Schläge, Schüsse, Demütigungen Afrikanische Staaten setzen die Ausgangssperre brutal durch

Armut, Enge und Hunger erschweren in vielen afrikanischen Ländern den Kampf gegen Corona. In Südafrika und einigen anderen Staaten greift die Polizei nun umso härter durch.
Ein Polizist in Kapstadt setzt die Ausgangssperre mit Gewalt durch

Ein Polizist in Kapstadt setzt die Ausgangssperre mit Gewalt durch

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PIETER BAUERMEISTER/ AFP

Kein anderes Land in Afrika ist bislang so sehr betroffen von Corona wie Südafrika. 1585 Fälle meldeten die Behörden am Samstagabend.

Und kaum ein Land hat so hart auf das Virus reagiert. Die Regierung von Präsident Cyril Ramaphosa hat eine Ausgangssperre verhängt, die strenger ist als in fast allen anderen Staaten, in- und außerhalb Afrikas.

Polizisten nehmen einen Mann in Johannesburg fest, der während des Lockdowns verbotenen Alkohol bei sich gehabt haben soll

Polizisten nehmen einen Mann in Johannesburg fest, der während des Lockdowns verbotenen Alkohol bei sich gehabt haben soll

Foto: LUCA SOLA/ AFP

Kein Joggen im Freien, kein Verkauf von Alkohol oder Zigaretten, kein Verlassen des Hauses außer für absolut notwendige Beschaffungen. Präsident Ramaphosa kündigte zudem Massentests an.

Seine Regierung erntet Lob für ihr entschlossenes Handeln. Doch Polizei und Armee in Südafrika gehen beim Versuch, die Ausgangssperre durchzusetzen, teils mit brutaler Härte vor. Mehr als 17.000 Menschen wurden während der ersten Woche wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre verhaftet. Bürger wurden auf den Straßen geschlagen, gedemütigt und sogar erschossen.

Die Polizistin Mandy Lawrence steht in einem Township am Rande von Kapstadt vor den Hütten aus Blech und Holz. Sie versucht, Verständnis für die Township-Bewohner wie für ihre Kolleginnen und Kollegen aufzubringen. "Es ist schwer für die Menschen, in ihren Hütten zu bleiben. Es ist sehr eng", sagt Lawrence.

Für viele Menschen ist das Virus nicht real

Für viele Menschen, sagt Lawrence, sei das Virus hier auch noch nicht real, sie verstünden nicht, warum sie ihre Häuser und Verschläge nicht verlassen dürften. Auch das sei ein Grund für das radikale Vorgehen der Polizei. "Es gibt Communitys, da verstehen es die Menschen nicht anders. Sie müssen diese Dinge leider sehen. Sie müssen sehen, dass es die Polizei ernst meint."

Lawrence weiß, wie schwer es werden wird, unter diesen Umständen eine Ausgangssperre durchzusetzen. "Eigentlich ist es unmöglich", sagt sie, während hinter ihr eine Kolonne Polizeiautos über eine staubige Piste fährt.

"Die Menschen sind darauf angewiesen, an den Ampeln zu betteln, um Essen auf den Tisch zu bringen." Und auch alle, die normalerweise in der Stadt arbeiteten, verdienten nun kein Geld mehr. Könnten sich bald nichts mehr zu essen leisten. "Das wird zu Spannungen führen."

Tränengas in Kenia

Auch im ostafrikanischen Kenia setzt die Polizei die abendliche Ausgangssperre mit Gewalt durch. Bereits am ersten Tag der neuen Corona-Präventionsrichtlinie, nach der die Menschen von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens zu Hause bleiben sollen, kam es zu Ausschreitungen.

Tausende Pendler in Mombasa wurden am Freitag der vergangenen Woche von Polizisten mit Tränengas beschossen und nach Medienangaben auch geschlagen . Anschließend mussten sie sich dicht gedrängt auf den Boden legen. Vielen tränten die Augen, viele mussten husten.

