Auswirkung der Coronakrise in Afrika Keine Binden, keine Gleichberechtigung

Mangel an Hygieneartikeln, Missbrauch und Genitalverstümmelung: Die Pandemie gefährdet auf dem afrikanischen Kontinent hart erkämpfte Erfolge für die Gleichstellung von Frauen.
Schülerin Thelma Mapika vor ihrem Elternhaus in Harare am ersten Tag des Lockdowns in Simbabwe. Seitdem kann sie nicht mehr zur Schule. Selbst wenn sie dürfte, wäre ihre Periode ein Hindernis - die Preise für Binden sind extrem gestiegen, und für viele sind sie kaum bezahlbar.

Schülerin Thelma Mapika vor ihrem Elternhaus in Harare am ersten Tag des Lockdowns in Simbabwe. Seitdem kann sie nicht mehr zur Schule. Selbst wenn sie dürfte, wäre ihre Periode ein Hindernis - die Preise für Binden sind extrem gestiegen, und für viele sind sie kaum bezahlbar.

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JEKESAI NJIKIZANA/ AFP

Globale Gesellschaft

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Seit mehr als einem Jahrzehnt ist es Rachael Gobas Job, jungen Frauen die Möglichkeiten zu eröffnen, die junge Männer haben. Zur Schule gehen zum Beispiel. Auch wenn sie ihre Tage bekommen. Goba, 35, gibt in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, Kurse, in denen sie den weiblichen Zyklus, den Gebrauch von Binden, Tampons und Verhütungsmitteln erklärt.

Sie spricht mit Mädchen über ihre Scham, die Periode ist dort ein Tabu. Sie fährt in ländliche Regionen und verteilt Damenbinden. Sie redet mit Eltern und überzeugt sie, dass es notwendig ist, ihre Töchter mit Hygieneprodukten zu versorgen.

Die Coronakrise hat die Arbeit für Rachael Goba erschwert. Der Lockdown hat über Wochen verhindert, dass sie in dem südafrikanischen Land reisen und Kurse anbieten, Kontakt zu Mädchen und Eltern halten kann. Vor allem aber fürchtet Goba nun, dass vieles, was sie in den vergangenen Jahren erreicht hat, verloren ist. "Covid-19 zerstört nahezu alles, was wir in Bezug auf Gleichberechtigung erarbeitet haben", sagt Goba. "Es ist furchtbar, das mit anzusehen."

Mit dieser Sorge ist Rachael Goba nicht allein. Die Folgen der Pandemie treffen Frauen härter als Männer. Nahezu überall auf der Welt wirkt sich die Coronakrise negativ auf die Emanzipation aus. Sie hat die Kraft, "die begrenzten Fortschritte des vergangenen Jahrzehnts wieder rückgängig zu machen", warnt ein Bericht  der Vereinten Nationen über die Auswirkungen von Covid-19 auf Frauen.

So steigen rund um die Welt zum Beispiel die Fälle häuslicher Gewalt im Lockdown. Mädchen und Frauen müssen zu Hause bleiben und sind dort öfter Misshandlungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Sie können nicht unbemerkt Hilfe rufen. Ihre Verletzungen bleiben der Gesellschaft verborgen. Und verlieren sie ihr Einkommen, sind sie oft von ihrem Peiniger abhängig.

In vielen Ländern Afrikas bedeutet Ungleichheit auch, dass junge Mädchen an ältere Männer verheiratet werden. Ungleichheit kann außerdem Genitalverstümmelung und erhebliche Gesundheitsrisiken  zur Folge haben. All diese Probleme werden nun durch die Pandemie verstärkt.

Schülerin Patience, 13, in Simbabwe: Schulschließungen im Lockdown führen besonders für Mädchen zu Problemen

Schülerin Patience, 13, in Simbabwe: Schulschließungen im Lockdown führen besonders für Mädchen zu Problemen

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Plan International Deutschland

Gleichberechtigung beginnt oft dort, wo man sie nicht zuerst vermutet. Der Zugang zu Bildung, also ein regelmäßiger Schulbesuch als Kind und Teenager mit der Chance, danach vielleicht eine Ausbildung oder einen Universitätsabschluss zu machen, eigenes Geld zu verdienen und unabhängig zu sein, ist für viele Mädchen auf dem afrikanischen Kontinent nicht selbstverständlich. Das hat viele Ursachen. Ein Faktor, der oft übersehen wird, obwohl er große Auswirkungen hat: Junge Frauen menstruieren. Sobald ihre Periode einsetzt, ist es für sie auch nicht mehr selbstverständlich, das Haus zu verlassen.

