Corona in Südamerika Der Tod einer Hausangestellten, der Brasilien in Angst versetzte

Brasiliens Mittel- und Oberschicht bringt das Virus von Reisen mit - möchte aber nicht auf die Hausangestellten aus den Favelas verzichten. Die Krankheit könnte sich schnell unter den Ärmsten verbreiten.
Von Marian Blasberg, Rio de Janeiro
Pendler in einem Bus in Brasiliens Millionenmetropole Rio de Janeiro im März 2020

Pendler in einem Bus in Brasiliens Millionenmetropole Rio de Janeiro im März 2020

Foto: RICARDO MORAES/ REUTERS
Globale Gesellschaft

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63 Jahre lang führte die Hausangestellte Cleonice Gonçalves ein Leben, für das sich in Rio de Janeiro niemand größer interessierte. Gonçalves arbeitete in einer schicken Wohnung im Strandviertel Leblon, wo die Grundstückspreise so hoch sind wie nirgendwo sonst in Brasilien.

Sie putzte dort die Kloschüsseln und Türklinken, sie kochte und bügelte. An vier Tagen in der Woche schlief sie in einem kleinen Bedienstetenzimmer im Apartment ihrer "Patroa", ihrer Arbeitgeberin. Am Wochenende fuhr sie heim ins zwei Stunden entfernte Miguel Pereira, wo sie mit ihrer Familie in einem unverputzten Haus an einer Schotterpiste lebte.

Für Gonçalves, die zeitlebens in einer gesichtslosen Masse billiger Arbeitskräfte verschwand, die in überfüllten Bussen und Zügen aus ihren Armenvierteln in die Stadt pendeln, interessierte sich Brasilien erst, als sie am Dienstag der vergangenen Woche starb. Ihr Tod versetzte das Land in Angst.

Pendler in Rio de Janeiro

Pendler in Rio de Janeiro

Foto: Silvia Izquierdo/ AP

Gonçalves' Chefin, so schrieben es die Zeitungen, hatte die Karnevalstage in Italien verbracht. Nach ihrer Rückkehr hatte sich die ältere Dame auf Corona testen lassen, aber sie hielt es nicht für notwendig, Gonçalves darüber zu informieren oder während der Tage, an denen sie auf ihr Testergebnis wartete, auf deren Dienste zu verzichten.

Die Dinge gingen ihren gewohnten Gang, bis Gonçalves am 13. März wegen Schmerzen beim Urinieren einen Arzt aufsuchte. Der Mann verschrieb ihr ein Antibiotikum. Zwei Tage später bekam sie Atembeschwerden. Gonçalvez, die Diabetikerin war und unter hohem Blutdruck litt, suchte ein Krankenhaus auf, aber auch dort war niemand, der ihren Zustand richtig deutete.

Die Hausangestellte Cleonice Gonçalves starb am 17. März, dem Tag, an dem ihre Patroa ihr positives Testergebnis erhielt. Dass ausgerechnet eine Frau wie sie wohl das erste Corona-Opfer in Rio de Janeiro war, hatte nicht nur etwas Symbolisches. Es ist auch ein Alarmzeichen.

Wie in vielen anderen Ländern der Südhalbkugel kam das Virus auch in Brasilien durch eine wohlhabende, überwiegend weiße Mittel- und Oberschicht in Umlauf, durch Menschen, die das Geld haben zu reisen. Es ist kein Zufall, dass Rio de Janeiro seine ersten Fälle aus den reichen Häuserschluchten von Leblon und Ipanema meldete.

Die große Sorge aber ist eine andere: Was wird sein, wenn das Virus erst mal die Orte befällt, an denen all die Menschen leben, die das Leben in der Stadt am Laufen halten, Hausangestellte wie Gonçalves, Köchinnen und Nannys, die Portiers, die an den Eingängen der Häuser sitzen, die Supermarktkassiererinnen, die Kellner in den Bars und Restaurants, all die informellen, fliegenden Händler, die auf den Bürgersteigen ihre Waren anbieten?

