Coronakrise in Chile »Billigurlaub in Brasilien, völlig wahnsinnig«

Chile impfte zeitweise so schnell wie kein anderes Land – und erlebt nun ein Corona-Desaster. Die chilenische Gesundheitsexpertin Soledad Martínez erklärt, was andere Staaten aus dieser Entwicklung lernen können.
Ein Interview von Nicola Abé, São Paulo
Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern in der chilenischen Hauptstadt Santiago (am 8. April)

Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern in der chilenischen Hauptstadt Santiago (am 8. April)

Foto: IVAN ALVARADO / REUTERS
Globale Gesellschaft

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Vor ein paar Wochen wurde Chile für seine Impfkampagne international gefeiert, das lateinamerikanische Land impfte zeitweise schneller als jedes andere der Welt. Die Chilenen sahen sich auf dem Erfolgsweg im Kampf gegen die Coronapandemie. Zugleich stiegen die Fallzahlen rapide.

Die Gesundheitsexpertin Soledad Martínez warnte schon damals, der selbst ernannte »Impfweltmeister« sei gerade dabei, in der 87. Minute alles zu verlieren.

SPIEGEL: Kürzlich haben wir über die viel beachtete Impfkampagne der Chilenen gesprochen. Wie ist die Lage jetzt?

Martínez: Die Situation ist sehr besorgniserregend. Wir haben so viele Covid-Todesfälle wie nie zuvor in der gesamten Pandemie. Es gibt keine freien Intensivbetten mehr, obwohl wir deren Anzahl im vergangenen Jahr verdreifacht haben. Man kann sagen, dass unser Gesundheitssystem kollabiert ist. Zudem sind die Patienten auf den Intensivstationen deutlich jünger. Die Ärzte müssen täglich entscheiden, wer versorgt werden kann und wer nicht mehr. Ältere sterben wohl eher zu Hause.

SPIEGEL: Wie konnte es dazu kommen?

Martínez: Es ist das Ergebnis verschiedener Faktoren. Wir Gesundheitsexperten haben immer davor gewarnt, zu schnell die Maßnahmen der sozialen Distanzierung aufzuheben, nur weil gewisse Risikogruppen geimpft sind. Leider ist genau das passiert. Die Politik hat die falschen Botschaften gesendet. Das ging sogar so weit, dass Reisen erlaubt wurden und die Airlines hier große Tourismuskampagnen gestartet haben – unter anderem mit Angeboten für Billigurlaub in Brasilien. Völlig wahnsinnig. Und die Leute machten das.

SPIEGEL: Und haben die hochinfektiöse brasilianische P1-Corona-Variante aus dem Urlaub mitgebracht?

Praia-Vermelha-Strand in Rio de Janeiro (im Februar)

Praia-Vermelha-Strand in Rio de Janeiro (im Februar)

Foto: Wagner Meier / Getty Images

Martínez: Jedenfalls hat sich P1 in Chile inzwischen ausgebreitet. Wir wissen nicht, wie viel Prozent der Neuinfektionen mit dieser Variante geschehen, weil wir keine Daten dazu haben. Wir nehmen an, dass sie dominierend ist, da P1 wesentlich infektiöser ist, sich rasend schnell verbreitet, und es scheint auch so, als sei sie aggressiver und gefährlicher für jüngere Menschen. Aber die Forschung tappt an dieser Stelle noch weitgehend im Dunkeln.

SPIEGEL: Rund 26 Prozent aller Chilenen sind vollständig geimpft, zwölf Prozent haben die erste Dosis bekommen. Derzeit sind bereits die Mitte 40-Jährigen an der Reihe – doch das alles scheint wenig zu helfen. Chile verimpft die Vakzine von Sinovac. Kürzlich räumte sogar ein hoher chinesischer Staatsbeamter ein, dass die Impfung nicht besonders wirksam sei, ruderte dann aber wieder zurück. Was sind Ihre Erfahrungen?

Martínez: Wir wissen seit Langem, dass Sinovac schwere Verläufe sehr gut verhindert. Wir wissen aber auch, dass Infektion und Weitergabe des Virus trotz der Impfung möglich sind. Das war keine Überraschung für uns. Natürlich macht das einen großen Unterschied etwa im Vergleich zu Israel, das seine Bevölkerung mit der Biontech/Pfizer-Vakzine durchgeimpft hat, was Infektionen sehr viel besser verhindert. Sinovac hingegen wirkt aber offenbar gut gegen die P1-Variante, dazu gibt es neue Daten. Es beruht auf einer alten Technologie und arbeitet mit totem Virus. Es gibt Hinweise darauf, dass der Impfschutz damit etwas robuster gegenüber den neuen Mutanten sein könnte. Vakzine, die auf mRNA-Technologie beruhen wie die von Biontech oder Moderna, zielen auf das Spike-Protein des Virus ab. Dieses kann sich aber offenbar durch Mutationen sehr schnell verändern. Die israelische Herdenimmunität ist daher auch nur eine Momentaufnahme. Israel hat bisher kaum P1-Fälle, aber das wird nicht so bleiben – es sei denn das Land schottet sich dauerhaft und vollständig ab.