In Simbabwe und vielen anderen afrikanischen Ländern gelten Frauen während ihrer Monatsblutung als unrein. Viele Mädchen wissen nicht, was in ihrem Körper vor sich geht. Sie schämen sich dafür. Viele Familien können sich kaum Binden leisten. Abseits der großen Städte werden sie oft nicht mal verkauft. Die Folge: Junge Frauen gehen nicht zur Schule, wenn sie ihre Periode haben.

Menstruations-Hygienekit der Hilfsorganisation Afripads aus Uganda: Die Binden sind waschbar, mehrfach verwendbar und ermöglichen es Mädchen, während ihrer Regel das Haus zu verlassen

Menstruations-Hygienekit der Hilfsorganisation Afripads aus Uganda: Die Binden sind waschbar, mehrfach verwendbar und ermöglichen es Mädchen, während ihrer Regel das Haus zu verlassen

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Nyani Quarmyne/ Plan International Deutschland

Bei einer Umfrage , die Plan International Mitte Mai unter 61 Gesundheitsfachkräften aus 24 Ländern weltweit durchgeführt hat, gaben 81 Prozent an, dass Frauen durch die Pandemie kaum Zugang zu Menstruationsartikeln hätten. Lieferketten sind unterbrochen, viele Läden mussten schließen. Binden und Tampons sind so vor allem in einkommensschwachen Ländern knapp und auch teuer geworden. "In Simbabwe haben sich die Preise für Binden seit Anfang des Jahres verdreifacht und sind nun für viele Mädchen und Frauen unerschwinglich", sagt Goba. "Die meisten Familien haben in der Coronakrise ihr Einkommen verloren. Der Kauf von Nahrung hat Vorrang."

Weitere 75 Prozent gaben in der Umfrage an, dass Covid-19 "erhöhte Gesundheitsrisiken für Menschen, die menstruieren, bedeutet, da Ressourcen wie Wasser nun für andere Zwecke verwendet werden". Dazu gehört auch das häufige Händewaschen, dass zur Prävention einer Corona-Infektion empfohlen wird.

"Wir haben in Deutschland Klopapier gehortet", sagt Maike Röttger, 53, Geschäftsführerin von Plan International. "Das Gefühl, keins haben zu können, hat bei vielen eine wahnsinnige Unsicherheit ausgelöst. Da kann man sich leicht denken, was es für Mädchen bedeuten muss, wenn sie weder Binden noch fließend Wasser noch Toiletten mit abschließbaren Türen zum Schutz ihrer Privatsphäre haben."

Viele behelfen sich mit Handtüchern oder Stofffetzen, die sie aber wegen der Wasserknappheit nur schwer auswaschen können. Ein hygienisches Problem, das unter anderem zu Scheideninfektionen führen kann. "Einige benutzen auch Pflanzenblätter oder getrockneten Kuhdung, das ist besonders gefährlich", sagt Rachael Goba. Frauen sind so nicht nur durch ihre natürliche Körperfunktion benachteiligt, sie sind zudem einem erhöhten Risiko, zu erkranken, ausgesetzt.

Sexuelle Gewalt, Beschneidung und Zwangsheirat

Ein weiterer Faktor ist der Unterrichtsausfall. "Eine Krisensituation vergrößert immer Ungleichheiten in einer Gesellschaft", sagt Judy Gitau, 37, Expertin für internationales Strafrecht und Projektkoordinatorin für Afrika bei Equality Now , einer Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz und die Förderung der Frauenrechte einsetzt. "Die Covid-19-Krise ist auf vielen Ebenen äußerst bedrohlich für Mädchen und Frauen und das zugleich in vielen Ländern. Das hat sich schon nach den ersten Tagen gezeigt und nun bestätigt. Sie kommen nicht nur zu kurz, sie sind akut gefährdet." Ein Grund seien dabei vor allem die Schulschließungen.

"Wenn ein Mädchen beschnitten wird, kann es danach wegen der schweren Verletzungen nicht in die Schule gehen", sagt Gitau. In vielen Fällen bis zu ein halbes Jahr nicht. "Das merken die Lehrer, und sie werden Fragen stellen. Sie können die in vielen Ländern inzwischen verbotene Genitalverstümmelung anzeigen. Eltern wissen und fürchten das. Und das hilft dabei, dass sie ihre Töchter nicht beschneiden lassen." Im Lockdown gibt es die Kontrollinstanz der Schule nicht mehr. Und auch die meisten NGOs mussten ihre Arbeit einstellen.