Die Tageszeitung "O Globo" fasste diese Angst vor ein paar Tagen in einem riesigen Aufmacherfoto zusammen, das im Grunde keiner weiteren Erklärung bedurfte. Es zeigte einen Ausschnitt der Favela Rocinha, ein grenzenloses Gewirr ineinander verschachtelter Häuser und Hütten. Ein Ort, an dem Zehntausende Menschen auf engstem Raum zusammenleben.

Blick auf die Favela Rocinha: In der Armensiedlung leben knapp 50.000 Menschen auf einem Quadratkilometer

Blick auf die Favela Rocinha: In der Armensiedlung leben knapp 50.000 Menschen auf einem Quadratkilometer

Foto: YASUYOSHI CHIBA/ AFP

Dieses Bild wirkte nicht nur wie eine apokalyptische Botschaft aus der nahen Zukunft, man konnte es auch deuten als Hilferuf in Richtung eines Präsidenten, der das Virus hartnäckig als "kleine Grippe" abtut. Man könne Brasilien nicht mit Italien vergleichen, sagte Jair Bolsonaro am Anfang dieser Woche. Italien habe pro Quadratkilometer 200 vorwiegend alte Einwohner, in Brasilien seien es 24 vorwiegend junge. Es ist ein statistischer Unsinn, der eine wachsende Zahl von Brasilianern kopfschüttelnd zurücklässt.

Offiziellen Zahlen zufolge drängen sich an einem Ort wie der Rocinha auf einem Quadratkilometer knapp 50.000 Menschen. Im Complexo da Maré sind es 31.000, im Complexo do Alemao 23.000. Insgesamt leben in den knapp tausend Favelas von Rio de Janeiro 1,7 Millionen Menschen, und die Bedingungen, die sie dort vorfinden, sind oft extrem prekär.

Aus vielen dieser Siedlungen, die heute von Milizen oder Drogenbanden kontrolliert werden, hat sich der Staat zurückgezogen. An vielen Ecken türmt sich nicht abgeholter Müll. Abwasser fließt unter freiem Himmel die Gassen hinunter. In Häusern, in denen sich sechs oder sieben Menschen ein Zimmer teilen, ist soziale Isolation eine Illusion.

Obdachloser Mann in Rio de Janeiro: Die soziale Ungleichheit wird durch die Coronakrise noch verschärft

Obdachloser Mann in Rio de Janeiro: Die soziale Ungleichheit wird durch die Coronakrise noch verschärft

Foto: Wagner Meier/ Getty Images

In diesen Tagen, in denen Rio de Janeiro nur zögerlich zum Stillstand kommt, nistet sich das Virus langsam an diesen Orten ein. Vier Favelas haben inzwischen bestäigte Corona-Fälle gemeldet, hinzu kommen Dutzende Verdachtsfälle. Auch deshalb geht Bolsonaros Gesundheitsminister Luis Henrique Mandetta inzwischen davon aus, dass das Gesundheitssystem vermutlich Ende April kollabieren wird.

"Wenn nichts geschieht, wird ein Tsunami auf die öffentlichen Krankenhäuser zurollen!" So ruft es ein junger Mann namens Raull Santiago mit aufgeregter Stimme in sein Telefon. Santiago lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in einem kleinen Haus im Complexo do Alemao. Das Problem, glaubt er, sei die soziale Ungleichheit in Brasilien. Als armer Mensch gehöre er zur Risikogruppe.

Raull Santiago: Was wird aus den Bedürftigsten, die keine Ersparnisse haben und die kein soziales Netz auffängt?

Raull Santiago: Was wird aus den Bedürftigsten, die keine Ersparnisse haben und die kein soziales Netz auffängt?

