Viele Infizierte, kaum Tote Das russische Zahlenrätsel

Russland hat so viele Corona-Kranke wie kaum ein anderes Land, aber erstaunlich wenig Tote. Westliche Medien bezweifeln die Statistik. Nun schlägt der Kreml zurück.
Von Christian Esch, Moskau
Beerdigung eines Corona-Opfers in Russland

Beerdigung eines Corona-Opfers in Russland

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Dmitri Lovetsky/ dpa

Wer die Aussagekraft der offiziellen russischen Corona-Statistik infrage stellt, der muss sich künftig darauf gefasst machen, einen Brief vom russischen Außenministerium zu bekommen. So ist es gerade der "New York Times" und der "Financial Times" ergangen. Beide Zeitungen haben diese Woche die Vermutung aufgestellt, dass die gemeldeten Covid-19-Todesfälle die tatsächliche Zahl nur zum kleineren Teil erfassen.

Eine "Desinformationskampagne" und den Versuch, "die Lage zu destabilisieren", monierte anschließend die Sprecherin des russischen Außenministeriums - schließlich sei es merkwürdig, dass zwei ausländische Zeitungen gleichzeitig zu ähnlichen Schlüssen kämen. Man habe deshalb die Redaktionen angeschrieben und werde sich auch an OSZE, Unesco und das Uno-Sekretariat wenden.

Sind die Russen weniger anfällig?

Das ist eine merkwürdig rabiate Reaktion auf zwei nüchterne Texte, die auf die jüngst veröffentlichten Zahlen zur Gesamtsterblichkeit in Moskau blicken - und dabei zu Ergebnissen gelangen, die sich mit jenen russischer Medien weitgehend decken. Aber es steht eine größere Frage dahinter, die der Kreml offenbar als politisch brisant einschätzt: die Frage, warum Russland bis heute eine so auffällig niedrige Todesrate aufweist.

2418 Menschen sind in Russland offiziell an Covid-19 gestorben – in Deutschland sind es dreimal so viel, in Frankreich zehnmal, in Großbritannien vierzehnmal. Zugleich hat Russland aber eine Rekordzahl an Infektionen gemeldet: 262.842, mehr als jedes andere Land außer den Vereinigten Staaten.

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Wie passt das zusammen? Wird in Russland anders gezählt? Wird dort besser geheilt? Oder sind die Russen weniger anfällig?

Die neuen Zahlen zur Moskauer Statistik zeigen einen deutlichen Anstieg der Gesamtsterblichkeit in diesem Frühjahr. Demnach meldeten die Ämter für diesen April 11.846 Todesfälle - das sind 1720 Fälle mehr, als es für den Monat April im Schnitt der vorangegangenen fünf Jahren üblich waren.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Corona-Epidemie hinter dem ungewöhnlichen Anstieg steht. Aber die offizielle Zahl der Corona-Todesfälle lag für April nur bei rund 640. "Nach meinen Berechnungen lag die Gesamtzahl aller Todesfälle im April 1700 bis 2000 über der Norm", sagt ein Demograf, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Das wäre dreimal mehr, als in der offiziellen Corona-Statistik ausgewiesen ist. Diese Zahl schließt aber auch indirekte Opfer der Epidemie ein - etwa Menschen mit ganz anderen Erkrankungen, die nicht behandelt werden konnten."

In Russland ist es - anders als in anderen Ländern - allerdings ohnehin nicht üblich, Corona-Infizierte nach ihrem Tod automatisch als Opfer des Virus zu zählen. Stattdessen wird in einer Obduktion die genaue Todesursache ermittelt. Der Pathologe entscheidet, ob überhaupt eine Covid-Erkrankung vorliegt und ob sie bedeutsamer war als andere Erkrankungen des Patienten.

Und das gilt offenbar nur für eine Minderheit der Infizierten, wie aus einer Stellungnahme der Gesundheitsverwaltung von Moskau hervorgeht. Die Diagnosen der Pathologen seien "extrem genau", heißt es darin. "In mehr als 60 Prozent der Todesfälle liegen offenkundige alternative Todesursachen vor."

Die Stellungnahme, eigentlich als Widerlegung der Artikel von "New York Times" und "Financial Times" angekündigt, bestätigt damit deren Tenor.

"Das ist ein von oben gelenktes System: Gesundheitsministerium - Regionen - Chefarzt - Pathologe. Und der schreibt, was man von ihm verlangt"

Die große Rolle der Obduktion und der Spielraum des Pathologen haben aber auch Nachteile. Das Nachrichtenportal Meduza erfuhr von Pathologen, dass auf sie Druck ausgeübt werde, um Covid-19-Diagnosen zu vermeiden.

Tatsächlich sind die Corona-Statistisken in manchen Regionen offenkundig ungenau. "In Baschkirien gab es plötzlich 18 Tage lang keinen einzigen Covid-Todesfall mehr", sagt ein anderer Demograf, auch er will nicht genannt werden. "Das ist ein von oben gelenktes System: Gesundheitsministerium - Regionen - Chefarzt - Pathologe. Und der schreibt, was man von ihm verlangt."

Aber selbst wenn die Statistik der Corona-Toten, verglichen mit westeuropäischen Statistiken, um den Faktor drei korrigiert werden müsste - sie wäre auch dann noch deutlich besser als in den meisten Ländern. Russland hätte dann so viele Todesfälle wie Deutschland, bei deutlich mehr Infektionen und einer größeren Bevölkerung. Auch Moskau, wo sich die Hälfte der Fälle konzentriert, schneidet gut ab.

Es muss also, neben der Statistik, andere Gründe für die niedrige Sterblichkeit geben: Die Tatsache etwa, dass man sich länger auf die Epidemie vorbereiten konnte, die strengen Ausgehbeschränkungen, die ohnehin niedrigere Lebenserwartung, die verhältnismäßig geringe Zahl an Altersheimen.

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