Gesundheitsminister in der Coronakrise Plötzlich Hauptdarsteller

Für Politiker war der Posten des Gesundheitsministers bisher eher eine Nebenrolle - und wenig attraktiv. Mit der Coronakrise wurden aber in diesen Ressorts europaweit neue Stars geboren. Drei Porträts.
Von Walter Mayr, Jan Puhl und Britta Sandberg - Wien, Hamburg, Paris
Olivier Véran (vorne): Frankreichs neuer Gesundheitsminister kämpft gegen das Coronavirus

Olivier Véran (vorne): Frankreichs neuer Gesundheitsminister kämpft gegen das Coronavirus

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JACQUES WITT/ AFP

Bisher kannte kaum jemand ihre Namen, im Kampf gegen das Coronavirus sind die europäischen Gesundheitsminister aber über Nacht zu Protagonisten der Krise geworden. Staats- und Regierungschefs verlassen sich auf ihre Empfehlungen, Bürger wollen von ihnen beraten und beruhigt werden.

Die No-Names von gestern kämpfen jetzt, wie der französische Präsident Emmanuel Macron sagt, "an vorderster Front in diesem Krieg". Und viele von ihnen machen das ziemlich gut.

Vier Stunden Schlaf und Chips im Büro: Olivier Véran in Paris

Er wurde wie mit einem Fallschirm über dem Krisengebiet abgeworfen: Erst am 16. Februar dieses Jahres ernannte Präsident Macron den 39-jährigen Neurologen Olivier Véran zum Gesundheitsminister. Zwei Tage zuvor war ein Sexvideo des "En Marche" -Kandidaten Benjamin Griveaux für die Pariser Bürgermeisterwahlen publik geworden. Vérans Vorgängerin wurde nach dessen Rücktritt zur Ersatzkandidatin berufen; der Posten im Gesundheitsministerium musste neu besetzt werden.

Olivier Véran: Ruhig, bestimmt und klar

Olivier Véran: Ruhig, bestimmt und klar

Foto: GEOFFROY VAN DER HASSELT/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Zeit zum Einarbeiten gab es also nicht, aber seither steht Véran, bis dahin Abgeordneter der Regierungspartei "La République En Marche", mit großer Selbstverständlichkeit neben Premier Édouard Philippe und erklärt den Franzosen wie bei einer Pressekonferenz am vergangenen Samstag ruhig, bestimmt und klar die Regierungspolitik.

"Ich habe mir vorgenommen, Ihnen alles zu sagen, was ich weiß. Aber ich sage auch, dass ich nicht alles weiß", so hat Véran sehr früh seine Kommunikationsstrategie umschrieben. Inhaltlich weicht er in vielem nicht vom Kurs seiner Vorgängerin Agnès Buzyn ab, ansonsten aber ist alles anders und der politische Stilwechsel radikal.

Während Buzyn es ablehnte, in TV-Livediskussionen zu gehen, stellt sich Véran jedem Vorwurf, jeder Debatte. Er sei der erste Gesundheitsminister, von dem er eine Handynummer habe, lobt der Vorsitzende der französischen Ärztegewerkschaft. Er antworte sogar auf SMS, sagt ein anderer.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Sehr früh sagte Véran in einem Interview mit dem "Parisien" angesichts der drohenden Gefahr durch die Corona-Infektionen in China: "Wir bleiben in maximaler Alarmbereitschaft." Das war am 22. Februar, er war gerade sechs Tage im Amt, in Frankreich war ein chinesischer Tourist gestorben und ein einziger Corona-Patient noch im Krankenhaus.

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Einige seiner Kollegen warfen ihm damals vor, er sei wohl ein wenig ängstlich. Diese Diskussion führt nun keiner mehr. Véran schläft seit Wochen nur noch vier Stunden pro Nacht und hält in seinem Büro größere Vorräte an Chips bereit. Er gehe nicht unter, er halte dem Ganzen stand, sagt Macron über ihn.

Und auch wenn in Frankreich weiterhin Millionen von Atemmasken und Schutzanzügen fehlen, was durchaus in den Verantwortungsbereich des Gesundheitsministers fällt, erreicht Véran historische Zustimmungswerte: 48 Prozent aller Franzosen haben ein positives Bild von ihm, damit liegt er nur ein Prozent hinter dem traditionell beliebten, amtierenden Außenminister.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Er habe einen Vorteil in dieser Krise, auf die er sich nicht vorbereiten konnte, sagte Véran vor Kurzem gegenüber "Le Monde": Als Bereitschaftsarzt im Krankenhaus sei er an lange Nächte gewöhnt; aus der Behandlung von Schlaganfallpatienten kenne er die Not, schnelle Entscheidungen zu treffen und diese danach auch zu vertreten. Am Wochenende kündigte er eine neue "Luftbrücke" mit China an, zu Wochenbeginn landete eine Transportmaschine mit zehn Millionen Atemmasken in Paris.

Katholik, unabhängig und Kardiologe: Lukasz Szumowski in Warschau

Ein Politiker ist endgültig ein Popstar, wenn Tageszeitungen Ratespiele zu seinem Privatleben veröffentlichen: "Was ist der Lieblingssport von Lukasz Szumowski?", fragt das Portal "GS24.pl" seine Leser. Die richtige Antwort: Boxen. Szumowski ist Gesundheitsminister in Warschau, ein Mann der in diesen Tagen eigentlich nur schlechte Nachrichten bereithält: Auch in Polen verhängt die Regierung immer strengere Ausgangssperren.

Trotzdem ist er zur Zeit der zweitpopulärste Politiker des Landes. Sogar Teile der Opposition sind angetan von seiner Politik, was selten ist in einem Land, das politisch zutiefst gespalten ist in ein Lager um die nationalkonservative Regierung und ihre liberalen Gegner. 

