Chaos nach App-Warnungen England reagiert mit täglichen Tests auf die »Pingdemic«

Zeitgleich waren offenbar 1,7 Millionen Menschen in Selbstisolation. Dadurch kam es in England zu leeren Supermarktregalen und vollen Mülltonnen. Jetzt hat die Regierung eine neue Strategie verkündet.
Lieferschwierigkeiten in London: In den vergangenen Tagen blieben einige Regale im Supermarkt leer

Lieferschwierigkeiten in London: In den vergangenen Tagen blieben einige Regale im Supermarkt leer

Foto: Dan Kitwood / Dan Kitwood / Getty Images

England hat zwei chaotische Wochen hinter sich. Kurzfristig fielen Busse und Züge aus, einige Regale im Supermarkt blieben leer. Manche Tankstellen mussten vorübergehend schließen, Müll wurde in einigen Gemeinden nicht abgeholt. Der Grund: Tausende Menschen waren nicht bei der Arbeit, sondern zu Hause – in Isolation wegen des Coronavirus.

Nun hat die britische Regierung angekündigt, tägliche Tests als Alternative zur Selbstisolation anzubieten. Dafür sollen 1200 weitere Testzentren errichtet werden. Das Land würde die Anzahl dieser Zentren damit innerhalb von wenigen Tagen auf 2000 vervierfachen. Menschen, die in Gefängnissen, bei Transportunternehmen, bei der Müllabfuhr, in der Energieversorgung oder Tiermedizin arbeiten, sollen priorisiert werden. »Tägliches Testen wird unsere Teams an der vordersten Front beschützen, während sie weiterhin der Gesellschaft und den Menschen im ganzen Land dienen«, sagte die britische Innenministerin Priti Patel.

Etwa 1,7 Millionen Menschen offenbar in Selbstisolation

Damit wählt die britische Regierung nach dem Chaos der vergangenen Tage eine neue Strategie. Mitte Juli hatte die App, die bei der Eindämmung des Coronavirus helfen soll, fast 620.000 Warnungen an Menschen in Wales und England geschickt. Das geht aus Zahlen der staatlichen Gesundheitsbehörde NHS hervor.

Die Empfänger des sogenannten »Pings« sollten sich für bis zu zehn Tage in Selbstisolation begeben, weil sie in den Tagen zuvor womöglich Kontakt mit einer Person hatten, die an Covid-19 erkrankt ist oder positiv getestet wurde. Schätzungen zufolge waren danach insgesamt 1,7 Millionen Briten zeitgleich in Selbstisolation – mit gravierenden Folgen für das öffentliche Leben. Britische Medien sprachen von einer »Pingdemic«, einer Kombination von »Ping« und »Pandemic«.

Schwierigkeiten beim Großhandel

Mehr als eine Million Kinder konnten nicht zur Schule gehen – damit fehlte jedes siebte Schulkind. Auch im Großhandel gab es massive Probleme. Weil viele Arbeiterinnen und Arbeiter fehlten, konnten Lieferketten nicht eingehalten werden. Der »BBC « zufolge sollen ganze Produktionslinien in Fabriken sowie große Gruppen von Fahrern ausgefallen sein. James Bielby, ein Vertreter des Großhandelsverbands, sagte laut »BBC«, die Regierung habe »sehr chaotisch« und »zu spät« gehandelt. Es gäbe wegen des Brexits, der eigentlichen Pandemie und Veränderungen bei den Steuern ohnehin zu wenig Fahrer.

Eine Krankenschwester stellt ein Schild vor ein Corona-Testzentrum in Newcastle: Die britische Regierung will die Zahl der Zentren deutlich erhöhen

Eine Krankenschwester stellt ein Schild vor ein Corona-Testzentrum in Newcastle: Die britische Regierung will die Zahl der Zentren deutlich erhöhen

Foto: Nathan Stirk / Getty Images

Shane Brennan, der Vertreter eines anderen Handelsverbands, sagte, die »Pingdemic« sei eine größere Herausforderung für Unternehmen als das Virus selbst. »Du kannst mit den Problemen umgehen, solange Menschen arbeiten«, sagte Brennan laut BBC . »Das Problem mit der ›Pingdemic‹ ist, dass große Teile der Belegschaft wegfallen.«

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Infektionszahlen in Großbritannien sinken seit Tagen

Die täglichen Neuinfektionen in Großbritannien sinken seit sechs Tagen, am Montag lagen sie bei knapp 25.000 Fällen. Experten sind sich noch uneinig, woran das liegen könnte. Die hohe Impfquote – fast 70 Prozent der Bevölkerung sind einmal geimpft, über 55 Prozent haben bereits die zweite Spritze bekommen – könnte positive Auswirkungen haben.

Premierminister Boris Johnson warnte aber, dass man vorsichtig bleiben müsse. Schließlich könne man noch nicht absehen, inwiefern sich die Öffnungsschritte nach dem 19. Juli schon in den Zahlen widerspiegeln.

England hatte am 19. Juli den »Freedom Day« gefeiert. Damit wagte erstmals ein europäisches Land, praktisch sämtliche pandemiebedingten Beschränkungen  des öffentlichen Lebens auf einen Schlag aufzuheben.

Doch auch wenn die Infektionszahlen sinken, werden wieder mehr Menschen mit dem Coronavirus ins Krankenhaus eingeliefert, auch die Todeszahlen steigen leicht an. In einem Brief schrieb nun der Chef des Dachverbands des staatlichen Gesundheitsdienstes an die britische Regierung. Krankenhäuser seien nahezu unter dem gleichen extremen Druck wie im Januar 2021, auf dem Höhepunkt der zweiten Welle der Pandemie. Es wird aber vermutet, dass die Zahl der Menschen, die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, mit sinkenden Infektionszahlen ebenso abnimmt.

lau
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