Coronawaisen in Brasilien Kinder, die ihre Mütter nie kannten

Die Coronapandemie hat in Brasilien mehr als 280.000 Waisen hinterlassen. Die meisten leben in Armut und ohne staatliche oder psychologische Hilfe. Sie sind auf Spenden angewiesen – und ihre Großmütter.
Aus Manaus, Brasilien, berichten Nicola Abé und Rogério Vieira (Fotos)
Die Mutter Edison starb im vergangenen Jahr kurz nach seiner Geburt an Corona

Die Mutter Edison starb im vergangenen Jahr kurz nach seiner Geburt an Corona

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Das letzte Mal als Cristiano seine Mutter sah, stieg sie die steile, rostige Metalltreppe zur Haustüre hinauf, eine schwarzhaarige Frau mit großem, rundem Bauch, schwanger im achten Monat. Es ging ihr nicht gut, sie hatte Fieber, musste sich auf ihren Freund stützen. Sie sah Cristiano noch einmal an. »Er spricht immer wieder von diesem Moment«, sagt Elionete da Silva, seine Großmutter.

Rund eineinhalb Jahre später sitzt Cristiano, 9, in der Küche eben jener Wohnung in einer Favela im Osten der brasilianischen Stadt Manaus. Der Junge sieht müde aus. Die Wände sind hellblau gestrichen, das einzige Fenster ohne Glas, ein Herd, ein Kühlschrank, ein altes Sofa. Viel mehr haben sie nicht. Cristiano kniet auf dem Boden neben seinem kleinen Bruder, der ihre Mutter nie kennengelernt hat. Sie spielen mit einem Lastwagen aus Plastik. Die Kinder wachsen jetzt bei der Oma auf.

Die Mutter von Cristiano, 9, und Edison, 1, starb im vergangenen Jahr an Corona. Ihren jüngeren Sohn hat sie nie gesehen

Die Mutter von Cristiano, 9, und Edison, 1, starb im vergangenen Jahr an Corona. Ihren jüngeren Sohn hat sie nie gesehen

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Manaus, die Metropole mit knapp drei Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern mitten im Amazonas, galt als eine Art Epizentrum der Coronakrise. Sie war die erste brasilianische Stadt, in der Massengräber ausgehoben werden mussten. Nach einer verheerenden Krankheitswelle zu Beginn der Pandemie wurde Manaus Anfang 2021 von der berüchtigten brasilianischen P1-Variante des Virus erneut brutal heimgesucht.

Damals gingen Bilder um die Welt von Ärzten und weinenden Krankenschwestern, die in den sozialen Netzwerken darum baten, man möge ihnen Sauerstoff schicken. Patienten wurden mit Handpumpen beatmet. Die Stadt wurde zum Sinnbild des Chaos und Leids, in einem Land, das von der Pandemie ohnehin schwer getroffen war – wohl auch, weil der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro das Coronavirus von Anfang an herunterspielte. Brasilien beklagt mit mehr als 650.000 Menschen die zweitmeisten Coronatoten weltweit. An Friedhofsmauern des Landes haben Menschen geschrieben: »Bolsonaro tötet«.

Inzwischen ist das Virus aus den brasilianischen Nachrichten weitgehend verschwunden; dort geht es nun um Inflation und Wahlkampf. Was bleibt, ist die tiefe Schneise der Verwüstung, die Corona gerissen hat, durch die Gesellschaft, durch die Familien, besonders die der Armen, der Schwarzen, die ein höheres Risiko hatten, an dem Virus zu sterben.

Zurückgeblieben sind Hunderttausende Waisen, die trauern, die kaum in den Alltag, in ein Leben zurückfinden. Mindestens 282.000 brasilianische Minderjährige haben Vater, Mutter oder beide Eltern verloren. Sie gehören zu den mehr als fünf Millionen Kindern weltweit, die Coronatodesfälle im engsten Familienumfeld erlebten.

