Corona und Migration Wenn die Schwester keine Dollar mehr schickt

Migranten schicken jährlich Hunderte Milliarden Dollar in ihre Herkunftsländer. Ihre Angehörigen sind meistens darauf angewiesen. Doch in der Coronakrise drohen diese Zahlungen wegzubrechen.
Bauarbeiter in Dubai: Geldsendungen als "versteckter Motor der Globalisierung"

Bauarbeiter in Dubai: Geldsendungen als "versteckter Motor der Globalisierung"

Foto: Kamran Jebreili/ AP

Eine Farmarbeiterin hilft in Florida bei der Ernte und unterstützt mit einem Teil ihres Lohns Verwandte in Guatemala. Ein Mittzwanziger aus Nepal arbeitet auf einer Baustelle in Abu Dhabi, was seiner jüngeren Schwester den Schulbesuch ermöglicht. Ein Mann aus Uganda fährt in Nordamerika Lastwagen; vom Geld, das er in die Heimat sendet, bezahlt seine Frau die Rechnungen, die in ihrem Friseursalon anfallen.

Nach Uno-Schätzungen  gab es 2019 weltweit rund 272 Millionen Migranten. Viele von ihnen schicken regelmäßig Geld an Familienmitglieder in ihren Herkunftsländern. Die Migranten sind oft arm, die Angehörigen noch ärmer. Umso mehr sind sie deshalb auf die Geldsendungen, sogenannte Remissen, angewiesen.

Geldsendungen brechen wegen Corona ein

Diese sind längst zum Wirtschaftsfaktor geworden. In Ländern wie Haiti, Südsudan, Kirgisien und Nepal machen sie rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus. Laut Weltbank belaufen sich Remissen längst auf das Dreifache dessen, was arme Länder an Entwicklungshilfe bekommen. Im vergangenen Jahr schickten Migranten insgesamt 554 Milliarden Dollar in Entwicklungs- und Schwellenländer, ein Rekordwert, der erstmals auch den Gesamtbetrag ausländischer Direktinvestitionen überstieg. Die "Financial Times"  feierte die Geldsendungen als "versteckten Motor der Globalisierung".

In der Coronakrise kommt dieser nun ins Stottern. Die Weltbank rechnet für das laufende Jahr mit einem beispiellosen Einbruch. Demnach könnten die Pandemie und die zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maßnahmen zu einem Rückgang der Geldflüsse in Entwicklungs- und Schwellenländer um ein Fünftel (knapp 110 Milliarden Dollar) führen.

"Viele Haushalte auf der ganzen Welt, die dank der Geldsendungen emporgehievt wurden, werden wieder in Armut stürzen", sagt Dilip Ratha, leitender Ökonom der Weltbank für Migration und Remissen. Das Geld, das Migranten aus dem Ausland schicken, sichere ihren Angehörigen häufig die Befriedigung grundlegendster Bedürfnisse, von der Unterkunft bis zur medizinischen Versorgung. In Ostafrika, das parallel mit einer Heuschreckenplage kämpft, könnte sogar die Ernährungssicherheit gefährdet sein.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die Krise trifft viele Migranten gleich dreifach. Da ist zunächst der Verlust von Einkommen: Schließungen in der Wirtschaft haben schon jetzt Millionen Arbeitnehmer auf der Welt in die Arbeitslosigkeit getrieben. Ausländische Arbeiter sind hier besonders anfällig, da sie häufig zu den ersten gehören, die in einer Krise ihren Job verlieren. Auch staatliche Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft kommen nach Einschätzung der Weltbank Migranten und ihren Familien daheim bisher kaum entgegen.

Reisebeschränkungen auf der ganzen Welt sind für manche zu einer Falle geworden: Sie können weder arbeiten noch in ihre Herkunftsländer zurückkehren.

Schließlich ist es auch das Versenden von Geld in der Coronakrise schwieriger geworden. Viele ärmere Migranten haben kein Bankkonto und auch keine Möglichkeit, online Geld zu transferieren. Sie sind deshalb darauf angewiesen, persönlich Bargeld bei einem Dienstleister abzuliefern, der sich dann um den Transfer kümmert. Dabei handelt es sich häufig um Läden an der Ecke, die den Service zusätzlich zu ihrem normalen Geschäft anbieten. Infolge der Pandemie sind diese Läden nun vielerorts geschlossen.

Die Krise trifft die reiche und die arme Welt gleichzeitig

Die aktuelle Krise trifft reiche und arme Länder gleichzeitig. In der Vergangenheit gingen Wirtschaftsflauten und Naturkatastrophen in ärmeren Weltgegenden regelmäßig mit einer Zunahme von Remissen einher. Je größer die Not daheim, desto höher die Beträge, die Migranten schickten.

Nun aber haben nicht nur die Daheimgebliebenen Geldsorgen, sondern auch die Verwandten in reicheren Ländern. Zur Pandemie hinzu kommt der Verfall des Ölpreises. Dieser trifft Russland hart, wo viele Migranten aus Ex-Sowjetrepubliken in Osteuropa und Zentralasien arbeiten. Auch die Golfstaaten wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate leiden darunter. Ausländische Arbeiter dominieren dort den privaten Beschäftigungsmarkt, weshalb aus diesen Ländern besonders viel Geld verschickt wird.

Mit dem stärksten Rückgang rechnet die Weltbank bei Geldsendungen nach Europa und Zentralasien (27,5 Prozent). Dahinter folgen Afrika südlich der Sahara (23,1 Prozent) und Südasien (22,1 Prozent) sowie der Nahe Osten und Nordafrika (19,6 Prozent). Die Geldflüsse nach Lateinamerika und in die Karibik könnten um 19, 3 Prozent zurückgehen, die nach Ostasien und in die Pazifikregion um 13 Prozent.

Für das kommende Jahr sagt die Weltbank eine leichte Erholung und einen Anstieg um 5,6 Prozent auf 470 Milliarden Dollar voraus. Der mittelfristige Ausblick sei jedoch von großer Unsicherheit geprägt, sagt Weltbank-Ökonom Ratha. Geldversand-Dienstleister, so seine Empfehlung, sollten während der Pandemie als systemrelevant angesehen werden und geöffnet bleiben.

Dafür spricht, dass Geldsendungen in der Coronakrise zwar knapper, für arme Länder aber zugleich wichtiger werden dürften. Denn bei ausländischen Direktinvestitionen rechnet die Weltbank mit einem noch stärkeren Rückgang.

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