaufen. Von Vorräten für einige Wochen ganz zu schweigen. Ein Problem, das nicht auf den afrikanischen Kontinent beschränkt ist. In Indien stehen täglich Tausende Arbeiter Schlange für etwas Brot. In Kolumbien hängen Menschen rote Kleidungsstücke ins Fenster, als Zeichen, dass sie hungrig sind. Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Hungerleidenden weltweit bis Ende des Jahres verdoppeln wird: auf 265 Millionen Menschen .

In Kapstadt warten Kinder bei einer Essensausgabe, die nun die Schulmahlzeit ersetzt

In Kapstadt warten Kinder bei einer Essensausgabe, die nun die Schulmahlzeit ersetzt

Foto:

Nardus Engelbrecht/ AP

Save the Children gibt in Sambia inzwischen Grundnahrungsmittel wie Bohnen und Mais, die sich noch in den Lagerräumen der Schulen befinden, in Rationen an die Eltern aus. Allerdings kann so, anders als in der Schule, kaum sichergestellt werden, dass die Kinder auch wirklich das Essen erhalten. Grenzschließungen und Social Distancing erschweren es den NGOs zusätzlich, Menschen mit Nahrung zu versorgen. Die Welthungerhilfe fürchtet viele Tote in den kommenden Monaten.

Kinder als Arbeitskräfte

"Wir haben kaum noch etwas zu essen", sagt die Schülerin Aminata in Sierra Leone. Dann ist sie so lange still, dass es fast klingt, als sei die Verbindung abgebrochen. "Wie können wir welches bekommen? Niemand weiß das." Ihre Mutter musste ihren Laden schließen, und der Vater kann nicht arbeiten. Die Familie kämpft täglich ums Überleben.

Viele Familien in Sierra Leone leben in Armut, die nun durch die Coronakrise verschlimmert wird. Das führt hier wie auch in anderen afrikanischen Ländern unter anderem dazu, dass Kinder arbeiten müssen. Vor allem die Jungen sind davon betroffen. Sie helfen auf den Feldern oder schuften für wenige Cent auf dem Bau, um die Familie zu unterstützen. "Sobald die Kinder ein Einkommen haben, werden sie meist nicht zurück in die Schule geschickt," sagt Edward Davis.

Der Bildungsexperte für Entwicklungsländer hat selbst viele Jahre in Afrika und unter anderem auch zur Zeit der Ebola-Epidemie im krisengeschüttelten Sierra Leone gelebt. "Nun ist Corona ein erheblicher Einschnitt in das Leben vieler Schulkinder, dessen Schwere sich vermutlich erst in einigen Monaten vollends zeigen wird", sagt Davis. "Das haben wir von Ebola lernen müssen." Wer den Schulabschluss nicht macht, kann als Erwachsener kaum eine gut bezahlte Arbeit finden. So können ganze Generationen geschwächt werden.

Aberglauben und Teenager-Schwangerschaften

Die Wiedereröffnung der Schulen in Sierra Leone nach der Ebola-Epidemie hat gezeigt, welche Probleme die Coronakrise nun in vielen Ländern des Kontinents für Schülerinnen und Schüler mit sich bringen könnte. Edward Davis hat nicht nur verfolgt, wie viele Jungen nicht mehr in die Klassenräume gekommen sind.

Er hat gesehen, wie viele Schulgebäude, die man zur Zeit der Krise als Hilfecenter nutzte, nach der Krise von der Bevölkerung aus Aberglauben gemieden wurden. Wie viele Lehrer nicht in den Schuldienst zurückkehrten, viele Lernlücken nur mühsam zu überbrücken waren. "Eins von sieben Kindern hat außerdem die eine oder andere Art von Behinderung. Diese Kinder können in Krisenzeiten oft nicht gut versorgt werden und verlieren schnell den Anschluss," sagt Davis. "Wer eine Hörbehinderung hat, kann zum Beispiel schlecht am Radiounterricht teilnehmen."

Eine Risikogruppe sind außerdem Mädchen. Auch das hat Ebola in Sierra Leone gezeigt. Je weniger Geld die Eltern haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass Töchter jung verheiratet werden. Denn sie ziehen dann in das Haus ihres Ehemannes, und in ihrer Familie gibt es ein Kind weniger, das ernährt werden muss. Eine Studie aus 2015  hat unter anderem ergeben, dass einige junge Frauen in Folge der Ebola-Epidemie gezwungen waren, sich zu prostituieren, um Geld für Nahrung aufzutreiben.

Favour aus Freetown, wurde während der Ebola-Epidemie 2014 mit 16 schwanger. Gemeinsam mit ihrem Sohn Gabriel besucht sie ein Gruppentreffen für junge Mütter, das Teenager-Eltern in der Hauptstadt unterstützt (Archiv)

Favour aus Freetown, wurde während der Ebola-Epidemie 2014 mit 16 schwanger. Gemeinsam mit ihrem Sohn Gabriel besucht sie ein Gruppentreffen für junge Mütter, das Teenager-Eltern in der Hauptstadt unterstützt (Archiv)

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Save the Children

Ein weiteres Problem, vor dem Hilfsorganisationen wie Save the Children nun warnen, ergibt sich aus den anderen: Teenagerschwangerschaften. Allerdings auch, weil Schulen als sichere Orte für Mädchen wegfallen und sie sich nun hauptsächlich zu Hause aufhalten müssen, wo manche von ihren Verwandten oder Nachbarn missbraucht werden. Nach einer Studie des United Nations Development Programme sind die Schwangerschaften minderjähriger Mädchen in der Ebola Krise in Sierra Leone um 65 Prozent gestiegen. Eine weitere Studie nennt die Auswirkungen von Ebola auf die ländliche Bevölkerung und junge Frauen: "Schlimmer als den Krieg" .

Aminata vermisst neben ihren Freunden am meisten den Gottesdienst, der sonst an jedem Morgen in ihrer Schule in Sierra Leone abgehalten wird. "Dort kommen alle zusammen und beginnen gemeinsam den Tag. Der Schulleiter spricht auch zu uns", sagt Aminata. "Ich mag, was er uns sagt. Jeden Tag wiederholt er für die Schülerinnen: Denkt daran, ihr seid Mädchen, keine Bräute."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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