Cristiano, der neunjährige Junge, hat Bilder seiner Mutter ausdrucken lassen, um sie seinem einjährigen Bruder zu zeigen. Er bewahrt sie in einer rosafarbenen Plastiktüte auf, breitet sie auf einem Tisch aus: Mama im Bikini, Mama an ihrem Geburtstag mit Torte, Mama mit Cristiano im Arm, Mama schwanger im pinkfarbenen Kleid mit Lippenstift. Der Kleine, der nur eine Windel trägt, lacht. Er versteht nicht, wer die Frau ist. Cristiano nimmt eine graue Katze auf den Arm und sagt: »Es gibt kein Foto von meiner Mama mit der Katze.«

Edna Pereira Sena, 24, erkrankte schwanger am Coronavirus und verstarb nach einem Kaiserschnitt

Edna Pereira Sena, 24, erkrankte schwanger am Coronavirus und verstarb nach einem Kaiserschnitt

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Seine Großmutter Elionete da Silva, 54, weint. Ihre Tochter sei ins Krankenhaus gefahren an jenem Tag im Februar 2021. Dann sei alles ganz schnell gegangen. Im Krankenhaus habe man Covid-19 diagnostiziert. Per Kaiserschnitt brachten die Ärzte daraufhin ihren kleinen Sohn Edison zur Welt, man habe die Plazenta direkt mit herausgeholt, erzählt da Silva, um die Nabelschnur erst außerhalb des Körpers der Mutter zu durchtrennen und eine Infektion des Kindes zu vermeiden.

Ihre Tochter Edna Pereira Sena sei nie wieder aufgewacht. Man habe sie noch intubiert. Jeden Tag um 16 Uhr gab es Nachrichten aus dem Krankenhaus, nie gute. Besuchen konnte da Silva ihre Tochter aufgrund der Hygienemaßnahmen nicht. Nach knapp einem Monat sei sie verstorben. Als Todesursache ist auf der Sterbeurkunde vermerkt: Covid-19, Wochenbett nach Kaiserschnitt. Außerdem die Hautfarbe: braun. Eine Beerdigung durfte ebenfalls nicht stattfinden.

Elionete da Silva versorgt seit dem Tod ihrer Tochter deren Kinder

Elionete da Silva versorgt seit dem Tod ihrer Tochter deren Kinder

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL
Die beiden Väter spielen kaum eine Rolle im Leben der Jungen – in Brasilien ist das üblich; mehr als 30 Prozent aller Haushalte mit Kindern werden von alleinerziehenden Frauen geführt

Die beiden Väter spielen kaum eine Rolle im Leben der Jungen – in Brasilien ist das üblich; mehr als 30 Prozent aller Haushalte mit Kindern werden von alleinerziehenden Frauen geführt

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Seit dem Tod ihrer Tochter leidet da Silva unter Panikattacken. Sie trägt jetzt die Verantwortung für ihre beiden Enkel. Einem Job kann sie nicht mehr nachgehen. Sie nimmt nun Antidepressiva. Die beiden Väter spielen kaum eine Rolle im Leben der Jungen – in Brasilien ist das üblich; mehr als 30 Prozent aller Haushalte mit Kindern werden von alleinerziehenden Frauen geführt. Der Vater von Cristiano verschwand schon vor Jahren. Der von Edison, dem Baby, arbeitet nachts in einer Bäckerei, schläft tagsüber, manchmal bringt er etwas Geld vorbei. Vor zwei Monaten zog da Silva in die Wohnung ihrer Tochter, die als Haushaltshilfe gearbeitet hatte. »Alles hier erinnert mich an sie«, sagt da Silva.

Morgens bringt sie Cristiano zur Schule. Nach dem Tod seiner Mutter gab es Probleme mit den Noten. Der Junge sei sehr intelligent, gut in Mathematik. Er wolle Feuerwehrmann werden, sagt Cristiano, »weil die Katzen retten«. Dann zieht er sich zurück in das Schlafzimmer, liegt auf dem Bett, klagt wie so oft über Schmerzen in Armen und Beinen, für die keiner die genaue Ursache kennt.

