»Verlängerung« der Pandemie WHO nennt europäische Impfkampagne »inakzeptabel langsam«

Zu wenig Impfstoff, einige Vakzinen nur bedingt einsetzbar: In Europa hapert es bei der Corona-Impfkampagne an mehreren Stellen. Die WHO prangert nun an, der Kontinent würde die Pandemie in die Länge ziehen.
WHO-Europadirektor Hans Kluge: »Die Produktion hochfahren, die Hindernisse für die Verabreichung der Impfstoffe verringern und jetzt jedes einzelne Fläschchen gebrauchen«

WHO-Europadirektor Hans Kluge: »Die Produktion hochfahren, die Hindernisse für die Verabreichung der Impfstoffe verringern und jetzt jedes einzelne Fläschchen gebrauchen«

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IDA GULDBAEK ARENTSEN/ AFP

In Großbritannien haben bereits mehr als 45 Prozent der Bevölkerung eine erste Impfung gegen das Coronavirus erhalten, im restlichen Europa geht das Impfen dagegen deutlich schleppender voran. Es mangelt an Vakzinen, einige Länder, darunter auch Deutschland, rieten zuletzt jüngeren Menschen vom Wirkstoff des Herstellers AstraZeneca ab.

Das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) moniert nun, dass die langsamen Impfkampagnen in Europa die Coronapandemie in die Länge ziehen. Die Bereitstellung der Impfstoffe sei »inakzeptabel langsam«, teilte WHO-Regionaldirektor Hans Kluge mit. Die schleppende Verteilung der Impfstoffe in Europa führe zu einer »Verlängerung« der Pandemie. »Lassen Sie es mich klar ausdrücken: Wir müssen den Prozess beschleunigen, indem wir die Produktion hochfahren, die Hindernisse für die Verabreichung der Impfstoffe verringern und jetzt jedes einzelne Fläschchen gebrauchen, das wir auf Lager haben.«

WHO drängt auf verschärfte Maßnahmen – und warnt vor neuen Mutationen

Solange der Umfang der Impfungen gering bleibe, müssten dieselben sozialen und gesundheitlichen Coronamaßnahmen wie in der Vergangenheit Anwendung finden, sagte Kluge. So müsse man die Verspätungen der Impfpläne ausgleichen. Impfungen zusammen mit fortgesetzten Maßnahmen würden die Pandemie letztlich zu einem Ende bringen, so der WHO-Regionaldirektor.

Die WHO-Notfallkoordinatorin für Europa, Dorit Nitzan, warnte vor der Entstehung neuer Mutanten, sollte die Geschwindigkeit, in der sich das Coronavirus derzeit ausbreite, nicht gedrosselt werden. »Die Wahrscheinlichkeit neuer besorgniserregender Varianten steigt mit der Rate, in der das Virus sich repliziert und ausbreitet«, sagte sie. Entscheidend sei deshalb, die Virusübertragung »durch grundlegende Maßnahmen zur Krankheitskontrolle einzudämmen«.

Die WHO Europa rechnet insgesamt mehr als 50 Länder zur europäischen Region, auch Großbritannien und Israel, wo bereits mehr als die Hälfte der Einwohner doppelt gegen das Virus geimpft wurde, zählen dazu. Im gesamten WHO Europa-Gebiet haben bislang jedoch nur rund 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ihre erste Impfdosis erhalten, lediglich 4 Prozent sind vollständig geimpft.

Eine Beschleunigung beim Impfen sei nun entscheidend. Die Zahl der Neuinfektionen in der europäischen WHO-Region nehme in jeder Altersgruppe mit Ausnahme der Über-80-Jährigen zu, erklärte Kluges Büro. Mit insgesamt 1,6 Millionen neuen Fällen und fast 24.000 damit in Verbindung stehenden Todesfällen habe man in der vergangenen Woche wieder in der Mehrheit der Länder eine Zunahme der Ansteckungen erlebt. Die Situation sei so besorgniserregend wie seit mehreren Monaten nicht mehr.

Fallzahlen in Europa steigen teils extrem an

Zuletzt hatten mehrere Länder, darunter etwa Polen und Frankreich einen massiven Anstieg der Corona-Fallzahlen registriert. In Polen wurden zuletzt 35.251 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registriert, ein neuer Höchstwert. Viele Krankenhäuser arbeiten am Rande ihrer Kapazität.

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fek/dpa/Reuters/AFP