Polizeikräfte in Mombasa zwingen Menschen auf den Boden

Polizeikräfte in Mombasa zwingen Menschen auf den Boden

Foto: AP

Das harte Durchgreifen der Einsatzkräfte wurde international kritisiert. Der kenianische Polizeisprecher Charles Owino hat sich inzwischen öffentlich entschuldigt, nannte das Vorgehen "bedauerlich".

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch befürchtet in einem Statement, die Polizeigewalt in Kenia und anderen afrikanischen Staaten könnte der Prävention des Coronavirus im Wege stehen .

In Nigeria wurde ein Mann, der die Ausgangssperre nicht eingehalten hatte, erschossen

Das mangelnde Vertrauen vieler Afrikaner in ihre Regierungen ist eine der vielen Herausforderungen im Kampf gegen das Coronavirus. Je länger der Stillstand dauert, umso schwerer wird es vermutlich sein, auf den Einsatz von Polizisten zu verzichten.

Das gilt auch für Länder in Westafrika: wie Senegal, wo von ersten Unruhen berichtet wird, oder Nigeria, wo ein Mann, der die Ausgangssperre nicht eingehalten hatte, erschossen wurde.

Auch in Kampala, der Hauptstadt von Uganda, versuchen einige Menschen noch zu arbeiten, um an Geld zu kommen - allen Verboten zum Trotz. Polizisten wurden dabei beobachtet, wie sie Straßenverkäuferinnen schlagen. Landesweit sollen die Menschen für 32 Tage zu Hause bleiben.

Obstverkäuferinnen in Kampala werden von einem Polizisten geschlagen

Obstverkäuferinnen in Kampala werden von einem Polizisten geschlagen

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BADRU KATUMBA/ AFP

Die, die sich nicht daran halten, haben oft keine andere Möglichkeit. Ein Großteil der Bevölkerung lebt von der Hand in den Mund. Zu Hause bleiben bedeutet, kein Geld zu verdienen. Und wer kein Geld verdient, kann sich kein Essen leisten.

Ein Teufelskreis, der die Prävention von Covid-19-Infektionen in Afrika zusätzlich erschwert. Und die Stimmen werden lauter, die warnen, dass Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus womöglich mehr Menschenleben kosten könnten als eine Erkrankung daran. Auch auf anderen Kontinenten ist das bereits eine ernst zu nehmende Gefahr.

Am ersten Abend der Ausgangssperre in Kapstadt stand Maria, die in Wirklichkeit anders heißt, in einem Township vor dem Haus ihrer Cousine, in dem sie mit ihrer fünfjährigen Tochter den Tag verbracht hatte. "Die Polizei patrouillierte und begann Leute zu schlagen, wahllos, alle rannten weg", erzählt sie.

Maria lief zurück in das Haus ihrer Cousine, in deren Wohnzimmer sie auf einen Stuhl sank, ängstlich, erschrocken. Die Cousine hielt ihre Tochter. "Dann traten sie gegen die Tür." So lange, bis sie nachgab. Männer ohne Namensschilder an den Uniformen, Sturmhauben über die Köpfe gezogen, drängten in den Raum. Marias Cousine versuchte, die Tochter zu schützen, die Polizisten schlugen Maria und ihre Cousine trotzdem. So berichtet sie es.

Dann zerrten sie Maria vor die Tür, damit alle es sehen konnten, und schlugen sie weiter. "Mehr als 40 Mal", sagt sie und zeigt auf ihre Arme und Beine, die von roten Striemen und offenen Wunden übersät sind. Schließlich zerrten die Polizisten Maria wieder ins Haus und schlugen sie mit einem Sjambok, einer Nilpferdpeitsche aus Plastik. Dann gingen sie.

Maria, die normalerweise in einem Handyshop arbeitet, ist nicht nur wegen der Gewalt voller Sorge. "Das Geld", sagt sie, "reicht vielleicht noch für eine Woche. Wir haben große Angst vor dem Hunger."

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