Cristiano spricht ständig über die letzten Momente mit seiner Mutter und klagt über Schmerzen in Armen und Beinen

Cristiano spricht ständig über die letzten Momente mit seiner Mutter und klagt über Schmerzen in Armen und Beinen

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Da Silva schläft mit den beiden Jungen in dem fensterlosen Raum mit den zwei Betten, für den Kleinen gibt es eine Hängematte. »Vergangenen Monat ging uns die Babymilch aus«, erzählt sie. Unterstützung vom Staat bekommt sie keine. Einmal im Monat fährt sie ins Zentrum von Manaus, um von der Hilfsorganisation Instituto IPEDS drei Pakete abzuholen: eines mit Lebensmitteln, eines mit Hygieneartikeln und eines mit Putzzubehör. Diesmal hatte sie kein Geld für die Busfahrt. Doch die Chefin der Organisation, Glauce Galúcio, hat die Pakete bei ihr vorbeigebracht und sogar ein Osterei aus Schokolade mitgebracht, nach Ostern waren die billiger. Ein Osterei, sagt Cristiano, habe er noch nie in seinem Leben bekommen.

»Diese Mischung aus Trauer und Hunger, ist besonders schlimm«, sagt Galúcio.

Glauce Galúcio vom Instituto IPEDS in Manaus händigt Hilfspakete an Bedürftige aus

Glauce Galúcio vom Instituto IPEDS in Manaus händigt Hilfspakete an Bedürftige aus

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Rund 220 Covid-Waisen unterstützt sie mit Nahrungsmitteln. »Sie haben nicht nur ihre engste Bezugsperson verloren, sondern auch ihre Versorger«, sagt sie, »die meisten Kinder leben jetzt bei Verwandten, oft den Großeltern, die kaum Einkommen haben.« Spenden bekommt Galúcio ausschließlich von Privatleuten, öffentliche Gelder oder Zuwendungen von Firmen erhält sie nicht.

»Ich muss die Familien oft auf später vertrösten, wenn sie mich anrufen«, erzählt sie. Manchmal hält sie es nicht mehr aus, dann fließt ihr eigenes Lehrerinnengehalt in die Organisation. Drei Säcke mit Reis, Bohnen und Öl liegen noch in ihrem Büro auf dem Boden, dazu die Pakete mit Windeln, Toilettenpapier, Zahnbürsten und Seife.

Seine letzten Worte waren: »Weine nicht, ich komme wieder«

Ester Moraes, 17, durfte kommen, um eines der drei Pakete abzuholen. Sie ist Vollwaise. Ihre Mutter verstarb an Krebs, als sie zwei Jahre alt war. Vor rund eineinhalb Jahren verlor sie dann alle anderen Verwandten, die ihr nahestanden. Zuerst erkrankte ihr Vater, 42, an Covid-19. »Er wollte nicht ins überfüllte Krankenhaus, hatte Angst«, erzählt Moraes. Lieber habe er zu Hause bleiben wollen, nicht von seiner Familie getrennt werden. Sie blieb mit ihm, bis es nicht mehr ging. Schließlich brachte sie ihn doch zum Krankenhaus, durfte aber nicht mit hineingehen. Seine letzten Worte waren: »Weine nicht, ich komme wieder.« Es war nachmittags, noch in der Nacht starb der Vater, am 13. Januar 2021. Kurz darauf erkrankte ihre Großmutter und war wenig später ebenfalls tot.

Ester Moraes, 17, verlor während der Pandemie ihren Vater und ihre Großmutter, bei der sie aufwuchs

Ester Moraes, 17, verlor während der Pandemie ihren Vater und ihre Großmutter, bei der sie aufwuchs

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

»Sie war wie eine Mutter für mich«, sagt Moraes. Bis sie zehn Jahre alt war, habe sie bei ihrer Oma gelebt, gemeinsam hätten sie Früchte auf dem Markt verkauft. Später, als Moraes wieder beim Vater wohnte, traf sich die Familie an den Wochenenden zum Grillen bei der Oma.

