Virus und Verbrechen Wie Corona die Kriminalität verändert

Leere Straßen, geschlossene Grenzen: Die Coronakrise lässt die Zahl vieler Straftaten weltweit sinken - und trifft Kartelle und Mafiagruppen hart. Doch einige Kriminelle passen sich der neuen Lage an. Der Überblick.
Polizeiautos in New York: leere Straßen, weniger Straftaten

Polizeiautos in New York: leere Straßen, weniger Straftaten

Foto: MIKE SEGAR/ REUTERS

In mehr als 20 Dienstjahren beim NYPD ermittelte Joseph Giacalone in Tausenden Mordfällen. Den Rückgang der Straftaten in New York City in den Neunzigerjahren, einen der stärksten der US-Geschichte, erlebte er ebenso an vorderster Front mit wie die Tage nach dem 11. September 2001, als die Zahl der Verbrechen in der Stadt kurzzeitig rapide sank. Doch eine Entwicklung wie die der vergangenen Wochen, sagt der Detective Sargeant im Ruhestand dem SPIEGEL, habe es noch nicht gegeben.

Seit Wochen wütet das Coronavirus in der Metropole , die wie kein anderer Landesteil von der Pandemie getroffen wurde. Zur Eindämmung wurden drastische Maßnahmen erlassen; die Menschen bleiben zu Hause, die Straßen sind leer. Eine Folge: weniger Gelegenheiten für einige der schwersten Straftaten.

In den vier Wochen zwischen dem 8. März und dem 4. April sank die Zahl der Gewaltdelikte in New York gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp ein Viertel. Morde gingen um ein Fünftel zurück, Vergewaltigungen fast um die Hälfte. Auch gab es deutlich weniger Raubdelikte und tätliche Angriffe.

Vergleichbare Rückgänge gebe es allenfalls im Zuge extremer Wetterereignisse, sagt Christopher Herrmann, Dozent am New Yorker John Jay College of Criminal Justice, dem SPIEGEL. Die aktuelle Lage unterscheide sich davon aber sowohl örtlich als auch zeitlich: "Ein Hurrikan trifft in der Regel nur einzelne Landesteile, Gleiches gilt für extremen Schneefall. Die Auswirkungen sind außerdem kurzfristig: zwischen einem und fünf Tagen", sagt Herrmann. Die Pandemie und der Lockdown hingegen treffen, wenn auch in unterschiedlichem Maße, das ganze Land - und dauern schon jetzt mehrere Wochen.

Es überrascht deshalb nicht, dass sich die Lage anderswo im Land ähnlich darstellt wie in New York. Herrmann hat für den genannten Zeitraum Statistiken aus zehn weiteren US-Großstädten zusammengetragen. In Chicago, seit Jahren ein Hauptschauplatz von Bandengewalt, ging die Mordrate um 44 Prozent zurück, in Los Angeles um 48 Prozent.

Leere Straßen in Los Angeles: halbierte Mordrate

Leere Straßen in Los Angeles: halbierte Mordrate

Foto: MARIO TAMA/ AFP

Der Trend ist nicht nur in den USA zu beobachten, sondern weltweit:

  • In Peru ging die Kriminalitätsrate laut Präsident Martín Vizcarra um mehr als 80 Prozent zurück, nachdem das Land eine der strengsten Ausgangssperren Lateinamerikas verhängte. Bestatter in der Hauptstadt Lima berichten  von Tagen, an denen sie kaum zu tun bekommen.

  • Im kolumbianischen Medellín, einst als Heimat des Drogenbosses Pablo Escobar berüchtigt, fiel nach offiziellen Angaben die Zahl der Morde im März auf 18, den niedrigsten Wert seit 40 Jahren.

  • Südafrikas Polizeiministerium zufolge entsprach die Zahl der Morde und Vergewaltigungen in der ersten Woche des Lockdowns jeweils einem Bruchteil derer im Vorjahreszeitraum.

  • Auch in Indien und Indonesien melden Behörden einen erheblichen Rückgang schwerer Straftaten.

Für Entspannung bei Ermittlern sorgen die Ausgangssperren dennoch nicht: Zum einen wird mit der schrittweisen Aufhebung der Beschränkungen auch die Zahl der Morde und Raubdelikte wieder steigen – auch wenn bisweilen die Hoffnung geäußert wird , dass die Lockdown-bedingte Auszeit etwa bei sehr jungen Straftätern zu einer langfristigen Änderung der Gewohnheiten führen und so einen dauerhaften Effekt haben könnte.