Von Tag zu Tag werden seine Augenringe auf dem Bildschirm dunkler: Polens Gesundheitsminister Lukasz Szumowski

Von Tag zu Tag werden seine Augenringe auf dem Bildschirm dunkler: Polens Gesundheitsminister Lukasz Szumowski

Foto: LESZEK SZYMANSKI/EPA-EFE/Shutterstock

Szumowski, ein Facharzt für Kardiologie, hält sich in der nationalkonservativen Regierung fern von ideologischen Debatten. Bis zur Krise erledigte er eher still seine Arbeit. Nun ist er täglich im Fernsehen zu sehen, spricht ruhig und präzise zu seinen Landsleuten. Er beschönigt die Lage nicht, von Tag zu Tag werden seine Augenringe auf dem Bildschirm dunkler.

Er sei das "Gesicht des Kampfes gegen Corona", schreiben die Zeitungen, denn er war es, der die schnelle, harte Abschottung Polens in der Krise durchsetzte. Auch die geplante Präsidentschaftswahl im Mai hat er schon infrage gestellt, jenseits aller Parteidisziplin. Die Regierung von der PiS-Partei will an dem Termin festhalten. "Ich bin Arzt", begründet Szumowski seinen Standpunkt.

Der 47-Jährige hat in Warschau Medizin studiert, nach dem Studium reiste er mit seiner Frau, einer Anästhesistin, nach Kalkutta und half dort in einem Krankenhaus von Mutter Teresa aus. Ein einziges Mal begegnete er der Friedensnobelpreisträgerin, wechselte ein paar Worte mit ihr. Er sagt, dies sei ein prägendes Ereignis für ihn gewesen.

Im katholischen Polen wird Mutter Teresa als Heilige verehrt. Auch Szumowski ist tief gläubig, lehnt Pille und Abtreibung strikt ab. Gemeinsam mit seiner Frau hat er vier Kinder, mit den großen Söhnen geht er regelmäßig zum Boxtraining.

Es gibt wenige Politiker in Polen, die keinen schlechten Ruf haben. In der Regel gelten sie als Streithähne, die ihre ganze Energie in den Kampf mit dem politischen Gegner stecken und wenig Sachkompetenz mitbringen. Szumowski gehört nun seit kurzer Zeit zu den wenigen Ausnahmen: Im Kampf gegen das Virus hat er sich als Familienvater, guter Katholik und kundiger Fachmann profiliert, dem die Gesundheit seiner Landsleute am Herzen liegt.

Professionelles Krisenmanagement und das Problem Ischgl: Rudolf Anschober in Wien

Rudolf Anschobers Problem heißt Ischgl. Hat er die frühzeitigen Warnungen aus dem Ausland vor einer ungehemmten Verbreitung des Coronavirus im Tiroler Skiort  ausreichend ernst genommen? An der Antwort auf diese Frage wird Österreichs Gesundheitsminister sich messen lassen müssen.

Bisher galt der Grüne Anschober als sachlich-ruhiger Protagonist des professionellen österreichischen Krisenmanagements. Im Ton hielt er die schwierige Balance zwischen angemessener Besorgnis und Zuversicht. Der "Rudi", wie er in der oberösterreichischen Heimat genannt wird, hat dem Großteil seiner Parteifreunde eines voraus: Er hat Erfahrung darin, Verantwortung zu tragen.

Rudolf "Rudi" Anschober: "Es ist ein Ringen um jede Bestellung"

Rudolf "Rudi" Anschober: "Es ist ein Ringen um jede Bestellung"

Foto: LEONHARD FOEGER/ REUTERS

Mehr als 16 Jahre lang diente Anschober als Minister in der Landesregierung in Linz. Erst vor acht Wochen unter Bundeskanzler Sebastian Kurz in die österreichische Regierung befördert, steht er nun an vorderster Front im Kampf gegen die tief greifendste Krise, die das Land seit Ende des Zweiten Weltkriegs erfasst hat.

Anschober ist ein Pionier der Öko-Partei in Österreich und ein Anti-Atomkraft-Aktivist der ersten Stunde. Fast vier Jahrzehnte später ist er mit einem neuen unsichtbaren Feind konfrontiert, der auf andere Art gefährlich ist: Das Coronavirus hat in Österreich bereits über 108 Todesopfer gefordert. Die Zahl verdoppelte sich zuletzt beinahe täglich. Mehr als 9000 Österreicher sind mittlerweile infiziert.

Die Regierung in Wien sei weltweit aktiv und gut gerüstet, sagte Anschober vergangene Woche, als es um dringend benötigte Schutzanzüge und Atemmasken ging. Seine Anspannung konnte er dabei nicht verbergen: "Es ist ein Ringen um jede Bestellung."

Dem Minister, laut dem Nachrichtenmagazin "profil" ein "Meister der Beharrung", kommt in dieser Krise seine Zähigkeit zugute. Anschobers Arbeitseifer ist legendär, sein offener Umgang mit dem eigenen zwischenzeitlichen Burn-out Teil der Verarbeitung.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Gerade weil ihm Prestigedenken fremd ist, ihm das Gemeinwohl hingegen am Herzen liegt, wirkt der Ressortchef für Gesundheit vertrauenerweckend - selbst auf solche Österreicher, die einen Grünen in der Regierung noch vor Kurzem als Vorboten einer Naturkatastrophe bewertet hätten.

Die schwersten Wochen könnten für ihn allerdings noch kommen. Dann, wenn die Zahl der Erkrankten weiter steigt und sich herausstellen sollte, dass nicht nur auf regionaler Ebene, sondern auch im Gesundheitsministerium in Wien die Alarmsignale von Rückkehrern aus den Corona-Brutstätten in Tirol zu lange überhört wurden.

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