Inzwischen lebt Moraes bei einer Tante. Der Mann der Tante, ein Lkw-Fahrer, ist der Einzige in der Familie mit einem geregelten Einkommen. Moraes macht eine Ausbildung zur Kosmetikerin. Über Gálucios Organisation hat sie an einem Onlinekurs für »emotionale Intelligenz« teilgenommen.

Ein Team von Freiwilligen aus São Paulo will den Familien in Manaus helfen. »Die Jugendlichen sind extrem verunsichert, sie ritzen sich, es gibt auch Suizidversuche«, sagt die Psychologin Andreia Correia Manicardi. Psychologische Unterstützung vor Ort bekämen die Betroffenen kaum, höchstens in Form von Tabletten. »In Manaus scheint es besonders schwierig zu sein, Zugang zu Hilfe zu bekommen«, so Correia Manicardi.

Drei Lebensmittelpakete und drei Pakete mit Hygieneartikeln hat die Organisation Instituto IPEDS noch auf Lager

Drei Lebensmittelpakete und drei Pakete mit Hygieneartikeln hat die Organisation Instituto IPEDS noch auf Lager

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Der Kurs für »emotionale Intelligenz« soll den Jugendlichen helfen, ihre Gefühle – also etwa die Trauer und das Vermissen ihrer Eltern – zu akzeptieren, darüber zu sprechen und mit ihnen umzugehen. Die Psychologinnen bieten zudem individuelle Beratungsstunden an, auch für die betreuenden Personen. »Sie stehen unter extremem Druck«, sagt Correia Manicardi, »sie trauern selbst, müssen aber gleichzeitig die Kinder versorgen, die sie oft nicht als Bezugspersonen akzeptieren wollen, vor allem wenn sie schon älter sind.«

Es sei schwierig, den Kontakt mit den Familien zu halten. Oft scheitere es daran, dass nur ein einziges mobiles Endgerät im Haushalt vorhanden sei. »Und die jüngeren Kinder erreichen wir leider gar nicht«, sagt Correia Manicardi, »dabei brauchen sie dringend Hilfe.«

Elf brasilianische Senatoren leiteten im vergangenen Jahr eine Untersuchung ein, um aufzuzeigen, inwiefern Präsident Bolsonaro durch sein Handeln während der Pandemie für den Tod von Hunderttausenden Menschen verantwortlich sei. In ihrem abschließenden Bericht warfen sie ihm unter anderem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, auch weil er Angebote von Impfherstellern ausgeschlagen und die Kampagne so verzögert habe.

Die Senatoren sprachen sich auch für Hilfszahlungen an Coronawaisen aus. Ein entsprechender Gesetzentwurf, der eine monatliche Waisenrente in Höhe des Mindestlohnes von 1100 Real, rund 200 Euro, festschreibt, war bereits im März vergangenes Jahr eingereicht worden. Doch seither ist viel Zeit vergangen – und wenig passiert. Der Entwurf befindet sich heute offiziell »in Bearbeitung«. »Wir haben keine neuen Entwicklungen, was die Hilfe für Covid-Waisen betrifft«, teilt der Senator Renan Calheiros, Autor des mehr als tausendseitigen Berichtes auf Anfrage mit.

Die Krankenschwester Mayra Pires Lima passt nun auf die vier Kinder ihrer verstorbenen Schwester auf

Die Krankenschwester Mayra Pires Lima passt nun auf die vier Kinder ihrer verstorbenen Schwester auf

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Auch die Krankenschwester Mayra Pires Lima, 39, war im vergangenen Oktober als Zeugin vor dem Senat geladen. Das Chaos, das sie in der Stadt Manaus erlebt hatte, beschrieb sie so: »Ich lebte wie im Krieg, jeden Tag wurden zehn neue Leute eingewiesen und litten bis zum Tod.« Dann berichtete sie von ihrer eigenen Familie, ihrer Schwester: »Sie starb, weil sie eine Intensivbehandlung gebraucht hätte.« Mariza Lima wartete sieben Tage lang auf ein Intensivbett, darunter drei Nächte lang auf einem Sessel in einer Notaufnahme. Sie hinterließ vier Kinder. Ihre Zwillinge waren gerade vier Monate alt.