Zum anderen steigt, wenn weite Teile der Bevölkerung unter Hausarrest stehen, die Gefahr anderer Delikte. "Meine größte Sorge ist häusliche Gewalt", sagt Joseph Giacalone. Das gelte umso mehr, weil Alkohol in New York auch während des Lockdowns erhältlich bleibe. Die Befürchtung wird in Behörden und Organisationen auf der ganzen Welt geteilt – zuletzt trug auch Uno-Generalsekretär Antonio Guterres sie vor.

"Meine größte Sorge ist häusliche Gewalt"

Joseph Giacalone, Ex-Polizist aus New York

Erste Zahlen zeigen: Die Sorge ist berechtigt. Frankreich verzeichnete bei den gemeldeten Fällen häuslicher Gewalt einen Anstieg von 30 Prozent. Eine Analyse von rund 100.000 Polizeiberichten aus fünf US-Großstädten durch den "Economist"  legt einen Zuwachs von rund fünf Prozent nahe. Betreiber von Notruf-Hotlines für misshandelte Frauen von China bis Spanien berichten von einer deutlichen Zunahme an Anrufen während des Lockdowns.

Das Problem ist womöglich noch größer: Bei Opfern häuslicher Gewalt gilt die Hemmschwelle als besonders hoch; Übergriffe sollen vergleichsweise selten zur Anzeige gebracht werden. Die räumliche Nähe und gefühlte Ausweglosigkeit, die Ausgangssperren mit sich bringen, könnten das noch verschärfen.

Ausgangssperren: gut oder schlecht für Autoknacker?

Während Ausgangssperren das Potenzial für Gewalt in der Öffentlichkeit und manche Formen der Straßenkriminalität reduzieren, findet eine Verschiebung hin zu anderen Delikten statt. Kaum jemand passe sich neuen Gegebenheiten so gut an wie Kriminelle, sagt Joseph Giacalone.

Laut Europol  haben sie die Coronakrise schnell für neue Aktivitäten genutzt: Sie vertreiben minderwertige Maskenimitate und nutzen die Knappheit im Bereich der Schutzausrüstung für Betrug in Millionenhöhe. Mehrere EU-Staaten berichten von einer neuen Masche, die Kriminelle für Diebstähle nutzen: Sie geben sich als medizinisches Personal aus, das Hygienemittel verteilt oder vermeintliche Coronatests durchführt, und verschaffen sich so Zugang zu Wohnungen.

Die Frage, ob die veränderten äußeren Umstände eine Chance oder ein Hindernis für Straftaten sind, scheinen Kriminelle an verschiedenen Orten unterschiedlich zu beantworten. So haben in den USA Autodiebstähle in der Coronakrise zugenommen. In Bosnien hingegen hadern Diebe laut einem Bericht  der Global Initiative Against Transnational Organized Crime (GI-TOC), einem Netzwerk von Experten für organisierte Kriminalität (OK), mit der Situation: Es sei schwieriger, unbemerkt Autos zu knacken, wenn die Straßen still und menschenleer sind.

"Die Mafia ist wie das Coronavirus"

Im Bereich der grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität hat die Coronakrise zu ähnlichen Verwerfungen geführt wie in der legalen Wirtschaft. Geschlossene Grenzen, Reisebeschränkungen und leere Straßen unterbrechen Lieferketten und erschweren den Absatz.

Mexikos Kartelle etwa durchleben derzeit ihre ganz eigene Globalisierungskrise. Bei der Herstellung synthetischer Drogen wie Methamphetamin und Fentanyl sind sie auf chemische Grundstoffe aus China angewiesen. Der Sitz eines der Hauptlieferanten: die bis vor Kurzem noch abgeriegelte Stadt Wuhan.

"Manche OK-Aktivitäten sind durch Kontaktsperren und Reisebeschränkungen gehemmt und werden sich erst mit der Zeit wiederherstellen lassen", heißt es im GI-TOC-Bericht. Dagegen böten sich in den Bereichen Cyber und Gesundheit neue Gelegenheiten. In Italien etwa machten sich Mafiagruppen schon seit Jahren im Gesundheitsbereich breit. "Die Mafia ist wie das Coronavirus", zitieren die Autoren des Berichts den italienischen OK-Experten Sergio Nazzaro. "Sie kriegt dich, wo immer du bist."

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