Corona bedroht Geflüchtete "Migranten sind nicht das Risiko. Sie sind in Gefahr"

Auch in Westafrika haben viele Staaten ihre Grenzen wegen Corona abgeriegelt. Tausende Flüchtlinge sitzen fest. Die Migrationsexpertin Florence Kim fordert Europa auf, den Gestrandeten zu helfen.
Ein Interview von Benjamin Moscovici
Migranten im Niger: Viele sitzen in der Wüste fest

Migranten im Niger: Viele sitzen in der Wüste fest

Foto: © Joe Penney / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL: Frau Kim, Sie hatten gerade eine Telefonkonferenz mit den Chefs sämtlicher IOM-Missionen in Westafrika. Wie sieht die aktuelle Lage entlang der Migrationsrouten aus?

Kim: Die Situation ist sehr ernst. Migranten sind derzeit besonders von den Reisebeschränkungen und anderen Präventionsmaßnahmen in der Region betroffen. Viele sitzen jetzt irgendwo mitten in der Wüste oder in unseren Transitzentren fest. Diese Leute können weder vor noch zurück.

"Die Leute können weder vor noch zurück"

SPIEGEL: Wie viele Menschen sind betroffen?

Kim: Wie viele genau, können wir nicht sagen. Aber allein in unseren Transitzentren sind mehr als 2500. Das sind Menschen, die sich entschlossen haben, an unseren Programmen zur freiwilligen Rückkehr teilzunehmen und die jetzt darauf warten, in ihre Heimat zurückgebracht zu werden.

SPIEGEL: Können Reisebeschränkungen und geschlossene Grenzen Migranten denn wirklich daran hindern, von einem Land ins nächste zu kommen?

Kim: Seit Anfang des Jahres beobachten wir einen Rückgang von Migrationsbewegungen um 12 Prozent. Aber noch ist es zu früh, daraus Rückschlüsse zu ziehen. Klar ist: Tausende Migranten sind derzeit gestrandet und können nicht wochenlang in der Schwebe hängen und darauf warten, dass die Grenzen wieder geöffnet werden.

SPIEGEL: Wie groß ist das Risiko, dass sich das Virus entlang der Migrationsrouten ausbreitet?

 Kim: Einige rechtsgerichtete Politiker versuchen gerade, das Virus für ihre politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Manche haben behauptet, afrikanische Migranten könnten das Virus nach Europa einschleppen. Das stimmt natürlich nicht. Tatsächlich können wir beobachten, wie sich das Virus in der entgegengesetzten Richtung verbreitet. Die ersten Fälle von Covid-19 in Afrika wurden per Flugzeug eingeschleppt. Fast immer aus Europa.

"Irreguläre Migranten sind nicht das Risiko. Sie sind es, die in Gefahr sind"

SPIEGEL: Aber könnten Migranten das Virus innerhalb Westafrikas weiterverbreiten?

 Kim: Es braucht keine Migranten, um die Krankheit zu verbreiten. Das Virus ist bereits in fast allen afrikanischen Staaten. Schon ein einziger erster Fall kann den gleichen exponentiellen Anstieg von Infektionen lostreten, den wir in Italien, Deutschland oder den USA erlebt haben. Irreguläre Migranten sind nicht das Risiko. Sie sind es, die in Gefahr sind.

SPIEGEL: Wo genau liegen die Risiken?

Kim: Eine unserer größten Ängste ist ein Ausbruch in Transitzentren. Das wichtigste befindet sich zurzeit in Agadez, einer Wüstenstadt im Niger, wo mehrere zentrale Migrationsrouten zusammentreffen. Diese Einrichtung ist für rund 1000 Menschen ausgelegt. Aber schon jetzt leben dort deutlich mehr. Und die Zahlen steigen jeden Tag. Hygiene ist unter diesen Umständen eine gewaltige Herausforderung. Social Distancing ist völlig unmöglich.

SPIEGEL: Wie verhindert man einen Ausbruch in einem solchen Lager?

Kim: Wir arbeiten mit der Weltgesundheitsorganisation und verschiedenen humanitären Gruppen zusammen, um so gut es geht Präventionsmaßnahmen umzusetzen und medizinische Versorgung anzubieten. Für das Transitzentrum im Niger haben wir inzwischen zwei weitere Einrichtungen aufgebaut, wo Neuankömmlinge isoliert werden können. Aber es geht nicht nur um die Transitzentren. In Ländern wie Mali, Burkina Faso oder in Nigeria haben Millionen ihre Häuser verlassen, weil sie vor Hunger oder Gewalt fliehen mussten. Diese sogenannten IDPs oder Binnenflüchtlinge haben alles verloren. Viele leben in Lagern. Diese Leute sind extrem gefährdet.

SPIEGEL: Was passiert, wenn das Virus in ein solches Lager eingeschleppt wird?

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Kim: Das wäre verheerend. Die Menschen in IDP-Camps sind extrem verwundbar. Neugeborene, Kinder, Alte, Menschen, deren Immunsystem oft durch Krankheiten und Mangelernährung geschwächt ist. Außerdem leben die Menschen teils auf sehr engem Raum zusammen. Ein Ausbruch könnte unter diesen Bedingungen zu einer totalen Katastrophe werden.

SPIEGEL: Was kann man machen?

Kim: Wir versuchen Seife, Desinfektionsmittel und Wasserpumpen bereitzustellen. Und wir leisten viel Aufklärungsarbeit. Das reicht natürlich nicht. Wir bräuchten sehr viel mehr Unterstützung. Aber jetzt, wo die wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt ihre eigene Krise haben, dürfte es sehr schwer werden, mehr Geld für Flüchtlinge, Migranten und Vertriebene zu bekommen.

"Eine Pandemie kennt keine Staatsgrenzen"

SPIEGEL: Gibt es denn gar keine Hoffnung?

Kim: Doch, die gibt es. Wenn diese Krise uns eines gezeigt hat, dann, dass wir alle gemeinsam in dieser Geschichte stecken. Eine Pandemie kennt keine Staatsgrenzen. Am Beispiel Chinas haben wir gesehen: Deren Krise ist ganz schnell zu unserer Katastrophe geworden. In einer globalisierten Welt können wir es uns nicht erlauben, uns gegenseitig nicht zu helfen.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass der Corona-Ausbruch das Verhältnis zwischen Europa und seinen afrikanischen Nachbarn tatsächlich nachhaltig verändern wird?

Kim: Sie hatten nach Hoffnung gefragt. Vielleicht fallen wir, sobald die Krise vorbei ist, wieder in alte Muster. Aber ich hoffe, dass Europa jetzt versteht, dass es in seinem eigenen Interesse liegt, die Region zu stabilisieren, in Sicherheit und funktionierende Gesundheitssystem vor Ort zu investieren. Ansonsten ist die nächste globale Katastrophe nicht weit.

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