Foto: privat

"Man muss sich nur mal angucken, was mit dem Wasser los ist", sagt Santiago. Tatsächlich ist es wie verhext in diesem Jahr. Im Januar floss, wie überall in Rio, nur eine braune, übelriechende Suppe aus der Leitung, weil niemandem aufgefallen war, dass eine Alge das städtische Klärwerk verseucht hatte. Im Februar regnete es dann so stark, dass in einigen Favelas die Häuser von den Hängen abrutschten und ihre Bewohner unter sich begruben. Jetzt sei das Leitungswasser zwar wieder einigermaßen sauber, sagt Santiago, aber an mehreren Tagen in der Woche komme aus irgendwelchen Gründen nichts mehr aus der Leitung, weshalb sie nicht mal der einfachen Hygieneregel folgen könnten, sich immerzu die Hände zu waschen.

Das Alkoholgel, das seit der Schweinegrippe 2009 zum Alltag vieler Brasilianer gehört, ist mittlerweile so schwer zu finden, dass ein kleines Fläschchen ein Vermögen kostet. "Hier oben auf unserem Hügel: Drei Euro, manchmal vier oder fünf", sagt Santiago.

Ein freiwilliger Helfer bringt Seife und Waschmittel in die Favela Rocinha: Viele Menschen hier haben nicht einmal fließend Wasser

Ein freiwilliger Helfer bringt Seife und Waschmittel in die Favela Rocinha: Viele Menschen hier haben nicht einmal fließend Wasser

Foto: Leo Correa/ AP

Santiago hat vor einigen Jahren mit ein paar Freunden ein Aktivistenkollektiv gegründet, das Papo Reto heißt, Klartext. Normalerweise redet er auf Veranstaltungen über Themen wie Gewalt oder Rassismus. Heute lässt er Plakate drucken, die sie an strategischen Orten in der Favela aufhängen, an den Zugängen oder an den Plätzen, wo die Mototaxis und Kleinbusse stehen, die noch immer ziemlich viele Menschen in die Stadt zur Arbeit bringen. Unter anderem weisen sie darauf hin, dass diejenigen, die Wasser haben, es in Eimern auffangen und mit ihren Nachbarn teilen sollten.

Mehrmals am Tag brettern Santiagos Leute mit einem Lautsprecherwagen durch die Gassen und informieren darüber, dass die Bewohner größere Menschenansammlungen vermeiden und ihre Häuser gründlich lüften sollten. Er sagt, sie würden selbst aktiv, weil die Regierung zu wenig unternehme.

Niemand weiß genau, wie viele Brasilianer in prekären Verhältnissen arbeiten. Wie viele jetzt in diesen Tagen ihren Job verlieren. Die Frage ist: Wer kümmert sich um diese Menschen? Was wird aus den Bedürftigsten, die keine Ersparnisse haben und die kein soziales Netz auffängt? Was werden sie essen?

Kaffee- und Brotspenden für Bedürftige während des Shutdowns in Rio de Janeiro

Kaffee- und Brotspenden für Bedürftige während des Shutdowns in Rio de Janeiro

Foto: Wagner Meier/ Getty Images

Um einen humanitären Notstand zu verhindern, hat der nationale Favela-Verband "CUFA" vor ein paar Tagen einen Katalog mit 14 Forderungen veröffentlicht. Unter anderem wird dort angeregt, die Bewohner der Armenviertel für die Zeit der Krise mit kostenloser Seife zu versorgen. Auch das Internet sollte gratis sein, damit sich die Menschen informieren könnten. Es bräuchte Unterstützung für die Inhaber kleiner Geschäfte, und die, die es am härtesten trifft, sollten regelmäßig Pakete mit Grundnahrungsmitteln erhalten.

Zezé Preto, der Vorsitzende der "CUFA", zweifelt daran, dass er bei der Regierung auf offene Ohren stößt. "Für Leute wie uns interessieren sie sich nicht", sagt er.