Ein Mann verkauft Masken in Santiago de Chile

Ein Mann verkauft Masken in Santiago de Chile

Foto: Marcelo Hernandez / Getty Images

SPIEGEL: Was folgt daraus?

Martínez: Impfungen helfen, aber sie allein sind keine Lösung. Vor allem dann nicht, wenn das Infektionsgeschehen im eigenen Land aber auch weltweit so hoch bleibt, dass sich ständig neue Mutanten entwickeln. Wenn man Bevölkerungen nur zum Teil impft und die Kampagne dann stockt, ergibt sich außerdem eine gefährliche Situation: Das Virus lebt dann unter einem erhöhten Evolutionsdruck, der das Entstehen impfresistenter Varianten begünstigt. Das Virus sucht sich biologische Nischen. Wir wissen nicht, wie die nächsten Mutanten aussehen, ob sie den Impfschutz umgehen oder vielleicht stärker Kinder betreffen, für die es noch keine Vakzine gibt.

SPIEGEL: Seit etwa drei Wochen befindet sich Chile erneut in einem sehr strengen Lockdown mit Ausgangssperren. Die Schulen und Grenzen sind geschlossen. Finden Sie das richtig?

Martínez: Immerhin dürfen die Menschen das Haus zwischen sechs und neun Uhr morgens verlassen, um im Freien Sport zu treiben.

SPIEGEL: Das klingt nicht wirklich nach viel Freiheit.

Martínez: Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir das Infektionsgeschehen in unserem Land eindämmen und gering halten. Aber es ist inzwischen auch völlig klar, dass es eine regionale und letztlich globale Strategie braucht. Wenn wir diese Pandemie wirklich in den Griff bekommen wollen, dann müssen wir auch unseren Nachbarn und anderen Ländern helfen, das Virus zu kontrollieren. Wir sitzen vielleicht nicht alle im selben Boot, aber schwimmen im selben Ozean.

SPIEGEL: In Deutschland wird über sogenannte Impfprivilegien diskutiert, die Geimpften sollen ein weitgehend normales Leben führen dürfen. Was halten sie davon?

Martínez: Um ehrlich zu sein: sehr wenig. Wir wissen nicht, ob diese Menschen das Virus tatsächlich nicht weitergeben können. Bei der Biontech-Impfung sieht es im Moment danach aus – für den Wildtyp. Aber was ist mit den Mutanten? Wir haben im Grunde ständig neue Pandemien. Jetzt haben wir so etwas wie Covid 21. Ich würde sehr davor warnen, sich pauschal auf den Impfschutz zu verlassen und andere Maßnahmen über Bord zu werfen. Außerdem besteht die Gefahr eines Schwarzmarktes für Impfausweise. Wir haben das hier schon bei negativen PCR-Tests für Flugreisen gesehen.

SPIEGEL: Bedeutet das, dass wir uns auf ein Leben im Dauer-Lockdown einstellen müssen?

Martínez: Das wäre fatal. Dauerhafte Lockdowns sind ungesund und zermürbend. Ich bin ein gutes Beispiel: Im vergangenen Jahr war ich fast nur zu Hause und habe zehn Kilo zugenommen. Man bewegt sich viel weniger, hinzu kommt das Essen aus Langeweile oder Anspannung. Allein eine Gewichtszunahme um zehn Kilo aber kann das Risiko für einen schweren Coronaverlauf erheblich erhöhen – von anderen Risiken mal ganz abgesehen. Im Dauer-Lockdown verlieren die Menschen außerdem irgendwann die Hoffnung und das Vertrauen in die Politik. Sie machen einfach nicht mehr mit.

SPIEGEL: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Martínez: Was besser funktioniert, sind vereinzelte, etwa 14-tägige, harte Lockdowns. Man muss in der Lage sein, die Fallzahlen so stark zu reduzieren, dass es möglich ist, die einzelnen Coronafälle zu kennen und Infektionsketten nachzuvollziehen. Tracken, testen, strenge Quarantäneregeln für Kontaktpersonen von Infizierten und für Einreisende, inklusive Überwachung. Im Grunde müsste man weltweit etablieren, was Neuseeland, Australien und einige asiatische Länder geschafft haben. Nur das wird uns auf absehbare Zeit ein weitgehend normales Leben ermöglichen. Die Impfungen allein werden nicht reichen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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