Tech-Transfer in Afrika Wie Tierforscher Covid bekämpfen

Afrika ist im Kampf gegen Covid weit abgeschlagen: Es gibt viel zu wenig Impfstoff, in den meisten Ländern wird kaum getestet. Aus der Not heraus wird Know-how aus der Veterinärmedizin eingesetzt. Ein Ortsbesuch in Kenia.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Tierforschung am International Livestock Research Institute (ILRI)

Tierforschung am International Livestock Research Institute (ILRI)

Foto: Zakaria Ahmed / Der SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Das Schwein schreit entsetzlich laut. Mit einer Metallklammer wird es an der Schnauze festgehalten, zwei Männer in Kitteln entnehmen Blut. Tierärztin Ilona Glücks steht daneben, sie hält sich die Ohren zu. »Es ist nicht schön anzusehen, aber leider geht es nicht anders«, sagt sie. Die Deutsche ist für die Tierversuche am International Livestock Research Institute (ILRI) verantwortlich. In ihrer Obhut befinden sich Tausende Rinder, Hühner, Schweine und Ziegen, auf der Weide grast eine stattliche geklonte Kuh.

In den Laboren werden die Tiere mit Krankheiten infiziert, anschließend dann Wirkstoffe dagegen verabreicht. Dank dieser Versuche konnte das ILRI unter anderem experimentelle Impfstoffe gegen die Afrikanische Schweinepest entwickeln. Auch die Rülpser von Kühen werden hier aufgefangen und gemessen – um zu testen, welches Futter für weniger klimaschädliches Methan sorgt.

Tierärztin Ilona Glücks

Tierärztin Ilona Glücks

Foto: Zakaria Ahmed / Der SPIEGEL

Das ILRI thront auf einem Hügel über Kenias Hauptstadt Nairobi, das Institut zieht Wissenschaftler aus aller Welt an. Unten im Tal ist gerade die dritte Coronawelle halbwegs überstanden. Über Wochen waren die Krankenhäuser am Limit, meist weit darüber hinaus. Patienten mussten abgewiesen werden, manche starben ohne Versorgung. Sauerstoff wurde zur Mangelware. Seit Anfang Mai hat sich die Lage etwas entspannt, doch Experten rechnen mit einer vierten Welle. Zumal langsam die kalte Jahreszeit in Kenia beginnt.

Und nicht vieles spricht dafür, dass das Land auf steigende Infektionszahlen mittlerweile besser vorbereitet ist. Nach wie vor fehlt es nicht nur an Intensivbetten, sondern auch an Impfstoffen. Gerade einmal zwei Prozent der Kenianer haben ihre erste Impfung erhalten. Knapp sind auch die Laborkapazitäten, vor allem, um auf Virusvarianten hin zu testen.

Foto: Zakaria Ahmed / Der SPIEGEL

In dieser Notlage ist das ILRI gefragt wie nie. »Einige unserer Technologien aus der Tierforschung helfen jetzt entscheidend weiter. Afrika ist im Veterinärbereich deutlich fortgeschrittener als in der Humanmedizin, schließlich sind die Tiere Lebensgrundlage für Millionen von Menschen. Das müssen wir uns jetzt zunutze machen«, sagt Vish Nene. Er ist Co-Manager des Programms »Gesundheit von Tier und Mensch«.

So war es das ILRI, das Anfang vergangenen Jahres einen Anruf vom kenianischen Gesundheitsministerium bekam. Die Pandemie war gerade ausgebrochen, schnell mussten zusätzliche Testkapazitäten geschaffen werden. »Wir führen an unseren Tieren regelmäßig PCR-Tests durch, es ist exakt dieselbe Technologie. Also haben wir nun Menschen auf Covid getestet.« Inzwischen sind ausreichend PCR-Tests in Kenia verfügbar, das ILRI arbeitet trotzdem weiter an der Pandemiebekämpfung.

Genomsequenzierung am ILRI

Genomsequenzierung am ILRI

Foto: Zakaria Ahmed / Der SPIEGEL

In einem abgedunkelten Raum steht ein Mann im Kittel an einer Maschine, die grob aussieht wie ein großer Bürodrucker. Er schiebt eine flache Platte mit flüssigen Lösungen hinein, vollautomatisch werden sie analysiert. Drei solcher Geräte stehen im ILRI, sie können Genomsequenzen aufschlüsseln. Normalerweise untersuchen die Forscher hier tierische DNA, doch derzeit laufen menschliche Proben durch die Maschinen. Denn sie erkennen, welche Varianten des Coronavirus in Kenia kursieren. Die südafrikanische und britische Mutation haben die Forscher bereits entdeckt.

Ein paar Zimmer weiter steht eine Frau mit Schutzbrille an einem Labortisch, auch sie hält Coronaproben in der Hand. Sie haben verschiedene Farben, dunkelgelb steht für positiv. »Wir entwickeln hier einen Covid-Antikörpertest«, erzählt Vish Nene. Denn was in Europa längst Tag für Tag im Einsatz ist, bleibt für viele afrikanische Länder unerschwinglich. »Die bestehende Technologie für Antikörpertests ist zu teuer, zudem sind einige Bestandteile hier in Afrika nicht ausreichend verfügbar. Also entwickeln wir mit Unterstützung aus den USA einfach unseren eigenen Test.« Aufbauend auf Technologie aus der Veterinärmedizin.

Coronaproben

Coronaproben

Foto: Zakaria Ahmed / Der SPIEGEL

Experten hoffen, dass Know-how aus der Tierforschung auch die Entwicklung von Impfstoffen für Menschen voranbringt. Denn der Egoismus der westlichen Staaten, die derzeitigen Lieferengpässe aus Indien haben deutlich gemacht: Afrika braucht mittel- und langfristig eigene Lösungen. Doch bislang ist man auf die Pharmariesen aus dem Globalen Norden angewiesen, auf den guten Willen westlicher Staaten. Eine eigene Produktion von Covid-Impfstoffen auf dem Kontinent ist noch in weiter Ferne.

»In der Tiermedizin sind wir viel weiter, hier werden bereits viele Impfungen auf dem Kontinent hergestellt«, sagt Vish Nene. Einige der neuen Wirkstoffe wurden am ILRI getestet, zum Beispiel gegen das Rift Valley Fieber, das vor allem Rinder, Schafe und Ziegen befällt und auch Menschen töten kann. Entwickelt wurde der Impfstoff von Forschern der Universität Oxford, erprobt in Kenia.

Auch dieses Know-how hat sich im Kampf gegen Covid bewährt. Die Vakzine schleust ein harmloses Virus in den Körper, das regt dann die Immunabwehr gegen das echte, gefährliche, Virus an. So funktioniert auch der Impfstoff von AstraZeneca. Er nutzt exakt dasselbe harmlose Virus, das 2015 am ILRI miterforscht wurde – an Tieren. »Auch dank dieser Erfahrung wissen wir, dass es in Impfungen sicher angewandt werden kann«, sagt Tierärztin Ilona Glücks.

Wissenschaftler Vish Nene

Wissenschaftler Vish Nene

Foto: Zakaria Ahmed / Der SPIEGEL

»Wir müssen auf unser Know-how aus der Tierforschung aufbauen und eigene Lösungen für Afrika entwickeln, auch in der Humanmedizin. Dann sind wir nicht mehr von anderen abhängig«, fordert Vish Nene. Das Problem: Die Forschung ist extrem teuer, und bislang wurde Afrika eher als geeigneter Standort für Testreihen angesehen denn als Hightech-Hub. »Die Pandemie bietet die einmalige Gelegenheit, das zu ändern«, sagt Nene.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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