Paulo Guedes, Bolsonaros neoliberaler Wirtschaftsminister, hatte vor ein paar Tagen gesagt, dass man den Ärmsten monatlich 200 Real zustecken könnte, 40 Euro, aber danach hat man von diesem Vorschlag nichts mehr gehört. Am Freitag war es dann das Parlament, das den Betrag auf umgerechnet 100 Euro aufstockte. Bolsonaro selbst treiben eher andere Dinge um. Weil die Panik in seinen Augen nur zu einem unnötigen Einbruch des Wachstums führt, fordert er inzwischen von den Gouverneuren, dass sie in ihren Bundesstaaten die Geschäfte wieder öffnen. Der Verkehr soll wieder fließen, und auch die Schulen sollen wieder unterrichten, weil Kinder und Jugendliche nicht zur Risikogruppe gehören.

Deutlich mehr Asthmakranke in den Favelas

Einem Mann wie dem renommierten Infektologen Edimilson Migowski fällt es angesichts solcher Aussagen schwer, die Fassung zu bewahren. Das Virus, sagt er, verbreite sich schneller, als viele Experten dachten. Die Regierung müsse handeln, sonst sei es zu spät.

Dabei gelte es, gerade die Bevölkerung der Armenviertel im Blick zu haben. Aufgrund der Lebensumstände, sagt er, litten unverhältnismäßig viele Menschen unter Vorerkrankungen. Mangelnde Hygiene sowie dunkle oder schlecht belüftete Räume führen dazu, dass der Anteil von Tuberkulose- oder Asthmakranken in den Favelas fünfmal höher ist als in den wohlhabenderen Vierteln. Aufgrund schlechter Ernährung gibt es viele Diabetiker.

"Wenn man diese Menschen schützen will", sagt Migowski, "dann muss man irgendwie versuchen, sie zu isolieren, und sei es in leer stehenden Hotels. Um zu verhindern, dass sie das Virus weitertragen, muss man sie so früh wie möglich testen, nicht nur die schweren Fälle, sondern auch die leichten, denn die sind nicht weniger ansteckend." Am Wochenende wurde bekannt, dass die Stadt nun Hotels mietet, um alte Menschen aus den Favelas zu isolieren.

Das Problem ist, dass Brasilien noch immer über zu wenige Tests verfügt. In den Krankenhäusern fehlen Schutzmasken und Handschuhe. In Rio haben Milliardenkürzungen im öffentlichen Gesundheitssystem dazu geführt, dass die städtischen Krankenhäuser allein in den vergangenen beiden Jahren 1051 Intensivbetten verloren haben. Die Belegschaften Hunderter Familienkliniken, die eine kostenlose Erstbehandlung anbieten, wurden während der Wirtschaftskrise seit 2014 so weit ausgedünnt, dass sie heute gerade noch die Hälfte der Bevölkerung erreichen. In manchen dieser Häuser halten Hilfskräfte den Betrieb am Laufen, weil zahllose Ärzte nach ausbleibenden Gehaltszahlungen gekündigt haben.

Dies sind die Orte, die Menschen wie Cleonice Gonçalves aufsuchen, wenn es ihnen schlecht geht. Sie waren schon vor Corona überlastet.

Heute werden vor vielen dieser Gesundheitsposten eilig Zelte aufgebaut, die Coronafälle von den anderen Patienten trennen sollen. An mehreren Stellen in der Stadt errichten Soldaten Feldlazarette, aber Raull Santiago, der Aktivist aus dem Complexo do Alemao, bereitet sich gedanklich trotzdem auf das Schlimmste vor. "Im besten Fall haben wir Szenen wie aus Italien", sagt er.

Am Abend nach dem Gespräch tritt in einigen Favelas der Stadt eine nächtliche Ausgangssperre in Kraft. Über Lautsprecher und WhatsApp verkünden die Drogenbanden: "Wir wollen nur das Beste für unsere Bevölkerung. Wenn die Regierung nicht in der Lage ist, für Sicherheit zu sorgen, tut es das organisierte Verbrechen."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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