Pires Lima ist inzwischen aus Manaus weggezogen, wohnt nun wieder bei ihrer Mutter in Careiro, einer Kleinstadt rund hundert Kilometer südlich, an fast jeder Straßenecke eine evangelikale Kirche. Das Haus ist in fröhlichem Gelb gestrichen, Kleider trocknen auf der Wäscheleine. Pires Lima, selbst gerade hochschwanger mit Zwillingen, hat die vier Kindern ihrer Schwester aufgenommen: Evelyn, 17, Julie, 9, und die nun einjährigen Zwillinge Gabriel und Sofia.

Die Mutter von Julie (2 v. l.), Evelyn und Sofia starb an Corona, als in Manaus die Intensivstationen überfüllt waren

Die Mutter von Julie (2 v. l.), Evelyn und Sofia starb an Corona, als in Manaus die Intensivstationen überfüllt waren

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL
Maria Ofelia Pires Lima benötigt seit dem Tod ihrer Kinder Schlaftabletten und Antidepressiva

Maria Ofelia Pires Lima benötigt seit dem Tod ihrer Kinder Schlaftabletten und Antidepressiva

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Die Familie lebt von dem Einkommen von Pires Lima und der Rente der Großmutter. Die gesamte Familie war im vergangenen Jahr an Covid-19 erkrankt. »Es ist schrecklich. Ich kam aus dem Krankenhaus wieder heraus und mein Sohn und meine Tochter nicht«, sagt die Großmutter und bricht in Tränen aus. Auch Maria Ofelia Pires Lima, 67, braucht seit dem Tod ihrer Kinder Antidepressiva und Schlaftabletten.

Das ehemalige Zimmer der Mutter in dem Haus haben sie leer geräumt. Ihre Möbel, Kleidung, alles gespendet. Die älteste Tochter, Evelyn, blickt auf die dunkle Holztür, als sie über die Mutter spricht. Den Raum betritt sie kaum mehr, zu stark seien dort die Erinnerungen. Sie hat den Facebook-Account ihrer Mutter übernommen: Auf den Bildern mit ihr sieht sie aus wie eine andere Person, eine fröhliche, selbstbewusste junge Frau mit wilden Locken und geschminkten Lippen.

Evelyn Lima Ferreira, 17, hat den Facebook-Account ihrer Mutter übernommen, er ist eine Art Fotoalbum für sie

Evelyn Lima Ferreira, 17, hat den Facebook-Account ihrer Mutter übernommen, er ist eine Art Fotoalbum für sie

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Die mittlere Tochter Julie, 9, hat sich gewünscht, eines der Kleider der Mutter aufzuheben, einen geblümten, grünen Kittel, den Mama zu Hause trug. Sie verwahrt ihn in einer Plastiktüte auf dem Schrank im Schlafzimmer. Ihr ging es so schlecht, dass sie kaum mehr schlafen konnte. Zweimal wachte sie auf und glaubte, ihre Mutter stünde neben dem Bett. »Sie hat nichts gesagt, sie nur angesehen«, erzählt die Großmutter.

Die Zwillinge kennen kein anderes Leben.

Großmutter Maria Ofélia mit ihrer kleinen Enkelin Sofia

Großmutter Maria Ofélia mit ihrer kleinen Enkelin Sofia

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Die Großmutter Maria Ofelia Pires Lima schläft nun mit ihren vier Enkeln in einem Zimmer, zieht sie an, kämmt ihnen die Haare, macht ihnen Frühstück, bringt sie zur Schule. Den Raum ihrer verstorbenen Tochter hat sie weiß streichen lassen. Sie möchte dort ein Spielzimmer einrichten, für die vielen Kinder.

Mitarbeit: Leticia Bilard, Thais Akemi Shiraishi

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version lautete die Überschrift »282.000 Kinder, die ihre Mütter nie kannten« – das ist nicht korrekt. Zwar haben viele der 282.000 Corona-Waisen ihre Mütter nicht kennengelernt, aber bei Weitem nicht alle. Wir haben die Überschrift daher geändert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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