Im gesamten Jahr 2019 hat die kenianische Regierung 870 Mädchen gezählt, die beschnitten wurden. Die gefährliche Praxis ist dort seit 2011 verboten, Präsident Uhuru Kenyatta wollte sie bis 2022 komplett eliminieren. Doch zwischen Januar und Mai 2020 wurden nun schon mehr als 1500 neue Fälle, bei denen meist die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane teilweise oder vollständig entfernt werden und die Öffnung der Vagina zugenäht wird, in Kenia registriert. Häufig geschieht das ohne Betäubung, mit Scherben oder Klingen, die nicht desinfiziert wurden.

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) geht davon aus, dass allein in diesem Jahr 290.000 Mädchen in Somalia auf diese Weise beschnitten werden. Außerdem warnt UNFPA davor, dass zwei Millionen Mädchen , die sonst vor der Genitalverstümmelung bewahrt worden wären, in der kommenden Dekade dem Risiko von Beschneidungen ausgesetzt sind - als direkte Folge der Coronakrise.

Der Grund, warum nun viele Eltern ihre Töchter dieser gefährlichen Prozedur aussetzen, ist die Armut, die ebenfalls aus der Pandemie resultiert. In vielen Ländern und vor allem traditionellen Gemeinschaften kann ein Mädchen nicht verheiratet werden, wenn es nicht beschnitten ist. Viele Eltern wollen ihre Töchter aber insbesondere jetzt verheiraten, weil sie als Folge der Lockdowns kein Einkommen mehr haben.

Jede Tochter, die das Haus verlässt, ist ein Kind weniger, das ernährt werden muss. Vielleicht kann sie es sogar besser als die Familie haben und ihre Eltern und Geschwister unterstützen. Häufig erhält der Vater eine Mitgift, die einem Lebensunterhalt von mehr als zwei Jahren entspricht.

Massai-Mädchen an der Imbirikani Girls High School in Kenia, 2016: Bei einer Infoveranstaltung gegen Genitalverstümmelung schauen sie einen Film auf einem Handy an

Massai-Mädchen an der Imbirikani Girls High School in Kenia, 2016: Bei einer Infoveranstaltung gegen Genitalverstümmelung schauen sie einen Film auf einem Handy an

Foto: Siegfried Modola/ REUTERS

So eine Heirat geschieht oft, aber nicht zwangsläufig gegen den Willen von Mädchen. Doch selbst wenn eine junge Frau zustimmt und körperlich unversehrt bleibt, kreiert die Hochzeit eine neue Abhängigkeit - von dem Ehemann. In mehr als 70 Prozent der afrikanischen Länder ist eine Verheiratung unter 18 Jahren gesetzlich möglich. Ehefrauen, seien sie auch noch so jung, gehen nicht zurück in die Schule und haben so auch kaum eine Chance, den oft generationsübergreifenden Kreislauf aus mangelnder Bildung, Abhängigkeit und Armut zu durchbrechen.

Dabei ist eine Hochzeit oft noch das kleinere Übel. "Die Ebola-Epidemie hat uns gelehrt, dass viele Mädchen nicht nur sexuell missbraucht wurden, als sie zu Hause bleiben mussten", sagt Judy Gitau. "Sie mussten auch zum Familieneinkommen beitragen oder, im Fall des Todes ihrer Eltern, plötzlich allein die Geschwister versorgen. Das führt oft zu Prostitution. In der absoluten Not verkaufen Eltern ihre Töchter."

Die Pandemie, das zeigt sich immer deutlicher, wird in vielen Teil der Welt weitreichende Folgen haben. In Bezug auf die Gleichstellung in Afrika wird es vermutlich viele Jahre dauern, um zu einem ähnlichen Zustand wie vor der Coronakrise zurückzukehren.

Bereits Anfang April schrieb Uno-Generalsekretär António Guterres auf Twitter: "Ich mahne alle Regierungen, die Sicherheit von Frauen an erste Stelle zu setzen, wenn es darum geht, die Pandemie zu bekämpfen." Hilfsorganisationen und Expertinnen pflichteten ihm bei. Plan International fordert, dass die Bundesregierung das Thema Menstruationshygiene in ihrem Corona-Sofortprogramm mitdenkt und entsprechende Mittel dafür zur Verfügung stellt. Bislang gibt es kaum staatliche Unterstützung.

Für Gitau ist das trotzdem kein Grund, die Hoffnung zu verlieren. "Covid-19 wirft uns weit zurück, aber wir geben nicht auf. Dieser Verlust zeigt auch, was es schon für Erfolge gab und dass sie möglich sind", sagt die Menschenrechtsaktivistin. "Wir müssen diese Krise nutzen, um den Fokus auf Mädchen und Frauen zu verstärken. Die Pandemie könnte uns sogar helfen. Sonst mussten wir oft erst noch beweisen, dass Frauen wirklich benachteiligt sind. Nun ist die Ungleichheit in einer großen Bandbreite und für alle sichtbar."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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