Großbritanniens Premier Johnson in der Coronakrise Erst sorglos, dann kopflos

Die britische Regierung wollte bei der Corona-Bekämpfung alles anders machen als der Rest Europas. Dieser Plan ist gescheitert. Jetzt muss sich Boris Johnson der Wirklichkeit stellen.
Von Jörg Schindler, London
Johnson bei einem Laborbesuch in Bedford: Nationale Beschwichtigungsübung

Johnson bei einem Laborbesuch in Bedford: Nationale Beschwichtigungsübung

Foto: Jack Hill/ dpa

Was für einen Unterschied in diesen Zeiten 72 Stunden machen. Noch am Donnerstagabend konnten die Briten ihren Premierminister Boris Johnson live bei einer nationalen Beschwichtigungsübung beobachten. Zwar sei es eine traurige Wahrheit, so der Konservative, dass viele in den kommenden Monaten "geliebte Menschen vor deren Zeit verlieren" würden. Aber dennoch sollten seine Landsleute "so weitermachen wie gewohnt". Für "drakonische" Maßnahmen, so Johnson, sei jetzt noch nicht die Zeit.

Drei Tage und 25 Todesfälle später sickerte dann im Stundentakt durch, wie drakonisch Johnsons Regierung ab sofort die Coronakrise eindämmen will: durch die Umwidmung von Hotels in Krankenhäuser, die Zwangsisolation älterer Menschen und den möglichen Ankauf von Ländereien, um rasch neue Friedhöfe ausweisen zu können.

Johnsons Lernkurve nahm damit einen ähnlichen Verlauf wie die der Virusinfektionen in seinem Land: Letzten Zählungen zufolge waren 35 Briten durch das Coronavirus gestorben und knapp 1400 infiziert - tatsächlich geht man in London von deutlich mehr Fällen aus.

Johnsons Sonderweg

Der Sonderweg, den die britische Regierung eigentlich gehen wollte, ist damit schon jetzt weitgehend verbaut.

Diesen Sonderweg hatte Sir Patrick Vallance, Johnsons medizinischer Chefberater, mit einer unglücklichen Wortwahl angekündigt. Mit dem von anderen Ländern erlassenen Verbot von Massenveranstaltungen und einer Quarantäne potenziell Infizierter könne man die Epidemie nicht mehr stoppen, so Vallance. Womöglich seien die Maßnahmen gar kontraproduktiv. Würde man die Verbreitung des Virus jetzt "sehr, sehr hart" unterdrücken, werde es womöglich zur Unzeit noch stärker zurückkommen - nämlich dann, wenn die Menschen nach wochenlanger Isolation keine Lust mehr hätten, sich Vorschriften machen zu lassen.

Frau mit Mundschutz auf der Westminster Bridge in London: "Keep Calm and Carry On"

Frau mit Mundschutz auf der Westminster Bridge in London: "Keep Calm and Carry On"

Foto: Stefan Rousseau/ dpa

Der Gegenvorschlag der obersten Mediziner: kein Verbot von Massenveranstaltungen, Tests nur an Personen mit eindeutigen Symptomen und auch keine Rückverfolgung mehr von Ansteckungsfällen. Stattdessen sollten sich die Briten peu a peu anstecken, damit sie, so Vallance, beizeiten eine "Herden-Immunität" ausprägen.

Fachleute und Fachfremde reagierten gleichermaßen konsterniert. Das britische Vorgehen sei verantwortungslos, kritisierten Epidemiologen. Noch sei gar nicht ausgemacht, ob und wie nachhaltig sich einmal Infizierte immunisieren würden. Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation , Tedros Adhanom Ghebreyesus, appellierte an alle Staaten, ihr gesamtes zur Verfügung stehendes Arsenal zu nutzen: "Nicht nur testen, nicht nur rückverfolgen, nicht nur Quarantäne, nicht nur Vermeidung von Sozialkontakten - tut alles auf einmal."

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Desaströse Lage

Entsprechend skeptisch reagierten auch die Briten auf die Vorschläge ihrer Regierung. Die Premier League  sagte alle Fußballpartien bis April ab, Unternehmen ordneten Home Office an, Pflegeheime untersagten Besuche. Sogar die Queen, deren bald 94-jähriges Leben von soldatischer Pflichterfüllung durchdrungen ist, wird öffentlichen Veranstaltungen in dieser und der kommenden Woche fernbleiben.

Zwar ließen es sich am Sonntag in Bath mehr als 6000 Ausdauersportler nicht nehmen, einen halben Marathon zu laufen. Im Rest des Landes jedoch schien die Bereitschaft, sich freiwillig einer Ansteckungsgefahr auszusetzen, eher wenig ausgeprägt. Und das wohl vor allem deshalb, weil den meisten klar ist, in welchem Gesundheitssystem sie eine potenziell tödliche Viruserkrankung auskurieren müssten.

Tatsächlich ist der einst stolze National Health Service (NHS) nicht mal ansatzweise auf einen Massenansturm Lungenkranker vorbereitet. Nachdem er in den vergangenen zehn Jahren unter konservativen Regierungen finanziell ausgeblutet wurde, sind derzeit rund 100.000 Stellen unbesetzt. Im gesamten Königreich gibt es nur gut 4000 Betten auf Intensivstationen, und damit fünf Mal weniger als in Deutschland. In der aktuellen Krise mussten sich zahllose Ärzte und Pflegekräfte ihre Atemschutzmasken selbst besorgen.

Wie desaströs die Lage ist, ist inzwischen auch Johnsons Kabinett klar geworden. Am heutigen Montag wollte Gesundheitsminister Matt Hancock Autobauer, Rüstungskonzerne und andere Unternehmen auffordern, ihre Produktion fürs Erste auf Beatmungsgeräte umzustellen. Hotels sollen gegebenenfalls zu provisorischen Kliniken umgebaut werden. Ältere Ärzte will die Regierung aus dem Ruhestand zurückholen.

Viermonatige Schutzisolation

Wie kopflos Johnsons Leute inzwischen regieren und reagieren, zeigt allein dieser letzte Punkt. Denn gleichzeitig plant das Kabinett inzwischen, über 70-Jährige demnächst in eine viermonatige Schutzisolation zu zwingen. Das würde kurioserweise auch den Noch-Oppositionsführer im Parlament, Jeremy Corbyn, und etliche weitere Abgeordnete betreffen.

Auch sonst ist von Johnsons demonstrativ zur Schau gestellten Sorglosigkeit nicht mehr viel übrig. Vom Wochenende an werden Massenveranstaltungen mit mehr als 500 Personen untersagt sein. Noch in dieser Woche soll ein Notfallgesetz in Kraft treten, das es Polizisten ermöglicht, Corona-Verdachtsfälle in Gewahrsam zu nehmen. Eine Schließung von Pubs, Restaurants und Läden hält die Regierung nun auch für möglich. Und so kommt auch im Mutterland des "Keep Calm and Carry On" das öffentliche Leben nach und nach zum Erliegen.

Eines aber hat Johnson seinen Landsleuten vorsorglich schon mal versprochen: Der endgültige Brexit am 31. Dezember sei beschlossene Sache - und an diesem Zeitplan werde nicht gerüttelt.

Noch nicht.